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Pa Salieu - Send them to Coventry

Pa Salieu- Send them to Coventry

Warner
VÖ: 13.11.2020

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 4/10

Street fighter

Das mittelenglische Coventry wurde für das Jahr 2021 zur "UK City Of Culture" ernannt. Pa Salieu hat eine etwas andere Meinung über seine Heimatstadt: "C-O-V, hashtag city of violence." Eine durchaus angemessene Bezeichnung, schließlich wurde dem jungen Rapper hier nicht nur selbst in den Kopf geschossen, er erlebte im selben Gewaltakt auch den Tod seines besten Freundes. Vielleicht war es jener tragische Vorfall, der die letzten Brocken Wut, den letzten Hunger aus Salieu herauskitzelte und seinen kometenhaften Aufstieg in den darauffolgenden zwölf Monaten förderte. Mit Radio-Airplay, Coverstorys und einer Zusammenarbeit mit FKA Twigs wuchs der 22-Jährige vom Krankenhausbett zu einem der heißesten Newcomer des Vereinigten Königreichs. Vor allem seine Ambiguität fasziniert, mit der er sich im überfüllten Rap-Zirkus seine eigene Nische meißelte. Er bedient sich am von J Hus kultivierten Afroswing, belädt dessen Melodieseligkeit aber mit einer ordentlichen Schippe Dreck und dampfender Galle. Der Brite veranstaltet eine musikalische Weltreise, verbindet Elemente seiner gambischen Wurzeln mit Grime, US-Trap und karibischem Dancehall – und führt diese Flexibilität auch in Lyrics und Flow fort.

Dass sein Debüt "Send them to Coventry" aus denkbaren Gründen ein halbes Jahr in der Schwebe verharren musste, hat dessen Explosivität nicht einmal angekratzt. Der Opener "Block boy" braucht nur gute zwei Minuten, um einen Cocktail eigentlich nicht zusammenpassender Stoffe zu zünden. Der karge Beat baut Anflüge von Achtziger-Gitarren um seine mitreißende Hook, während Salieu unterm Kugelhagel auch Zeit für Introspektion findet: "I'm compensating mommy's pain before my soul flies / Many brothers lost life, tryna get by." Die hier schon präsenten Dancehall-Einflüsse versetzt "No warnin'" gemeinsam mit dem aus Trinidad stammenden Boy Boy ins Kühlhaus. Nicht nur hier ist es beeindruckend, wie Salieu seine Pop-Momente mit einer unfreundlichen Härte in Produktion oder Vortrag untergräbt. Die Hit-Single "Frontline" setzt auf knochentrockenes Klappern und Sirenen-Synths, und auch "Flip, repeat" passt trotz Autotune nicht gerade in irgendwelche Digster-Playlists. "Betty" – natürlich kein Liebeslied – könnte mit seinem Singsang jede Tanzfläche in Brand stecken, wäre da nicht die Paranoia der leicht verschobenen Hintergrundkulisse. "Informa" stellt indes musikalisch einen Ruhepol dar, zeichnet aber das vielleicht eindrücklichste Bild der rauen Straßen Coventrys.

Mit seiner Backstory sammelt Salieu Punkte auf der im Rap immer noch so unverhältnismäßig wichtigen Realness-Skala, doch lässt er sich nicht darauf festnageln: Man höre etwa die unterschiedlichen Rollen, die er über dem Flöten-Beat von "Over there" mit dezenten Stimmveränderungen verkörpert. Zwischen leiser Reflexion und kochender Wut trifft das Album alle Töne. Unter einem schwülen Moroder-Schimmer setzt sich "More paper" am deutlichsten mit dem ermordeten Buddy auseinander: "I blame myself, I never saw who killed AP / Pain turns to anger when I'm reminiscing." Das Komplement dazu bildet das BackRoad-Gee-Feature "My family", das in seiner dynamischen Aggression kaum zu bändigen ist. Seinen Abschluss findet "Send them to Coventry" allerdings tatsächlich in der Versöhnung. In "B***k" geht es zwar auch um Rassismus, doch dominiert hier – gestützt von einer fidelen westafrikanischen Folk-Melodie – der Stolz auf die eigene Herkunft. Auch der butterweiche Closer "Energy" formuliert mit Toto-Synthies, Slap-Bass und der Soul-Sängerin Mahalia eine Kampfansage positiver Natur: "Crown on my head, I was born shinin' / They put us in the dirt so we keep dyin' / I died a hundred times and I keep fightin'." Selbst in der Stadt der Gewalt findet sich an mancher Ecke noch Platz für Optimismus.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Frontline
  • Betty
  • My family (feat. BackRoad Gee)
  • Energy (feat. Mahalia)

Tracklist

  1. Block boy
  2. No warnin' (feat. Boy Boy)
  3. Frontline
  4. Flip, repeat
  5. Informa (feat. M1llionz)
  6. Over there
  7. Betty
  8. Pile up (Interlude)
  9. More paper (feat. Eight9fly)
  10. Active (feat. Ni Santora, Lz Dinero, Stizee & Shakavellie)
  11. T.T.M.
  12. They don't know (Interlude)
  13. My family (feat. BackRoad Gee)
  14. B***k
  15. Energy (feat. Mahalia)

Gesamtspielzeit: 38:45 min.

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Armin

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2020-12-10 21:02:47 Uhr - Newsbeitrag
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