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The Postal Service - Everything will change

The Postal Service- Everything will change

Sub Pop / Cargo
VÖ: 04.12.2020

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

I am not permanent

2020 war kein gutes Jahr für den US-amerikanischen Postal Service. Im Rahmen einer seiner verzweifelten Machterhaltungs-Schikanen sagte ein gewisser Ex-Präsident dem Post-System seiner Nation den Kampf an: Briefwahlen wurden erschwert, Mailboxen abtransportiert und der gesamte Postverkehr litt unter teilweise erheblichen Verzögerungen. "What does the Postal Service mean for you and your community?", fragte Bernie Sanders in einem Tweet – und weckte bei manchen Musikfans damit noch andere Assoziationen. Ja, auch fast zwei Dekaden nach seinem Erscheinen hält sich ein kleines Album namens "Give up" wacker im kulturellen Gedächtnis des Indie-Pop. Was Ben Gibbard (Death Cab For Cutie), Jimmy Tamborello (Dntel) und Jenny Lewis (Rilo Kiley) 2003 auf die Welt losließen, machte jeden noch so engstirnigen Gitarren-Puristen zum kurzzeitigen Enthusiasten von Elektropop. The Postal Service erfanden nicht gerade den Drumcomputer neu, führten mit ihrer emotional reichhaltigen Melodieseligkeit aber die der elektronischen Musik schon immer zu Unrecht vorgetragenen Künstlichkeitsvorwürfe ad absurdum. Der heiß ersehnte Nachfolger erschien nie, doch kam es 2013 zu einer kleinen Reunion samt zwei neuer Tracks, einer Deluxe-Variante des Debüts sowie diversen Live-Shows, verewigt im Konzertfilm "Everything will change".

Nun, sieben weitere Jahre sind vergangen, gibt es das im kalifornischen Berkeley aufgenommene Material jenes Films auch als digitales Live-Album. Eventuelle Sinnfragen, gerade nach der extremen Verzögerung, lösen sich ganz schnell in Rauch auf, sobald die ersten gedämpften Synths von "The district sleeps alone tonight" erklingen und der Track in seiner unsterblichen Hook den gewohnten Sog entwickelt. Irgendwann Anfang der Nullerjahre muss Gibbard in einen Zaubertrank-Topf der schönsten Melodien gefallen sein und zum Glück hat er sie nicht ausschließlich für "Transatlanticism" ausgeschöpft. Natürlich zünden all diese klanggewordenen Tischfeuerwerke immer noch, zumal das von Laura Burnhenn unterstützte Trio die genau richtige Dosierung an Live-Variation findet. Kleine perkussive Spielereien oder Gitarren-Akzente verhindern eine Redundanz der Stücke gegenüber ihren Studio-Versionen, verändern sie aber nicht wesentlich. Vor allem die aktiveren Songs wie das von einem fiebrigen Bass gehetzte "Clark Gable" gewinnen in der hiesigen Darbietung nochmal an Zug: Man höre etwa den Zuckerwatten-Rave, in den sich "We will become silhouettes" hineinsteigert, oder das überraschend harsche Noise-Sägewerk von "Natural anthem."

Die 16 Tracks starke Setlist umfasst alle Eigenkompositionen der Deluxe-Version von "Give up" samt zwei neuer Cover. Vor allem "Our secret" der Indie-Pioniere Beat Happening macht viel Laune, zeigt mit seinem leicht psychedelischen Lo-fi-Pop eine weniger New-Order'eske Seite der Achtziger. Der einzige Wermutstropfen von "Everything will change" ist schlicht der Limitationen seines Mediums geschuldet: Wie Lewis und Gibbard munter die Instrumente tauschen, wie begeistert erstere ihre echten und synthetischen Drums bearbeitet, wie unbeholfen letzterer die Hüften schwingt, als wäre er der schüchterne Junge am Rand des Abschlussballs – das muss man alles gesehen und nicht nur gehört haben, damit es seine volle Wirkung entfaltet. Doch die gemeinsame Spielfreude kommt auch in akustischer Form so gut rüber, dass man die neuen Funken der Inspiration zu knistern wähnt. Ein Trugschluss, leider. Gegen Ende der Platte schließt eine neue Interpretation von Dntels "(This is) the dream of Evan and Chan", der ersten Kollabo von Gibbard und Tamborello, den Kreis und tatsächlich kündigte die Band nach diesen Konzerten ihr Ende an. Aber weil ja gerade die Zeit der Wunder ist, wünschen wir uns jetzt einfach mal was: Vielleicht raufen sich die Gallagher-Brüder wieder zusammen, vielleicht gewinnt Schalke 04 mal wieder ein Fußballspiel und vielleicht, ganz vielleicht, erleben wir in diesem Leben noch ein zweites Album von The Postal Service. Ihr institutioneller Namensvetter hat sich schließlich auch wieder aufgerappelt.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • The district sleeps alone tonight
  • We will become silhouettes
  • Clark Gable
  • Such great heights
  • Natural anthem

Tracklist

  1. The district sleeps alone tonight
  2. We will become silhouettes
  3. Sleeping in
  4. Turn around
  5. Nothing better
  6. Recycled air
  7. Be still my heart
  8. Clark Gable
  9. Our secret
  10. This place is a prison
  11. There's never enough time
  12. A tattered line of string
  13. Such great heights
  14. Natural anthem
  15. (This is) the dream of Evan and Chan
  16. Brand new colony

Gesamtspielzeit: 73:28 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

jo

Postings: 2835

Registriert seit 13.06.2013

2020-12-14 16:52:55 Uhr
Und mit Gibbard solo?

Henri7

Postings: 1

Registriert seit 14.12.2020

2020-12-11 23:11:59 Uhr
...“give u“p ist eines der besten Album ever - und die Live-Umsetzung absolut gelungen. Warte trotzdem tapfer auf Album No.2 - komischerweise konnte ich mit Death Cab for Cutie nie etwas anfangen.

jo

Postings: 2835

Registriert seit 13.06.2013

2020-12-10 21:11:04 Uhr
Schöne Rezension - mit dem kleinen Makel, Schalke 04 einen Sieg zu wünschen... Aber das sei bei diesem Herzensprojekt mal verziehen ;). Ich würde allerdings auch eher zur Blu-ray raten - tolle Bilder zu tollen Songs.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 19895

Registriert seit 08.01.2012

2020-12-10 20:59:03 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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