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Soundtrack - Crazy

Soundtrack- Crazy

Laughing Horse / Edel
VÖ: 09.06.2000

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Verrückte Welt

Es war eine der Stunden, die einem den Glauben an das Gute in der Welt zurückgeben. Man sitzt im Kino, in einem deutschen Film wohlgemerkt, und läßt einen Streifen namens "Crazy" (der im übrigen deutlich besser war als befürchtet) über sich ergehen. Irgendwann, ungefähr zur Hälfte des Films glaubt man, im Hintergrund eine von sanften Akustikgitarren begleitete Stimme zu hören, die einem bekannt vorkommt. Wie sich später herausstellen sollte, war es die Stimme von Markus Acher (The Notwist). Szenenwechsel. Ein lautes Rockstück dröhnt aus den Dolby-Surround-Boxen, ein unterschwellig bekanntes, zu dem erst der Abspann mit dem angejahrten "Grindstone" von Motorpsycho die Auflösung brachte.

Zehn Minuten später folgt die nächste Überraschung, die für mich diesmal endlich zu spezifizieren war. Die Jugendlichen im Film feiern ausgelassen eine Party, untermalt von "Sensation" der Ingolstädter Indie-Pop-Hoffnung Slut, was in der Tat bereits eine Sensation an sich ist. Dann wird es romantisch. Eine sanfte Gitarre umschmeichelt aller Ohren, und mich hält es endgültig nicht mehr in den Kinosesseln. "Serpentine" von dEUS, eine meiner persönlichen All-Time-Lieblingsballaden erklingt. Aus heiterem Himmel, einfach so, in einem deutschen Film. Danach verwunderte mich gar nichts mehr. Nicht, daß nach Ende von "Serpentine" die Ingolstädter Pelzig mit "Temper" den Pixies die Ehre erweisen. Nicht, daß Folk-Altmeister Vic Chesnutt zur "Ruhe nach dem Sturm"-Szene am Ende mit "Yesterday, tomorrow and today" seine akustischen Weisheiten verströmt. Und auch nicht, daß der Neuseeländer Smog mit "Teenage starship" einmal mehr beweist, wie wohlig und warm die juvenile Stille sein kann.

Was folgt ist der Abspann und damit die große Aufklärung aller nicht auf den ersten Ton erkannten Stücke, untermalt von einem bestens bekannten Stück aus den Single-Charts. Die Tatsache, daß sich die Teenie-Stars Echt nun schon zum zweiten Mal an einem Rio Reiser-Klassiker versuchen, war ja keine wirkliche Überraschung. Um so erfreulicher ist hingegen, daß dies nach ihrem mißglückten Modernisierungsversuch von "König von Deutschland" nun mit dem melancholischen "Junimond" keineswegs in Leichenfledderei ausartet.

Der Soundtrack an sich, und darum geht es hier ja eigentlich, hat hingegen leider einige Enttäuschungen zu bieten. Für die Stücke von dEUS und Motorpsycho erhielt man leider nur eine Freigabe für den Film, keine aber für den Soundtrack. Zu den anderen erwähnten Stücken gesellen sich Scorefragmente, die aus der gemeinsamen Feder von Christoph Kaiser (Ex-Jeremy Days) und Echt-Gitarrist Kai Fischer stammen und in den besten Fällen unscheinbar, oft aber einfach nur peinlich sind. Nicht weniger fehl am Platze sind die zahlreichen Dialogausschnitte, die Namen tragen wie "Sind wir Freunde?" oder "Kekswichsen" (sic!) und sich im Kontext des Films teilweise schlüssig anhörten, auf Platte aber überaus störend wirken. Zudem darf der "Dünne Felix und seine Band" aus dem Film zwei Stücke aus dem Film auf unterstem Schülerband-Niveau performen.

Was bleibt ist ein Soundtrack mit zwei Seiten: Auf der einen stehen sieben sehr gelungene Stücke, die teilweise bereits alleine als Kaufempfehlung ausreichen. Auf der anderen gleich 18 Lückenfüller und Störenfriede, die man sich vielleicht im Kino, in den heimischen vier Wänden jedoch niemals anhören würde und die der "Program"-Taste ihre Daseinsberechtigung verleihen. Und was noch bleibt ist das erfreuliche Wissen, daß auch Filmproduzenten manchmal eine durchaus geschmackssichere Wahl ohne kommerzielle Hintergedanken treffen können.

(Armin Linder)

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Highlights

  • Teenage spaceship (Smog)
  • Temper (Pelzig)
  • Yesterday, tomorrow and today (Vic Chesnutt)

Tracklist

  1. Nach Neuseelen
  2. Je m'apelle Benjamin
  3. Ungeheuer teuer
  4. Gleichung mit zwei Unbekannten
  5. Off the rails (Notwist)
  6. Kekswichsen
  7. Ins Heimatmuseum
  8. My truth (Anna Loos)
  9. Turmspringen
  10. Crazy (Dünner Felix und seine Band)
  11. Benjamin und Troy
  12. Teenage spaceship (Smog)
  13. Fotolovestory
  14. Sensation (Slut)
  15. Somehow we try (Credit To The Nation)
  16. Nur ein Grund
  17. Temper (Pelzig)
  18. Sind wir Freunde?
  19. Welcome (Slut)
  20. Ich will dir nicht wehtun
  21. Yesterday, tomorrow and today (Vic Chesnutt)
  22. Abschied
  23. Rote Rosen (Gesungen von den Darstellern)
  24. Junimond (Echt)

Gesamtspielzeit: 54:21 min.

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