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Jono McCleery - Here I am and there you are

Jono McCleery- Here I am and there you are

Ninety Days / Zebralution
VÖ: 20.11.2020

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Ebbe und Flut

Manchmal ist es sinnvoll, ein Album von seiner letzten Textzeile aus zu erkunden. "My heart leans to the open sky", singt Jono McCleery da, während zackige Streicher seine gezupfte Gitarre anfallen und man nicht so recht weiß, ob sie nun gerade umgarnt oder attackiert wird. Zwischen Hoffnung und Vorsicht pendelt entsprechend auch der Satz und gibt zugleich so etwas wie den programmatischen Ansatz McCleerys preis. In ihrer Essenz sind die elf Lieder auf "Here I am and there you are" natürlich Folk-Songs, vertraut und nachdenklich, doch immer offen für den externen Einfluss. Der Folk funktioniert hier nämlich als Fundament und Sprungbrett für weiter schweifende musikalische Erkundungen, was nicht zuletzt mit McCleerys Sozialisation zusammenhängt. Als Teil des One Taste Collective tourte er früh mit Weggefährten wie Kate Tempest oder Portico Quartet und gehörte zu einer Londoner Szene, die ihren Eklektizismus fröhlich zelebrierte. Und auch ein Blick in die Historie des britischen Folk offenbart eine Tendenz zum Experiment, sei es in den komplexen Kompositionen Robert Wyatts oder den markanten Songs John Martyns, der den Jazz einst zum Tanz mit traditionellem Folk einlud. Jener Martyn ist es auch, den McCleery gerne als prägend hervorhebt, als Innovator, der den Weg freimachte.

In gerade einmal vier Tagen hat der 37-Jährige sein neues Album eingespielt – immerhin das erste echte seit fünf Jahren, die 2018er-Coversammlung "Seeds of a dandelion" einmal ausgeklammert – entsprechend homogen und flüssig kommt es daher. Die Single "Follow" begrüßt mit subtilen Akkordwechseln und sanft wogendem Rhythmus, der McCleery zu einem bittersüßen Aufbruch veranlasst: "Can't you see / The tide pulling / A feeling wash." Das anschließende "Call me" macht den eingängigen Einstieg perfekt, lässt seine Strophen ungemein cool daherkommen und folgt ebenfalls noch einer recht konventionellen Songstruktur, doch schon bald erweitert sich die Palette. "To watch the world slip away" beginnt als freundlicher Bossa Nova, in den sich nach und nach ein kontemplatives Mellotron mischt, und planiert den Weg für das knapp siebenminütige Herzstück des Albums, in dem McCleery alle Register seines Könnens zieht. Intensive Vocals, die Nick Drakes intime Wärme mit souligem Volumen vermählen, über einer nervösen Gitarrenfigur erhöhen zunächst die Anspannung, bis der Song plötzlich abzubrechen scheint und die Stille an Bedeutung gewinnt. Als täte sich eine idyllische Lichtung im Zentrum des Liedes auf, in der sich ein fragiles Cello und berückende Melodien kennenlernen – so macht es den Eindruck, bevor "Promise of spring" wieder Fahrt aufnimmt und in einem Mantra endet, das die berühmte Losung des "kleinen Prinzen" aufgreift: "And the heart is made up / By the things that I can't see anymore." Schöner und berührender klingt progressiver Folk selten.

In der zweiten Hälfte folgt das Album immer wieder diesem Wechselspiel aus Spannung und Ruhe, das sich in den Zeilen des Openers bereits verbildlicht hat: In den Gezeiten findet McCleery einerseits ein Motiv für seine Kompositionen, die in "Soldier in the sound" oder "Trouble in me" gekonnt subtil anschwellen und abebben, aber auch für seine Texte. Dort rauschen schemen- und traumhaft An- und Abwesenheiten vorbei, während die Natur von jenem mysteriösen Schillern umgeben ist, wie es insbesondere Städter wahrzunehmen scheinen. Wollte man "Here I am and there you are" einen Vorwurf machen, könnte er lauten, dass es sich vielleicht etwas zu dezent präsentiert und stellenweise als Hintergrundmusik oder Eskapismus abgetan werden könnte. Je intensiver man sich jedoch mit den feinsinnigen Harmonien und stellenweise jazzigen Akkordfolgen auseinandersetzt, desto virtuoser und stimmungsvoller wirken sie. Ähnlich verhält es sich mit dem Albumtitel, der aus Terry Calliers psychedelischem Soul-Meisterwerk "Dancing girl" zitiert, einem anderen Helden McCleerys. Vordergründig simpel, legt er seine Schichten mit der Zeit offen. Und bietet so auf unaufdringlich luftige Weise Raum für Reflektion.

(Viktor Fritzenkötter)

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Highlights

  • Call me
  • Promise of spring
  • New light

Tracklist

  1. Follow
  2. Call me
  3. Many times
  4. To watch the world slip away
  5. Promise of spring
  6. Light of the shade
  7. The thing is
  8. Soldier in the sound
  9. By your side
  10. Trouble in me
  11. New light

Gesamtspielzeit: 51:45 min.

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Armin

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2020-11-30 22:47:32 Uhr - Newsbeitrag
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