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Aesop Rock - Spirit world field guide

Aesop Rock- Spirit world field guide

Rhymesayers Entertainment / Cargo
VÖ: 13.11.2020

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Supercalifragilisticexpialigetisch

Mittlerweile ist man es gewohnt, viel Zeit mit jedem neuen Release von Rap-Erneuerer und Reime-Revolutionär Aesop Rock verbringen zu können. Begann sein Aufstieg in den Hip-Hop-Olymp noch Schlag auf Schlag mit dem 2001er-Durchbruch "Labor days" sowie den Form und Ruf bestätigenden Nachfolgern "Bazooka tooth" und "None shall pass", wurde es darauf zunehmend ruhiger um den New Yorker. Man bekam mehr und mehr den Eindruck, dass der Songwriter und Producer seiner Kunst viel Raum zum Atmen und Entfalten lässt, was das bemerkenswerte "Skelethon" von 2012 auch eindringlich bestätigte. Formvollendet und abstrakt, wie ein Labyrinth frästen sich seine Zeilen hier durch jeden Song, dass einem schwindelig werden konnte, hätten einen die satten Beats nicht sanft, aber nachdrücklich in den Sessel gedrückt.

Diesen Modus Operandi hat Aesop Rock im vergangenen Jahrzehnt perfektioniert. Das moderne Boom-Bap- und Conscious-Rap-Meisterwerk "The impossible kid" präsentierte ihn Mitte der 2010er-Jahre in der Form seines Lebens. Nach einem kurzen und schier endlos unterhaltsamen Ausflug Richtung Neo-Psychedelia mit dem verbrüderten Weirdo Tobacco als Malibu Ken dürfen wir vier Jahre später mit "Spirit world field guide" wieder eintauchen in den verschlungenen Irrgarten Aesops komplexer Wortgeflechte. Gleich zu Beginn des Albums scheint es jedoch, als wären Aesop die zunehmend esoterisch anmutenden und beinahe unlösbar abstrahierten Redeflüsse seiner letzten Projekte etwas zu Kopf gestiegen. Ein zweiminütiges Intro, das so ereignisarm und zäh vor sich hin plätschert, als wäre es mindestens doppelt so lang, dient dem Hörer als eine Art Handbuch für das, was in der folgenden Stunde auf ihn zukommt. "Spirit world travel is not recommended for the faint of heart or weak of stomach." Na dann mal los.

Glücklicherweise ist dieses Intro nur die Kassenschlange für den umwerfenden Achterbahnritt, der darauf folgt. "The gates" bopt noch verdrießlich, aber nonchalant Richtung Gipfel, bis mit dem grandiosen "Button masher" die Abfahrt beginnt. Ein Basslauf aus der Bibel des Boom-Bap, sleeke Gitarrenlicks und satte Drums lassen gerade so genügend Platz für Aesops verästelte Raps. Schnell wird klar, dass der etwas schläfrige Einstieg so soll und sogar muss, denn der Albumtitel ist Programm: "I guess it’s an attempt to name the mindset of someone who may feel disconnected and/or alone. You are not lost, you are in the spirit world — which is what you make of it." Die ideelle Realitätskrise unserer Zeit, verursacht durch Einsamkeit, Fake News und Entmenschlichung, lässt jeden von uns in seine eigene spirituelle Welt fliehen. Alltägliche Zeitvertreibe wie Videospiele oder zielloses Gedudel auf dem heimischen Synthesizer — wie im bereits erwähnten "Button masher" — werden zu obsessiven, gar manischen Ablenkungsmanövern, weil irgendwo tief da drinnen etwas ganz gewaltig nicht stimmt.

Zügellose Paranoia wie im kurzen, prägnanten "Dog at the door" ist nur eines der Symptome unserer unübersichtlichen Realität. So gerät das an die Haustür gerichtete Bellen des Hundes zu einer Angstattacke, ausgelöst durch die tiefliegende Gewissheit, dass da draußen irgendwas auf Dich wartet, Dir auflauert, nur den richtigen Moment abpasst, um Dich zu kriegen — dabei ist es bloß die Nachbarskatze. Es sind leichte, humorvolle Momente wie dieser, die das Album davor bewahren, allzu verkopft und schwermütig zu wirken. Auch die Abwechslung im Bereich der Beats und Instrumentals sorgt für Kurzweiligkeit und diverse Highlights, sodass diese 65-minütige Reise wie im Rausch vergeht. Dieser Kampf zwischen kühlem Kopf und Wahnsinn erzeugt ein weiteres Meisterwerk der Abstraktion und liefert letztlich die Erkenntnis: Es spukt gewaltig und die Wände stürzen ein, aber ja, uns geht’s gut hier.

(Lars-Thorge Oje)

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Highlights

  • Button masher
  • Dog at the door
  • Boot soup
  • Attaboy
  • Kodokushi

Tracklist

  1. Hello from the spirit world
  2. The gates
  3. Button masher
  4. Dog at the door
  5. Gauze
  6. Pizza alley
  7. Crystal sword
  8. boot soup
  9. Coveralls
  10. Jumping coffin
  11. Holy waterfall
  12. Flies
  13. Salt
  14. Sleeper car
  15. 1 to 10
  16. Attaboy
  17. Kodokushi
  18. Fixed and dilated
  19. Side quest
  20. Marble cake
  21. The four winds

Gesamtspielzeit: 63:18 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Watchful_Eye

User

Postings: 2217

Registriert seit 13.06.2013

2020-12-19 13:42:26 Uhr
Immer noch kein Zeichen von Abnutzung bei mir. Ich tendiere mittlerweile schon zur 9, weil ich das Teil praktisch immer noch den ganzen Tag hören kann und es so derart gut durchflowt. :3

Die Rezension fand ich übrigens auch stark, obwohl der Rezensent die Highlights des Albums an anderer Stelle sieht als ich. Aber das ist subjektiv; die Atmosphäre des Albums hat er toll beschrieben.

fuzzmyass

Postings: 4015

Registriert seit 21.08.2019

2020-11-24 20:45:36 Uhr
Jo, wie gesagt - 8/10 auch von mir... dufte Platte!!

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 19175

Registriert seit 08.01.2012

2020-11-24 20:29:23 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

fuzzmyass

Postings: 4015

Registriert seit 21.08.2019

2020-11-21 16:24:32 Uhr
Jo, gefällt mir auch sehr... ja, es ist etwas lang und nicht sehr vielseitig, deswegen fällt der erste Hördurchgang noch etwas spröde aus, aber nach 2-3 maligem Hörvergnügen ein Top Album von vorne bis hinten... 8/10

Watchful_Eye

User

Postings: 2217

Registriert seit 13.06.2013

2020-11-21 15:59:37 Uhr
Dafür, dass das Album 21 Tracks umfasst und ein Konzeptalbum darstellen soll, läuft es, von einem etwas nervigen 53-Sekunden-Interlude abgesehen, sauber durch. Ist schon beeindruckend, auf welchem Niveau Aesop Rock solche Tracks en masse produzieren kann. Das kann ich echt den Abend lang auf Repeat laufen lassen, ohne dass es nervt.

Die kleine Schattenseite dessen ist, dass es diesmal etwas an Schärfe und den Überraschungsmomenten fehlt. Das Album wirkt im positiven wie negativen Sinne routiniert - es ist stil- und treffsicher, aber frühere waren da vielseitiger. Das ist aber eine kleine Kritik.

Das Artwork der CD-Version enthält übrigens keine Lyrics, die Verpackung ist aber wieder mal recht kreativ.
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