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Common - A beautiful revolution pt. 1

Common- A beautiful revolution pt. 1

Loma Vista
VÖ: 30.10.2020

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 4/10

Not the bullet

Joe Biden ist gewählter US-Präsident. Auch wenn der konservative Demokrat die Vereinigten Staaten nicht in ein soziales Utopia für benachteiligte Bevölkerungsgruppen verwandeln wird, lassen sich unter ihm vielleicht erste Schritte zur Einung eines zutiefst zerrissenen Landes unternehmen. Genau darum geht es auch Common, wenn er "A beautiful revolution" deklariert. Lonnie Lynn war schon immer eher der Martin Luther King als der Malcolm X des Conscious-Rap und plädiert auch auf seiner 13. Platte für einen harmonischen, gewaltfreien Aufstand gegen Ungerechtigkeit. Ob ein so naiver Revisionismus des Revolutionsbegriffs real etwas verändern kann, bleibt fraglich – doch während die angesichts rassistischer Polizeigewalt angemessene Wut bereits von Künstlern wie Run The Jewels oder Sault kanalisiert wird, fügt Commons Ansatz dem Spektrum schwarzer Protestmusik ein ebenso berechtigtes Element hinzu. Musikalisch vertraut er dabei weiterhin auf die Charakteristika von "Let love": soulige Beats gespielt von einer Live-Band, die dieses Mal der renommierte Pianist Robert Glasper anleitet. Während jener Vorgänger es sich aber etwas zu bequem in seinem Liebesgeschwurbel machte, gerät "A beautiful revolution pt. 1" fokussierter, dringlicher und auch textlich schärfer.

Der friedliche Gestus des 48-Jährigen bedeutet nämlich freilich nicht, dass er die Unterdrücker verbal mit Wattestäbchen bearbeitet: "Black bodies falling in the hands / And the clutches of descendants of the Dutchmen / Anglo mother fuckas that don't love us / Wranglers it's in their genes to cuff us." Der Opener "Fallin'" breitet seine historischen Argumente für das Misstrauen gegenüber dem Staat über elegant perlenden Saiten mit einem entspannten, wenn auch bestimmten Vortrag aus. Auch im späteren "A place in this world" steckt ein ähnlicher Kontrast zwischen Wort und Ton. "You say all life matters / But you're paying no mind when black life shatters", rappt Common, doch in der Stimme von Gastsängerin PJ – ohne Harvey – geht die Sonne auf. Die in vier Songs vertretene Frau ist die Geheimwaffe des Albums: Ihre inspirierenden Heizstrahler-Hooks haben einen Löwenanteil daran, dass die hoffnungsvolle Botschaft ankommt. Sie trägt den geschmeidigen Funk von "What do you say (Move it baby)" ebenso wie die Piano-und-Streicher-Ballade "Courageous" – auch wenn ihr im letztgenannten Stück ein Mundharmonika-Solo die Show stiehlt, das Stevie Wonder stolz machen würde.

Ein wenig gleichförmig klingt die Platte durchaus, was aber kein Kritikpunkt ist, da die Homogenität die Atmosphäre fördert. Umso eindrücklicher gelingen auch die Momente, die aus der loungigen Grundstimmung ausbrechen. Im herrlich rumpelnden "Say peace" schickern sich Schlagzeug und Bass solange an, bis sie gedanklich im Jazz landen, während Common gemeinsam mit The-Roots-Legende Black Thought seinen inneren Frieden inmitten der äußeren Unruhen findet. Noch mehr Dampf macht nur "A riot in my mind": Star-Gast Lenny Kravitz klimpert erst sanft auf der Gitarre, rifft dann gallig und entlockt seinem Chicagoer Kollegen inmitten von Sirenen-Geräuschen einen ungewohnt angepissten Flow. "A beautiful revolution pt. 1" ist seiner Intention entsprechend ein Gemeinschaftsalbum – von seiner prall gefüllten Feature-Liste bis zu den in den Lyrics stets präsenten bedeutsamen Figuren schwarzer Kulturgeschichte. Auch die letzten Worte gehören nicht Common selbst, sondern Fans und Freunden, die nach dem sanften Rausschmeißer "Don't forget who you are" in einer Outro-Collage ihre Assoziationen zum Albumtitel preisgeben. Nein, es fehlt letztlich das Vertrauen in die menschliche Vernunft, um tatsächlich daran zu glauben, dass das reine Beteuern von Solidarität und Liebe die Welt substanziell verändern wird. Doch es ist eine schöne Utopie, in die man sich hier eine ohrenschmeichelnde halbe Stunde lang fallen lassen kann.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Say peace (feat. Black Thought)
  • A riot in my mind (feat. Lenny Kravitz)

Tracklist

  1. (A beautiful revolution) Intro
  2. Fallin'
  3. Say peace (feat. Black Thought)
  4. What do you say (Move it baby) (feat. PJ)
  5. Courageous (feat. PJ)
  6. A place in this world (feat. PJ)
  7. A riot in my mind (feat. Lenny Kravitz)
  8. Don't forget who you are (feat. PJ)
  9. (A beautiful revolution) Outro

Gesamtspielzeit: 34:23 min.

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Armin

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2020-11-18 20:43:39 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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