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All Diese Gewalt - Andere

All Diese Gewalt- Andere

Glitterhouse / Indigo
VÖ: 06.11.2020

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Josef in Rot

"Neue Bilder für die Massen", so hörte man es mit als erstes von dieser Platte. Einfacher sollte es werden. "Die Vorstellung, man müsse Sprache in Musik poetisieren, finde ich nicht treffend und ich finde es nicht mehr zeitgemäß, sich abzuheben und elitär zu sein." So gibt es Max Rieger anlässlich "Andere" zu Protokoll – das zweite oder dritte Album seines Alias All Diese Gewalt, je nachdem ob man das großartige, aber kurze "Kein Punkt wird mehr fixiert" mitzählt oder nicht. Klar ist, dass der Bruch zum Vorgänger "Welt in Klammern" gewünscht und offensichtlich ist. Jenes lullte auf meisterhafte Weise in außerweltliche Unkonkretheit ein. Die optische Komponente signalisiert bereits den Wechsel: Dominierten vorher gediegene Grau- und Blautöne, taucht sich "Andere" in ein grelles Rot. Mitsamt einer dicken Knarre. Das Bild ist nicht ohne künstlerischen Wert, man muss sich nur ebenso dran gewöhnen, wie an die neue Einfachheit in Musik und Text. Das gelingt oft, nicht immer.

Rieger schießt dann am weitesten daneben, wenn er sich am weitesten rauswagt. Die zweite Single "Erfolgreiche Life" ist von ihrem Titel bis zu den repetitiven Lyrics ein völliger Fehlschuss. Der Titel, der nach einem vier Jahre alten Meme klingt, der Autotune-Einsatz über seiner gewohnt affektierten Stimme, der vielleicht sagen soll "Schau mal, Ironie!" – und nur zeigt, dass Rieger Pop und Autotune genauso wenig versteht wie den Wiederspielwert eines ironischen Bruchs. Drangsal bekommt Ähnliches besser hin. "Und ich warte, warte, warte, dass etwas passiert", heißt es wenig später bezeichnend. Auch hier legen sich die Gesangspassagen unbequem über die harmonische, klaviergeschwängerte Begleitung, stören aber mehr, als dass sie eine willkommene Kante schaffen. Braucht man die x-te Zeitgeist-Kritik wie "Echokammer" wirklich, dessen Titel eigentlich schon alles vorweg gibt? "Echokammer, Leben in der Blase / Echokammer, Staub in der Oase." Blubb.

Die im besten Fall durchwachsene erste Hälfte wird glücklicherweise abgelöst von einer rundum gelungenen zweiten. Beim verhallten Gothrock von "Grenzen" denkt man zwar ständig, dass gleich Robert Smith um die Ecke lugt, aber das ist ausdrücklich als Kompliment gemeint. Zumal Rieger selbst hier eine gute Performance hinlegt und für "die Angst neutraler Leute vor gestern, morgen, heute" ausreichend Galle in die Stimme legt. Das komplementäre "Gift" folgt auf dem Fuße und mündet als stures Elektrobiest in ein massives, dramatisches Finale, bei dem die Einfachheit des Textes im Einklang mit der militärischen Wucht funktioniert: "Ich will das hier nicht!" Die Menschenleere von "Sich ergeben" schlägt wieder mehr in die Kerbe, die schon "Welt in Klammern" ausgewetzt hat, nur mit mehr Beat dahinter. Der abschließende Titeltrack, zugleich der erste Vorbote und Frühwarnsystem, macht zwar einiges richtig, aber es sich mit dem arg simplen Crescendo auch etwas zu einfach.

"Ich steh' auf, leg' mich hin / Alles hat seinen Sinn." "Blind" ist erneut simpler gehalten, kann als reduzierte Klavierballade aber massiv punkten. Wie Pop im Universum von All Diese Gewalt eben doch funktionieren kann, zeigt zudem "Maske", das mit seinem "Etwas, das ich niemals haben kann"-Refrain auch als verschollener Achtziger-Hit durchgehen könnte. Trotzdem bleibt "Andere" zu oft nur bei Andeutungen, wie ein erfolgreich umgesetztes Synthpop-Album aus dem Hause Rieger sein könnte. An vielen Stellen sind die Songs zu plakativ, zu repetitiv, stehen sich im Weg – genau wie die Erwartungen, die besonders "Welt in Klammern" mit seinem eigenwilligen Sound aufgebaut hat. Möglicherweise hat das alles Meta-Bedeutungen, die irgendwann Sinn ergeben, aber deshalb nicht zwingend Spaß machen. Sagt sogar der Kunstschaffende selbst: "Ich finde das Album, so wie es jetzt geworden ist, furchtbar", meint Rieger. Sicher ist da auch irgendwo eine Ironie-Ebene hinter jenem Wortgeballer. Jesses, Maria.

(Felix Heinecker)

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Highlights

  • Grenzen
  • Gift
  • Blind

Tracklist

  1. Halte mich
  2. Erfolgreiche Life
  3. Dein
  4. Etwas passiert
  5. Echokammer
  6. Grenzen
  7. Gift
  8. Maske
  9. Sich ergeben
  10. Blind
  11. Andere

Gesamtspielzeit: 39:11 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Obrac

Postings: 1158

Registriert seit 13.06.2013

2020-11-12 18:14:41 Uhr
Ich weiß auch nicht, was alle haben. Bin komplett zufrieden mit dem Album. Die Atmosphäre passt und stilistisch finde ich es nicht weit entfernt von der letzten.
Irgendwer hat hier von Schlager gesprochen. Ich finde, der Begriff wird viel zu oft bemüht. Es gibt auch melodiöse Musik, die kein Schlager ist.

dieDorit

Postings: 1018

Registriert seit 30.11.2015

2020-11-12 17:34:40 Uhr
Ich mag das Album immer lieber. Meine Favoriten sind Dein, Gift und Maske.

Lateralis84skleinerBruder

Postings: 209

Registriert seit 03.03.2019

2020-11-12 15:34:32 Uhr
Total unnahbarer Typ. Auf der einen Seite kommt er total als Mr Obercool rüber und dann erwärmt er völlig geerdet und sympathisch mein Herz mit seiner Liebe zu Spirit of Eden :)

Eurodance Commando

Postings: 747

Registriert seit 26.07.2019

2020-11-12 14:39:36 Uhr
Echt beeindruckend, was der mit gerade mal 27 Jahren so auf dem Kasten hat.

Felix H

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 6019

Registriert seit 26.02.2016

2020-11-12 13:20:56 Uhr
Ja, definitiv. Es relativiert auch etwas die Aussagen in der Promo, die ich für sich genommen echt affektiert fand. Viel sympathischer.
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