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Bruce Springsteen - Letter to you

Bruce Springsteen- Letter to you

Columbia / Sony
VÖ: 23.10.2020

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Living proof

2020. Ein Jahr für Statistiker, für die Wissenschaft und Aluhütchen-Bastler und ein Jahr für esaklierende Diskurse um demokratische wie gesellschaftliche Werte, aber sicher kein Jahr zum Feiern. Vielmehr das Antonym. Da geht es Bruce Springsteen wie jedem anderen Menschen auch: Maske auf, zu Hause bleiben. Ein Blick in das Boss-Universum, oft tröstlich, offeriert auch hier alternative Sichtweisen. "Born to run" feiert 2020 seinen 45. Geburtstag, ein Meilenstein von einem Album und die explodierende Zündschnur, die aus Bruce Springsteen und seiner E Street Band eine der wichtigsten Institutionen der Rock-Geschichte werden ließ. Mit einer Wall of Sound ausbrechen aus dem Trott namens Alltag, raus auf den Highway, raus in die Welt. Das Doppelalbum "The river" erschien vor genau 40 Jahren. Wer Urlaub und Gemeinschaft vermisst, findet in beiden Platten noch immer songgewordenen Zuspruch, ein offenes Ohr wie Sehnsuchts- und Zufluchtsorte.

So weit ins Archiv des Mannes aus New Jersey zu schauen, fordert Springsteens 20. Studioalbum geradezu heraus. "Letter to you" ist ein Album voller Retrospektiven und Erinnerungen, voller Verluste – aber auch voller Vitalität. Ein Album mit und für die Band, für die Fans und ihre brüderliche wie schwersterliche Eintracht mit dem Boss. "Dug deep in my soul and signed my name true / And sent it in my letter to you", heißt es im Titeltrack. Nach der Biografie und seiner Broadway-Show"-Show mit Geschichten aus seinem Leben – alles rund um seinen 70. Geburtstag – nun eine Platte, die sich mit Sterblichkeit beschäftigt, verstorbener Wegbegleiter gedenkt und sehr weit in die Anfänge seines musikalischen Seins zurückreicht.

"Letter to you" verzichtet darauf, mit dem Opener die musikalische Richtung zu definieren. Stattdessen setzt Springsteen einen Rahmen um die Platte, baut ein Gerüst. Die eröffnende Nummer "One minute you're here" erinnert an verblichene Weggefährten. Ihre nachhallende spirituelle Präsenz, die wir in den Folgetracks erleben, führen im schließenden Albumstück zu einem Wiedersehen: "And though you're gone and my heart empty / It seems I'll see you in my dreams." Als George Theiss 2018 starb, machte das aus Springsteen "The last man standing", den letzten Verbliebenen seiner Teenager-Band The Castiles. Sicher nicht zufällig setzt Jake Clemons, Neffe des legendären E-Street-Band-Mitglieds Clarence Clemons, zum Saxofon-Solo an. Im Kontext von "Last man standing" wirkt es wahlweise wie ein Gruß an den unvergessenen "Big man" oder dessen Segen "von oben", sein "Ich bin noch bei Euch, Jungs".

"One minute you're here" öffnet an der Akustikgitarre mit "Devils & dust"-Atmosphäre und erlaubt zudem einen sanften Übergang vom orchestralen "Western stars" hin zu "Letter to you". Addiert die E Street Band zu Beginn dezente, selektive Töne, übernehmen sie fortan als Gemeinschaft das Ruder. Erstmals seit sechs Jahren spielen sie wieder gemeinsam mit Springsteen auf einem Album. Eine gefühlte Ewigkeit. Und bereits nach wenigen Takten eine spürbare Wohltat. Nach dem Titelstück und dem treibenden "Burnin' train", dessen Kern auch auf "Lucky town" gepasst hätte, glänzt "Janey needs a shooter" mit unnachahmlicher Brillanz. Das Stück gehört neben "If I was the priest" und "Song for orphans" zu den drei Nummern auf "Letter to you", die Springsteen 1972 auf ein Tape packte, um sich bei Clive Davis von Columbia Records für einen Vertrag zu empfehlen. Vor verdammten 48 Jahren – offiziell veröffentlicht: jetzt!

"Janey needs a shooter" fährt problemlos im imaginären Windschatten von "Racing in the street" auf "Darkness on the edge of town". Die Drumschläge von Max Weinberg, die Orgelsounds von Charles Giordano, der seit dem Tod Danny Federicis in der E Street Band agiert, Roy Bittans Pianotupfer und Springsteen, 71 Jahre alt, der sich mit Mundharmonika in den Song legt und diesen dominiert, als wäre er Anfang 30. Knapp sieben Minuten purer Genuss. Der Song verdrängt überdies die Nostalgie-Gedanken. Das ist keine Band, die versucht mit altem Material glorreiche Zeiten zu revitalisieren. Das ist eine Band, die sich mit den Qualitäten ihrer einzelnen Teile einen 50 Jahre alten Song zu Eigen macht und ins Hier und Heute transferiert.

"If I was the priest" und "Songs for orphans" geben wiederum Zeugnis davon, warum Springsteen in seinen Anfangstagen häufig mit Bob Dylan verglichen wurde. Wortreich fabuliert er in Ersterem mit religiösen Bildern in einer Wildwestern-Kulisse und lässt beim Hörer durch seine Reimform Gedanken an den "Gokart-Mozart" und "Madame Marie" aufblitzen. "And the holy ghost is the host with the most / He runs the burlesque show / Where they'll let you in for free and hit you when you go." Mehrstimmiger Gesang, Gitarren-Solo im Outro, herrlich. Die Mundharmonika weht durch "Songs for orphans"; sechs Minuten vergehen wie im Flug. Man kann nur erahnen, wie viele Schätze noch in Springsteens Archiv schlummern.

Noch so was wie "House of a thousand guitars"? Eigentlich kannst Du aus so einem Titel keinen guten Song machen. Außer Du bist der Boss. Wie unfassbar gut Springsteen hier klingt! In dem Stück, melancholisch gefärbte Dank- wie Weissagung zugleich, feiert Springsteen Live-Erlebnisse und das Zusammenspiel von ihm, Band und Publikum. "We'll rise together till we fire the spark that'll light the house of a thousand guitars." Warum sollte der Himmel voller Geigen hängen, wenn es auch Gitarren sein können? Aufgenommen in vier Tagen, quasi komplett live eingespielt und größtenteils ohne Overdubs produziert, klingt "Letter to you" vertraut und doch unglaublich frisch.

Kurios: Denn, wenn dieses Albums eines nicht möchte, dann irgendwie modern sein. Auch nicht inhaltlich. Politisches Statement: Fehlanzeige. Springsteen unterstützt den Demokraten Joe Biden im US-Wahlkampf und hatte mehrfach in Interviews sowie seinen "From my home to yours"-Radioshows aus dem Corona-Exil Donald Trump verbal zerrupft. Außer dem Country-Rocker "Rainmaker", zudem geschrieben vor Trumps Amtsantritt, gibt es wenig Nahrung für etwaige Analogien. Die viel wichtigere Botschaft steckt in der Memorabilia-Box "Ghosts": "Im alive and I can feel the blood shiver in my bones." Das summiert Springsteens neuestes Werk ziemlich gut. Bis hin zu dem erwähnten Funken – man lese mehr dazu in seiner Biographie – bietet "Letter to you" ein Füllhorn an Referenzen zu Springsteens Schaffen. Im Vokabular, im Sound, in der Präsenz und im Zutun der E Street Band. Das Album ist ein Streifzug durch fünf Dekaden an Kreativität und Hingabe. Es erinnert an jene, die diesen Weg nicht bis heute mitgehen konnten, es dankt jenen, die auf ihre Weise bis heute Teil des großen Wahnsinns sind. Und es tut dies aus dem Blickwinkel der Gegenwart und nicht im Anzug der Vergangenheit. "Letter to you" feiert somit auch das Leben. Und das geht weiter. Auch nach 2020.

(Stephan Müller)

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Highlights

  • One minute you're here
  • Janey needs a shooter
  • House of a thousand guitars
  • If I was the priest

Tracklist

  1. One minute you're here
  2. Letter to you
  3. Burnin' train
  4. Janey needs a shooter
  5. Last man standing
  6. The power of prayer
  7. House of a thousand guitars
  8. Rainmaker
  9. If I was the priest
  10. Ghosts
  11. Song for orphans
  12. I'll see you in my dreams

Gesamtspielzeit: 58:17 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Marküs

Postings: 713

Registriert seit 08.02.2018

2020-11-16 10:29:34 Uhr
Fantastisches Album und womöglich auf Augenhöhe (!) mit den Klassikern

VelvetCell

Postings: 2869

Registriert seit 14.06.2013

2020-11-15 11:13:46 Uhr
Läuft hier weiterhin nahezu täglich. Ein erstaunliches Album!

Mic

Postings: 300

Registriert seit 24.08.2019

2020-11-14 23:33:43 Uhr
Born to run klingt dagegen wie ein Kätzchen

Mic

Postings: 300

Registriert seit 24.08.2019

2020-11-14 22:54:09 Uhr
Annie: Kann deine Meinung schon verstehen, aber Burning Train? Wann hat er so einen Song rausgehauen? Noch nie.

Mic

Postings: 300

Registriert seit 24.08.2019

2020-11-13 23:22:37 Uhr
Bruce ist einfach der geilsten Songwriter aller Zeiten. Was hat dieser Mann alles komponiert? Wahnsinn. Aber bei Burnin Train hat er mal kräftig am Wundersaft der Gallier geschluckt. Was ein Song.
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