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Sault - Untitled (Rise)

Sault- Untitled (Rise)

Forever Living Originals
VÖ: 18.09.2020

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

What's going on

Black lives matter. Was eigentlich selbstverständlich sein sollte, ist es für viele nicht, darunter auch Träger staatlicher Gewalt. Weswegen in der Wiederholung dieses Slogans auch im Jahr 2020 noch schmerzhafte Bedeutung steckt. Bei Sault geht es um nichts anderes. Das Künstlerkollektiv erschien 2019 aus dem Nichts und bringt es mittlerweile auf vier Alben, ohne irgendeine Form von Promo-Zug, begleitenden Visuals oder Hintergrund-Infos. Nur die ursprüngliche Anonymität scheint inzwischen aufgelöst: Inflo, der bereits mit Little Simz und Michael Kiwanuka arbeitete, erscheint in den Credits als Produzent, während sich die weiblichen Stimmen wohl der Londoner Sängerin Cleo Sol und der amerikanischen Rapperin Melisa Young alias Kid Sister zuordnen lassen. Dass keines der Mitglieder die Beteiligung offiziell bestätigte, hat seinen Grund. Nichts soll hier von der Musik ablenken, die expliziten Protest in eine eigenständige Vision knochentrockenen Souls und Funks gießt.

Im Gegensatz zum klagevollen, zerfahrenen Vorgänger "Untitled (Black is)", der nur kurz nach der Ermordung George Floyds erschien, verlagert "Untitled (Rise)" den Aufruhr auf die Tanzfläche. Der Opener "Strong" strotzt nur so vor Ideen – funky Gitarren, melodischen Breaks und einem Ausbruch mit brasilianischer Percussion –, die sich zu einem niemals abreißenden Rhythmus formen. Dass Protest und Tanz miteinander einhergehen, wussten schon die großen Barden der Bürgerrechtsbewegung, und Sault kanalisieren diesen Umstand durch zweideutig eindeutige Zeilen wie "We're moving forward tonight / We want better tonight." In "Fearless" feiern Bass, Disco-Streicher und funkelnde Synths die scheinbare Sorglosigkeit, doch unter der Oberfläche pocht der Schmerz. Die Musik der Band ist so entschlackt wie ihr Auftreten, weiß mit subtilen Verschiebungen in Dynamik und Arrangements ihre eigenen Geschichten zu erzählen. "I just want to dance" verwandelt den Club in eine Kammer der konstanten Bedrohung, kollabiert plötzlich, rappelt sich wieder auf. "We've lost another life", aber der Groove geht weiter, muss weitergehen.

Den ständigen Puls unterlaufen diverse Spoken-Word-Stücke, zumeist vorgetragen von Young. In "Rise" weckt sie als liebevolle Mutter die Welt auf, in "No black violins in London" giftet sie gegen rassistische Ungleichbehandlung – und im großartig entlarvenden "You know it ain't" amüsiert sie sich scharfzüngig über weiße Liberale, die in ihrer selbstinszenatorischen Wokeness das Leid der schwarzen Bevölkerung zu verstehen glauben. Ihr Rollenspiel funktioniert auch in "The beginning & the end" prächtig, wenn sie über Flöten und Post-Punk-Bass als inspirierende Rednerin zum Freiheitskampf aufruft. Das einzige Interlude ohne ihre Präsenz ist "Rise intently", ein Militärgesang mit sehr deutlicher Botschaft: "Made my brother choke / This here ain't no joke / Can't look me in my eyes / They ain't saving lives." All diese Vignetten fügen sich besser in den Albumfluss als noch auf dem Vorgänger, zumal das Fundament mit solchen Highlights wie dem himmlischen Pop von "Free" oder dem unglaublich mitreißenden "Street fighter" noch sattelfester steht.

Leider ist "Untitled (Rise)" nicht ganz das Meisterwerk, das es zu sein verdient hätte. Nicht immer packt die manchmal ein bisschen gleichförmige Platte musikalisch so fest zu wie inhaltlich. Der 80's-Boogie von "Son shine" zieht ebenso wie "Uncomfortable" etwas vorbei, auch wenn in letzterem Stück die Zeile "Why do you keep shooting us?" tief ins Fleisch schneidet. Zum Ende hin beweisen Sault jedoch ihre Brillanz auch abseits der fiebrigen Rhythmik. Das wahrhaft unheimliche "Scary times" fährt ein paar elaborierte Streicher-Schwalle hoch, denen Ennio Morricone im Himmel mit gereckter Faust zuprostet. Das instrumentale "The black & gold" seufzt resigniert über sein Bar-Jazz-Piano, ehe in "Little boy" wieder die Sonne aufgeht. Doch auch dieser sanfte Soul-Pop verbirgt unter seinen Chören und der süßen Melodie die bittere Realität: "Little boy, when you get older / You can ask me all the questions / And I'll tell you the truth about the boys in blue." Wie die Mutter hier mit dem fingierten Kind suchen Sault stets den sensibilisierenden Dialog mit der zukünftigen Generation. Es macht traurig und wütend, dass sie dabei immer noch dieselben Dinge anklagen und einfordern müssen wie ihre eigenen Ahnen.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Strong
  • Street fighter
  • Free
  • Scary times

Tracklist

  1. Strong
  2. Fearless
  3. Rise
  4. I just want to dance
  5. Street fighter
  6. Son shine
  7. Rise intently
  8. The beginning & the end
  9. Free
  10. You know it ain't
  11. Uncomfortable
  12. No black violins in London
  13. Scary times
  14. The black & gold
  15. Little boy

Gesamtspielzeit: 51:05 min.

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Armin

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2020-10-28 22:19:19 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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