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Drive-By Truckers - The new OK

Drive-By Truckers- The new OK

ATO / PIAS / Rough Trade
VÖ: 02.10.2020

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Nichts ist OK

Vermutlich haben sich auch Patterson Hood und Mike Cooley 2020 irgendwie anders vorgestellt. Vielleicht nicht unbedingt besser, aber anders. Im Januar veröffentlichten Drive-By Truckers "The unraveling", den Nachfolger zum allerorts mit Recht gefeierten Album "American Band". "The unraveling" war angetrieben von dem im Gunde naiven Wunsch zu verstehen, was eigentlich schief läuft in God's own country. Vier Jahre hat sich die Band aus Athens, Georgia für die Platte Zeit genommen, vier Jahre, in denen sich so einiges an Frustration, Wut und auch Verbitterung angestaut hat. Emotionen, die sich in Songs wie dem pessimistischen "21st century America" eindrucksvoll Gehör verschafften. Und dann? Dann kam die Pandemie, mit einem kollabierenden Gesundheitssystem und bis zum heutigen Tag mehr als 200.000 Toten. Dann kam die Ermordung von George Floyd durch weiße Cops in Minneapolis, gefolgt von Protesten, Polizeigewalt und bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Und Hood und Cooley fragen sich erneut: Was zur Hölle ist hier eigentlich los?

Dass die Fragestellung immer noch die gleiche ist, hat einen einfachen Grund: Die alten Probleme sind auch die neuen. Weshalb aber auch Drive-By Truckers das machen, was sie immer machen: Sie erzählen Geschichten und verpacken sie in Songs. Acht davon plus eine Coverversion haben es auf Album Nummer 13 geschafft, wobei "The new OK" weder die von langer Hand geplante Fortsetzung von "The unraveling" darstellt, noch seine Existenz allein den Ereignissen der letzten Monate verdankt. Einige der Songs sind in der Tat schon im Zuge der Sessions für den Vorgänger in Memphis entstanden und sollten ursprünglich als EP erscheinen. Andere wiederum sind eindeutig jüngeren Datums, so etwa der beklemmende Titelsong, der die Situation nach Floyds Ermordung beschreibt. Ein Hotspot der Unruhen war Portland, Oregon, wo Hood seit einiger Zeit lebt. "It's summer in Portland and everything's fine / Black lives matter, holding up the line / We got mommies and vets taking fire / From the cops on the beat and the occupiers." Und weiter: "It gets bloody and it gets messy / Goons with guns coming out to play / It's a battle for the very soul of the USA."

Hört man im Anschluss an diese Zeilen "The perilous night", wird die Kontinuität von Rassismus und Gewalt augenfällig. Das 2017 bereits als Single erschienene und für "The new OK" neu aufgenommene Stück thematisiert den rechtsterroristischen Anschlag in Charlottesville sowie die Reaktion von Donald Trump, der White Supremacists und Neonazis als "some very fine people" bezeichnete: "Dumb, white and angry with their cup half filled / Running over people down in Charlottesville / White House Fury, it's the killing side he defends." In der Chronologie der Ereignisse noch weiter zurück geht "Sarah's flame", das den Einfluss einer gescheiterten Bewerberin für das Amt der Vizepräsidentin auf Trumps Strategie aus Populismus und Polarisierung offenlegt. Von Cooley als launig schunkelnde Country-Nummer vorgetragen, trieft der Text vor bitterbösem Sarkasmus: "She made PC worse to momma than the VD daddy brought home from the rodeo / She made it look so easy, all fat Donny had to do was wear the pants."

Insgesamt kommt Drive-By Truckers' Southern Rock auf "The new OK" wie schon zuletzt hörbar weniger hemdsärmelig daher als noch auf Alben wie "The dirty south". So richtig rumpelt es nur im eher uninspirierten "The unraveling" – ein Song, der es bezeichnenderweise nicht auf das gleichnamige Album geschafft hat – sowie im abschließenden Ramones-Cover mit Bassist Matt Patton am Mikrofon. In "Tough to let go" und "Sea island lonely" geben Blues und Soul musikalisch die Richtung vor, warme Bläser ringen der allgegenwärtigen Schwermut beinahe so etwas wie Optimismus ab. Die deprimierende Politik ist hier ganz weit weg, wenn auch nur für einen kurzen Augenblick. Im grandiosen "Watching the orange clouds" kehrt sie mit voller Wucht zurück. Hood sinniert darüber, wie er auf dem Balkon seiner Wohnung in Portland die Szenerie beobachtet, die Straßen sind erfüllt von Tränengas und Helikopter kreisen über der Stadt, während im Zimmer nebenan die Kinder friedlich schlafen: "And I'm trying really hard to find a way / To help to make it all better / As I struggle on how and if I should share / These stories that are so upsetting."

(Markus Huber)

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Highlights

  • The perilous night
  • Sarah's flame
  • Watching the orange clouds


Tracklist

  1. The new OK
  2. Tough to let go
  3. The unraveling
  4. The perilous night
  5. Sarah's flame
  6. Sea island lonely
  7. The distance
  8. Watching the orange clouds
  9. The KKK took my baby away

Gesamtspielzeit: 36:19 min.

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Armin

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2020-10-28 22:17:09 Uhr - Newsbeitrag
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