The Mountain Goats - Getting into knives

The Mountain Goats- Getting into knives

Merge / Cargo
VÖ: 23.10.2020

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Die Aufschneider

Tja: Wer kann, der kann! Schon wieder ein neues Album von The Mountain Goats? Na klar doch! Ist doch eine Kleinigkeit. Natürlich kam erst im April 2019 das fantastische "In league with dragons" raus, und nur rund ein Jahr später bereits die von Mastermind John Darnielle im Alleingang aufgenommene Ablenkungsarbeit "Songs for Pierre Chuvin". Schon damals war eigentlich das vollwertige Band-Werk geplant, aber das Coronavirus machte der Band aus Kalifornien leider einen Strich durch die Rechnung. So dauerte es eben noch ein wenig länger bis zur Veröffentlichung, aber immerhin: Mit "Getting into knives" liegt nun der dritte Streich in etwas mehr als anderthalb Jahren vor. Wenn das mal keinen Fleißaufkleber verdient hat!

Im Vergleich zu "Songs for Pierre Chuvin" klingt das mittlerweile insgesamt 19. (!) Album von The Mountain Goats auch deutlich mehr nach Gruppenprojekt statt nach Soloausflug. Und es kommt zum genau richtigen Zeitpunkt: Der Sommer ist vorbei, der Winter jedoch noch nicht richtig vor der Tür – perfekt für diesen satten, warmen Sound, an dem man Darnielle & Co. mittlerweile selbst im Lärm des Alltags erkennt. Aufgenommen in nur sechs Tagen in jenem Memphis-Studio, in dem auch die Psychobilly-Legenden von The Cramps 1980 ihr Debütalbum "Songs the Lord taught us" zum Leben erweckten, und abermals mit Matt Ross-Spang an der Seite, der schon "In league with dragons" seinen Feinschliff verpasste, ist "Getting into knives" sicher keine Abfolge großer Überraschungen. Aber dafür ein überaus solides, gern genommenes Werk voller Wohlklang. Und eines, das sich nicht vor unbequemen Fragen scheut: In unbeständigen Zeiten wie diesen sollte wohl jeder mal in sich reinhorchen und überlegen, ob man mit all dem zufrieden ist, was sich da in den eigenen vier Wänden so angestaut hat. Und ob manches nicht mittlerweile überflüssig geworden ist.

Manchmal nämlich kommt jeder Wille des Hinterfragens, Reflektierens und möglichen Wiedergutmachens schlichtweg zu spät: "The last place I saw you alive" ist kein vertonter Kriminal-Roman, keine Horror-Hymne, kein Mystery-Moment. Sondern tieftraurige Poesie, düster und zerbrechlich, die voller Bedauern feststellt, dass man einen verstorbenen Menschen endgültig niemals wiedersehen wird. Harter Tobak also, den man aber dank poppigeren Nummern wie dem Opener "Corsican mastiff stride" oder auch dem liebevoll instrumentierten "Picture of my dress" gut zu verarbeiten lernt. Überhaupt, diese unglaublich tollen Melodien auf dem Album! Sei es im polternden "Rat queen", das im Regen durch die Straßen irrt und dabei keine Pfütze auslässt, oder im frech-verspielten "Harbor me": "Getting into knives" zeigt nur allzu gern, was The Mountain Goats scheinbar mühelos aus dem Ärmel schütteln können.

Da kann man auch ein glasklares Album-Highlight völlig unpopulär irgendwo in der Tracklist platzieren und es den Hörer selbst entdecken lassen. "Tidal wave" mag während des ersten Durchgangs zwar unscheinbar wirken. Der Bass bahnt sich aber schnell seinen Weg vom Gehirn direkt ins Herz, während Darnielle mit der Wahrheit nicht hinterm Berg hält: "Everything becomes a blur from six feet away / Get used to it." Schon gut, schon gut. "The great gold sheep", noch so ein großartiges Stück, das seine wahre Schönheit erst nach und nach entfaltet, erkennt derweil seine eigene Sterblichkeit in den bitteren Zeilen "I'm going to leave a lasting legacy / And when my body is thrown with great force from a window / The dogs will fight for whatever's left of me." Irgendwann ist eben alles vorbei, auch "Getting into knives" läuft nicht endlos durch. Vor der letzten Note allerdings darf der Titeltrack noch ran, der den Hörer zum Schluss dieser knapp einstündigen Fahrt durch verschiedenste Erkenntnisse immerhin nicht ins offene Messer rennen lässt, sondern eine ausdrückliche Warnung ausspricht, um nicht zu verletzen. Noch so etwas, das man erstmal können muss.

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • Corsican mastiff stride
  • The last place I saw you alive
  • Tidal wave
  • The great gold sheep

Tracklist

  1. Corsican mastiff stride
  2. Get famous
  3. Picture of my dress
  4. As many candles as possible
  5. Tidal wave
  6. Pez dorado
  7. The last place I saw you alive
  8. Bell Swamp connection
  9. The great gold sheep
  10. Rat queen
  11. Wolf count
  12. Harbor me
  13. Getting into knives

Gesamtspielzeit: 56:49 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Gordon Fraser

Postings: 1691

Registriert seit 14.06.2013

2020-10-23 15:14:27 Uhr
Ziemlich vielseitiges Album geworden, so nach dem ersten Eindruck. Da gibt es wieder viel zu entdecken, musikalisch und textlich. "Wolf Count" ist mein erstes kleines Highlight.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 18617

Registriert seit 08.01.2012

2020-10-14 21:07:12 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

Gordon Fraser

Postings: 1691

Registriert seit 14.06.2013

2020-09-15 16:03:37 Uhr
Schöne Bläser.

Nochmal zum Promotext oben: Mit Liedern wie diesen taucht man vielleicht in Tintengleiche Tiefen ein oder erreicht einen reinigenden Hauch von Luft. Lieder, die trotz der Unvermeidbarkeit des Verlustes erleuchten.
„Getting Into Knives“ Album Artwork</I>

WTF?

Jennifer

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 3186

Registriert seit 14.05.2013

2020-09-14 21:32:44 Uhr - Newsbeitrag

Gordon Fraser

Postings: 1691

Registriert seit 14.06.2013

2020-09-09 01:43:26 Uhr
Ah, gar nicht mitbekommen. Vorfreude! Bin in den letzten Jahren großer MG-Fan geworden.
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