Travis - 10 Songs

Travis- 10 Songs

BMG / Warner
VÖ: 09.10.2020

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Die fröhlichste traurige Band der Welt

Der größte Fehler im Leben von Fran Healy war mit Sicherheit, seinen grauen Rauschebart wieder abzurasieren. Nein, nicht mal das relativ enttäuschende "Everything at once" seiner Band Travis war ein größerer Fauxpas. Aber Gesichtshaar hin oder her, festzuhalten ist: Healy und seine drei Kumpanen haben in 25 Jahren Bandgeschichte ganz schön viel richtig gemacht. Sie haben Coldplay ermöglicht, die ja zumindest drei recht gute Alben ablieferten, oder Keane mit immerhin einer soliden Platte. Aber vor allen Dingen haben sie selbst ziemlich zuverlässig geliefert. Trotzdem war es für nicht wenige eine halbwegs mittelgroße Überraschung, als die Schotten im Juni 2020 mit "A ghost" eine derart wuchtige Single veröffentlichten. "10 Songs" ist voll von solchen Nummern.

Etwa "Valentine", die zweite Single, die langsam einsteigt und dann deftig lospoltert. Mit Gitarre und Schlagzeug, die seit dem wahnsinnigen Riff aus "Happy to hang around" von "12 memories" nicht mehr so aufdrehen durften, die sich im letzten Song-Drittel noch mal mehr in Ekstase spielen. Solange, bis der Track schließlich endet, wie er begonnen hat – dem Tode ins Auge blickend, aber in aller Gemütlichkeit: "If I lie here / I might die here / I may lay here for a while." Warum das Ganze? Diese Frage stellt sich auch das erwähnte "A ghost": "One by one they carry us / Break our hearts and marry us / Dig us up then bury us / And I wish I could say why." Eine Antwort bietet der Song nicht, jedoch ein positives Ende. Das Gepenst wird zum unerhofften Motivator und schenkt neue Kraft, um dem Leben im Hamsterrad zu entfliehen. Wenn Healy am Schluss sein "Uh-uh-huh-huh" halb jault, halb jauchzt, dann ist das Travis in Vollendung.

Anderswo erweitert die Band ihren Sound. Seit 2019 und dank The National fest auf dem Menü aktueller Rockplatten: Duette mit weiblicher Begleitung. Zu "The only thing", der dritten Single, stimmt The-Bangles-Sängerin Susanna Hoffs mit ein. Gemeinsam mit Healy begibt sie sich auf eine Reise in die Vergangenheit, denkt an die Liebe, wie sie einst war und was sie für die Gegenwart noch bedeutet. Das Piano, Greg Leiszs Lap-Steel-Gitarre und ein paar Streicher machen das romantische Setting perfekt. Auch in "A million hearts" spielt das Klavier eine Hauptrolle, diesmal ist eine Trennung das Thema. Healy zerschmettert die Hoffnung mit seiner immer noch Gänsehaut versprühenden Kopfstimme: "Letting go of you is tearing me apart." Noch eine Spur tragischer erscheint "Kissing in the wind", das vom Tenor auch auf "The invisible band" gepasst hätte. Doch hier siegt schließlich der Optimismus, wie auch im Opener "Waving at the window", von dessen wunderschöner Piano-Line man nie genug kriegt.

Den vielleicht größten Singalong auf "10 Songs" hält "Butterflies" parat. "You keep your eyes on the prize / And your head in your hands", heißt es da auf eine mitreißende Melodie. Das Problem: "Inside everything is wrong." Man kämpft und kämpft, aber wofür? Das weiß auch "Nina's song" nicht, hat aber verstanden, dass Aufgeben keine Alternative ist. Lieber mit einem Liedchen auf den Lippen ins Gefecht: "There's nothing wrong / With a song / Sung into battle." Healy bricht immer wieder aus sich heraus, hofft, bedauert und mahnt gleichzeitig. Wie viel Leidenschaft der Sänger hier aufbringt, ist bemerkenswert, ist der Track doch nominell ein recht gediegener Walzer. Noch eine Spur langsamer und einzig von ein paar Tasten begleitet erscheint der Closer. "I woke up feeling shit this morning", leitet der Song unumwunden ein. Als der Schlaf aus den Augen gewischt ist, zieht Healy Bilanz: "No love lost", dann ist doch alles okay.

Travis waren schon lange, bevor es Memes gab, so was wie der "Hide the pain Harold" des Musikgeschäfts: Mit einem Lächeln in den Untergang, das haben die Glasgower seit "Why does ist always rain on me" geübt und perfektioniert. Der Vierer ist die vielleicht fröhlichste traurige Band der Welt. Und auch eine der lustigsten, siehe Videos: Ob 2001 zu "Sing" (bester Tintenfisch-Wurf der Musikgeschichte) oder 2020 mit ihren recht unterhaltsamen "Isolation videos". Es ist ein schönes Gefühl, dass diese Band, die einen seit mehr als zwei Jahrzehnten begleitet, sich ihre eigene, ganz besondere Dynamik bewahrt hat, und es schafft, diese noch immer auf Platte zu bannen. Man muss aber kein Travis-Fan sein und die Bandgeschichte studiert haben, um "10 songs" zu mögen. Es könnte genauso gut ein Debüt sein und wäre immer noch eine tolle Platte. Welche Gruppe kann das schon von ihrem neunten Studioalbum behaupten? Alles richtig gemacht – bis auf den abrasierten Bart halt.

(Pascal Bremmer)

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Highlights

  • A ghost
  • Valentine
  • The only thing (feat. Susanna Hoffs)

Tracklist

  1. Waving at the window
  2. The only thing (feat. Susanna Hoffs)
  3. Valentine
  4. Butterflies
  5. A million hearts
  6. A ghost
  7. All fall down
  8. Kissing in the wind
  9. Nina's song
  10. No love lost

Gesamtspielzeit: 37:44 min.

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User Beitrag

The MACHINA of God

User und Moderator

Postings: 22764

Registriert seit 07.06.2013

2020-10-17 00:25:50 Uhr
Wenn der Chor in "Valentine" einsetzt, bin ich glücklich. So liebe ich sie.

jo

Postings: 1919

Registriert seit 13.06.2013

2020-10-16 20:48:55 Uhr
Ist wohl doch nur Nummer fünf geworden. Ich schätze, das aus den Mid-Week Charts war wegen der Vorbestellungen (andererseits...).

El arco

Postings: 51

Registriert seit 02.12.2019

2020-10-16 16:23:27 Uhr
Nach 19 Jahren wieder auf Platz 1 in UK. Wer hätte das gedacht.

The MACHINA of God

User und Moderator

Postings: 22764

Registriert seit 07.06.2013

2020-10-14 16:24:16 Uhr
Ich antworte dazu mal im RYM-Thread. Das mit Dingen wie Fiona u.ä. ist mir eben auch aufgefallen. Das nicht unbedingt weniger bewertet wird. Aber dazu drüben mehr.

Felix H

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 5669

Registriert seit 26.02.2016

2020-10-14 16:08:20 Uhr
Wobei es bei anderen Künstlern durchaus nach oben geht, die in letzter Zeit released haben. Fiona Apple oder The Weeknd haben mit der letzten die meisten Votings überhaupt, die relativ neue Deftones hat schon jetzt mehr als der Vorgänger. Wäre mal interessant, wie viel Votes pro Jahr je abgegeben werden.

Andere Verzerrung: Alben, bei denen häufig viele "reinhören" sind tendenziell etwas niedriger bewertet. Der krasseste Fall ist da Merzbow. Die eigentlich als sein Klassiker "Pulse Demon" geltende Scheibe hat einen deutlich niedrigeren Score als umliegende Alben. Weil viele wohl reingehört haben und dachten "Was ein Scheiß". :-D

Ok, ich kopier das noch mal in den RYM-Thread, sonst schweift das hier ab...
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