Touché Amoré - Lament

Touché Amoré- Lament

Epitaph / Indigo
VÖ: 09.10.2020

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Überwunden

Die Zeit heilt alle Wunden, besagt ein vielzitierter Spruch. Das Verarbeiten von Schicksalsschlägen, das Darüber-Hinwegkommen, ist essenziell für Gemüt und Seele. Im Kontext von Touché Amorés "Stage four" aber können noch so viele Körnchen durch die Sanduhren der Welt rinnen, die Schwere des Krebstods von Jeremy Bolms Mutter bleibt für den Frontmann greifbar. Und im künstlerischen Sinne bleibt zu allem Überfluss diese verdammt hohe Hürde, einen Meilenstein des modernen Hardcore bestätigen zu müssen. "Stage four" sei unumwunden das "Carrie & Lowell" des Melodic Hardcore, unkten euphorische Kritiker mit etwas Abstand – und hatten damit nicht ganz unrecht.

Schon beim Schreiben der ersten Songs wird Bolm klar, dass er in mental halbwegs gefestigter Verfassung eine ähnliche Tiefe und Emotionalität in Lyrics und Songwriting nicht erreichen wird. "Lament", das fünfte Studioalbum der Kalifornier, ist somit ein absolut schwieriges Unterfangen für die Band. Denn von Anfang an stand fest, dass es keine neuen Songs über das Verarbeitete geben sollte, Bolm blickte längst nach vorn. Epitaph-Haudegen Brett Gurewitz beruhigte den Songwriter. Er solle sich freimachen vom selbst auferlegten Druck, niemand müsse ein grandioses Album überbieten.

Was "Lament" natürlich auch nicht kann – aber, und das ist eine positive Nachricht, auch gar nicht will. Vielmehr möchte es in Form des Highspeed-Openers "Come heroine" oder dem räudigen Besen "Exit row" roh und erdig klingen, möchte den Fokus weg von den existenziellen Polen, von Geburt und Tod, hin auf das aktive Erleben, den Alltag richten. In welchem man Welt und Gesellschaft mit offenen, kritischen Augen entgegentritt, dabei aber auch positiv sein muss. Eine Art Mini-Neustart für Touché Amoré also, den der Fünfer mit Energie und Mut zu ein paar Sound- und Stil-Spielereien angeht – und mit keinem Geringeren als Ross Robinson an den Reglern.

Letzteres tritt aber eigentlich nicht überaus stark in Erscheinung, selbst wenn Robinson einst At The Drive-In fulminant zum Hochglanz polierte oder Blood Brothers für ein breites Publikum hörbar machte: Eine Touché-Amoré-Platte muss poltern und rumpeln, und das tut "Lament" auch. Teilweise wirken die elf neuen Stücke dabei produktionstechnisch sogar recht unterschiedlich austariert. Mal wuchtig und nuanciert, wie bei der tollen Single "Limelight", in der Andy Hull von Manchester Orchestra den pointierten Kreisch-Refrain Bolms mithilfe seines Organs in fein sphärischen Post-Rock überführt. Und mal leider eher dünn und wenig mitreißend, wie beim etwas flachbrüstig klingenden Titelsong und der ansonsten absolut packenden Erst-Auskopplung "Deflector". Ein kleines Mysterium.

Die ausnahmslos hohe Qualität dieser abwechslungsreichen Platte unterliegt allerdings nicht solchen Schwankungen. Denn Touché Amoré beweisen nicht nur beim Energiebündel "Savoring" mit der Kombination aus Leichtigkeit und Kraft, dass sie schon jetzt zu den Ikonen des Genres gehören. Viel mehr Gänsehaut als beim ersten strammen Tempowechsel in "Feign" gibt der Post-Hardcore nicht preis. Dem atmosphärisch-originellen "A broadcast" stehen sogar seine Country-Elemente gut zu Gesicht, während der feine Closer "A forecast" nach introvertiertem Piano-Start ein letztes Mal der Wucht verfällt. Der Melodycore-Hymne "Reminders" quillt dann fast eine Art euphorisches Rauschen aus den Poren, sodass der Albumtitel (von wegen "Klagelied") auch schon wieder überwunden scheint. Die Zeit rennt unaufhaltsam, doch Touché Amoré haben die schwere Sanduhr längst ad acta gelegt.

(Eric Meyer)

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Highlights

  • Feign
  • Reminders
  • Limelight
  • Savoring

Tracklist

  1. Come heroine
  2. Lament
  3. Feign
  4. Reminders
  5. Limelight
  6. Exit row
  7. Savoring
  8. A broadcast
  9. I'll be your host
  10. Deflector
  11. A forecast

Gesamtspielzeit: 35:52 min.

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User Beitrag

eric

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 2335

Registriert seit 14.06.2013

2020-10-16 08:19:20 Uhr
Übrigens, Ihr Pitchies: Album ist BNM diese Woche gewesen. ;)

Marküs

Postings: 671

Registriert seit 08.02.2018

2020-10-16 06:38:16 Uhr
"and I still like the Cohen Brothers" Mir laufen die Tränen ;-)

sizeofanocean

Postings: 255

Registriert seit 27.01.2020

2020-10-15 22:00:40 Uhr
zu Lament:
Reminders bleibt das Highlight, Come Heroine und Savoring spielen auch ganz oben mit, alle anderen Tracks leider eher durchschnittlich, also insgesamt ähnlich wie bei der neuen Deftones ein okayes Album, aber sicher nicht überragend.

eric

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 2335

Registriert seit 14.06.2013

2020-10-15 12:39:09 Uhr
"Is survived by" natürlich alles andere als schlecht - aber für mich im Vergleich mit dem Vorgänger "Parting the sea..." einfach eine Enttäuschung gewesen, die nachhallt. Aber auch hier sicher Geschmackssache, ob man mehr auf eine knallende Hardcore-Platte hoffte oder schon bereit war für den neueren, mehr songwriting-orientierten Stil. Den sie für mich aber dann mit "Stage four" erst deutlich griffiger hinbekamen.

VelvetK

Postings: 8

Registriert seit 13.07.2020

2020-10-15 11:39:17 Uhr
Die letzten Tage und Wochen alle Platten der Gruppe wieder einmal rauf und runter gehört. Lament ist auf gesamter Strecke ordentlich bis gut, wenn auch etwas zu eingängig geworden, gar keine Frage, doch an die geschlossene Intensität alter Tage reicht das durchweg nicht heran - nach den ersten drei ziemlich grandiosen Songs, fühlt sich Lament immer wieder wie eine auch mal kraftlose Berg- und Talfahrt an. Da mögen ruhigere und experimentellere Momente schön außer der Reihe tanzen und auch die Schlussrundung ziemlich grandios sitzen, doch, aber, naja und so weiter :-)

So in die Richtung halt. Mal sehen, was die Zeit beschert. Alles nur winzige Details.

Der Is Survived by so ein bisschen Profillosigkeit anzukreiden, ist schon ein sanft geschmackvoller Tupfer - gerade diese virtuose Platte hat mich zuletzt am meisten beeindruckt und ich halte sie für die beste Scheibe dieser Kombo.
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