Machinedrum - A view of u

Machinedrum- A view of u

Ninja Tune / Rough Trade
VÖ: 09.10.2020

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Satellit seiner selbst

Schon mal was von der OOBE gehört? Bevor wir jetzt krampfhaft irgendwelche Konstrukte zusammenbasteln, für die diese Abkürzung stehen könnte, lassen wir das Ganze mal von Machinedrum alias Travis Stewart auflösen. Der Electro-Musiker aus North Carolina ist nämlich ein Verfechter der Meditation und in einer besonders gesteigerten Form selbiger gelingt die OOBE, die Out of body experience. Mit dieser betrachtet man sich ganzheitlich objektiv von außen. Man erkennt die Fehler und Errungenschaften der eigenen Person, sieht Dinge, die man in der kurzsichtigen Verstricktheit mit dem Bewusstsein und den eigenen Emotionen in dieser umfassenden Form nicht wahrnehmen würde. Auf diese Art auch die Musik zu betrachten, die für Machinedrums neuntes Album "A view of u" im Entstehen begriffen war, stellte Stewarts großes Ziel dar. So wollte er zur neutralen Instanz für sein eigenes Schaffen werden, Dinge wie die Track-Anordnung mit von kurzfristigen Emotionen losgelöster Akuratesse angehen. Und eines fällt dann auch direkt auf: Trotz großer stilistischer Bandbreite verfügt dieses Album über eine schlüssige, spannende Dramaturgie, die von zahlreichen Features bereichert wird.

Da besitzt der Opener "The relic" eine detailreiche Fülle, doch trotz vertrackter Beats, sprudelnder Mandolinen- und Klavierparts und des flächigen Gesangs von Rochelle Jordan wirkt das Stück nicht überladen, sondern stellt gekonnt Aktivität neben geruhsammes Sinnieren. Diese Komplexität setzt sich in den folgenden Songs fort: Hintergründiger IDM, straighte Rave-Parts oder verschachtelter Drum'n'Bass – alles findet Eingang in ein reiches Gesamtbild, das vor allem durch seine Ausgewogenheit besticht. Die abwartende, zunächst defensive Rhythmik von "Star" lässt viel Raum für weiche Melodieschleier, der Gesang würde sich auch im TripHop wohl fühlen und dennoch besitzt dieser Track Ansätze für eine deutlich agilere Auslegung. Dass dabei aber keine enervierenden Bruchstellen auftreten, lässt das ganze Album in komplexer Homogenität aufleuchten.

Die fast aggressiven Bläsersamples zum Auftakt von "Kane train" und die folgenden Rap-Parts von Freddie Gibbs bilden ein martialisches Fanal, doch trotzdem ist dies eingebettet in einen harmonischen Fluss, geht geschmeidig vonstatten. Darauf folgt zum Runterkommen obendrein "Wait 4 u", schickt kleinteilige Beats durch einen Hallraum, der auch von körperlosen Stimmechos bevölkert ist. An solchen dramaturgischen Arrangements merkt man, wie versiert Stewart seine Anordnungen getroffen hat, auf den Rausch folgt der Chill, auf energische Aktionen die Schwebe. Das mit Chrome Sparks entwickelte "Idea 36" verzichtet zum Beispiel zunächst auf markante Beats, räumt dafür einer agilen Synth-Melodie viel Raum ein. So kommen auch hier kontemplative und dynamische Stimmungen zusammen. Auch das abschließende "Ur2yung" setzt seine durch den Fleischwolf gedrehten HipHop-Beats immer wieder in Nachbarschaft zu meditativen Ruheinseln, auf Bewegung folgt stillstehende Idylle. "A view of u" ist also tatsächlich ein Wesen geworden, das komplexe Charakteristika aufweist, durch viele Aggegatzustände geht. Doch als Hörer*In verliert man nie den Überblick: Machinedrum hat alles mit viel Überblick arrangiert, von außen und mit Objektivität.

(Martin Makolies)

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Highlights

  • The relic (feat. Rochelle Jordan)
  • Wait 4 u (feat. Jesse Boykins III)
  • Ur2yung

Tracklist

  1. The relic (feat. Rochelle Jordan)
  2. Star (feat. Mono/Poly & Tanerélle)
  3. Kane train (feat. Freddie Gibbs)
  4. Wait 4 u (feat. Jesse Boykins III)
  5. Sleepy Pietro (feat. Tigran Hamasyan)
  6. Spin blocks (feat. Father)
  7. Idea 36 (feat. Chrome Sparks)
  8. Believe in u
  9. 1000 miles (feat. Sub Focus)
  10. Inner eye
  11. Ur2yung

Gesamtspielzeit: 39:55 min.

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Armin

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2020-10-07 20:27:41 Uhr - Newsbeitrag
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