Kraków Loves Adana - Darkest dreams

Kraków Loves Adana- Darkest dreams

Better Call Rob
VÖ: 25.09.2020

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Hassen Leiden Töten

Seien wir ehrlich: Der Großteil aktueller deutscher Popmusik lässt sich nur mit einem Metaphernfeld beschreiben, das zwischen Abfallentsorgung und Kanalisation höchstens noch die Folterkammer kennt. Klar, das gilt auch für so manche Vertretung anderer Länder, doch die Ergüsse eines Forster/Giesinger/Schweighöfer erreichen doch noch mal ein einzigartiges Abscheulichkeitslevel. Ein Glück, dass es Künstler*innen wie Kraków Loves Adana gibt, die dem deutschen Pop die Würde wahren. Da spielt es auch keine Rolle, dass der lichte Indie-Folk zu Zeiten von "Beauty" inzwischen einem abgedunkelten Achtziger-Revival gewichen ist oder dass Deniz Çiçek seit "Call yourself new" die musikalische Eigenregie übernimmt, während sich ihr Duo- und Lebenspartner Robert Heitmann ums Management kümmert: Der Qualität ihrer Alben taten beide Entwicklungen keinen Abbruch. Die in Hamburg ansässige polnisch-türkische Liebeserklärung hält nicht einfach nur internationale Geschmacksmaßstäbe ein, sie sprengt mit der Universalität ihrer Bilder und Emotionen sowieso alle Grenzen.

Der Clou bei Kraków Loves Adana ist, dass sie sich trotz des stilistischen Wandels im Kern kaum verändert haben. Auch ihre fünfte Platte "Darkest dreams" setzt dem Understatement ein Denkmal. Çiçeks tiefe Stimme findet ihre Ausdruckskraft in der Subtilität und die zaghaften Melodien drängeln sich genauso wenig in den Vordergrund wie die minimalistischen Arrangements. Dass diese aus Drumcomputer und Synthies bestehen und die Gitarre höchstens noch verzerrt und verhallt wie in "I want to want nothing" durch die schwarze Masse schneidet, widerspricht der Nahbarkeit der Musik keineswegs. Nur der inhaltliche Fokus hat sich verschoben, denn Çiçek singt lieber von den abgründigen Seiten der menschlichen Psyche statt von Liebesglück. So versteckt etwa das wundervolle "Don't ask why" unter seiner federleichten Schwebe ein von Isolation und Schwermut zerklüftetes Trümmerfeld: "The cathedral of my heart / Already fell apart."

Im Vergleich zum ästhetisch ähnlichen, aber knapp 15 Minuten kürzeren Vorgänger "Songs after the blue" will "Darkest dreams" allerdings ein wenig mehr. Dem Opener "Flowers in the dark", der sich am Ende in ein Lavameer brodelnder Synthies stürzt, wohnt ein geradezu apokalyptischer Unterton inne. Der Goth-Disco-Pulsar "For a kiss" steigert sich subtil von Refrain zu Refrain und entlockt Çiçek im grandiosen Finale sogar ein paar rare Worte auf Deutsch. Ihr Credo der Reduktion hält Kraków Loves Adana nicht davon ab, ihre Produktion mit ein paar erst aufs zweite Ohr hörbaren Tiefenschichten auszustatten. Die Entstehungs- und Aufnahmezeit von zwei Jahren hört man dem Album in seiner Detailversessenheit durchaus an – die Label-Unstimmigkeiten, die letztendlich zum selbständigen Release geführt haben, glücklicherweise nicht.

Auf hohem Niveau muss sich "Darkest dreams" höchstens den Vorwurf gefallen lassen, nicht mehr konstant die trostspendende Wärme seines Vorgängers auszustrahlen. Einzig das zerbrechlich-schöne "Love isn't dead" erreicht in dieser Hinsicht die Highlights des spröden Meisterwerks "Songs after the blue". Kraków Loves Adana beherrschten die Balance zwischen Licht und Schatten stets meisterhaft – dass sie nun in eine Richtung kippen, ist aber kein Versagen, sondern eine bewusste Entscheidung, mit der sie andere Aspekte ihres Emotionsspektrums in den Fokus rücken. "I need a darker darkness", singt Çiçek passenderweise im Abschlusstrack und wird schrittweise noch martialischer: "I wish I was a man / I wish I was a hurricane / I wish I was as pure as death, so nobody could hold me." Ob sie sich vorher mit einem Schwenk über die Diskographien Forsters/Giesingers/Schweighöfers in die richtige Stimmung versetzt hat?

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Don't ask why
  • For a kiss
  • Love isn't dead

Tracklist

  1. Flowers in the dark
  2. Don't ask why
  3. Faded to black
  4. Paradise on fire
  5. For a kiss
  6. Falling in a dream
  7. Love isn't dead
  8. The ocean between us
  9. I want to want nothing
  10. Darker darkness

Gesamtspielzeit: 41:01 min.

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User Beitrag

Randwer

Postings: 1451

Registriert seit 14.05.2014

2020-10-09 18:17:09 Uhr
Düstere Musik? Ganz das was ich brauche. Yeah!

musie

Postings: 2898

Registriert seit 14.06.2013

2020-10-08 21:26:04 Uhr
Gefällt mir das Album. Aber mit Johnny Jewel hats irgendwie nicht geklappt?

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 18555

Registriert seit 08.01.2012

2020-10-07 20:27:20 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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