Fish - Weltschmerz

Fish- Weltschmerz

Chocolate Frog
VÖ: 25.09.2020

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Ausformuliert

Wann ist eigentlich der beste Zeitpunkt, sich von der Laufbahn als professioneller Musiker zu verabschieden? Abgesehen von Dramen wie dem berüchtigten Club 27, versteht sich? Die einen würden sagen, man soll aufhören, wenn's am schönsten ist. Ginge man alleine danach, hat Derek W. Dick, der Allgemeinheit natürlich viel besser bekannt unter seinem Künstlernamen Fish, den Zeitpunkt wohl verpasst. Denn bösartigerweise könnte man behaupten, dass die großen, kommerziell erfolgreichen Zeiten längst vorbei sind – genau genommen seit seinem Ausstieg als Frontmann von Marillion 1988. Doch ist die volle künstlerische Freiheit, insbesondere, seit der Schotte nur noch im Eigenvertrieb arbeitet, nicht viel mehr wert? Andere wiederum sagen, man soll in Würde abtreten, solange es noch geht. Viele so genannte Alterswerke von in Unehren ergrauten Musikern, die sich noch ein karges Zubrot zur Rente verdienen wollen, stauben als stumme Zeugen dafür in den Plattenregalen vor sich hin. Auch Fish hat diese Entscheidung nun getroffen – das elfte Album soll nun das letzte der Karriere sein.

Vieles hat dazu beigetragen, dass "Weltschmerz" nun der endgültige Schlussstrich sein soll. Der Verlust seines Vaters nach langer Demenz ist so ein Grund, natürlich aber auch die eigene Gesundheit – eine Sepsis hat ihn selbst fast das Leben gekostet. Man könnte an dieser Stelle viele Fehler machen. Eine solche Platte könnte larmoyant die Schlechtigkeit der Welt beklagen, sie könnte auch vor Selbstzitaten nur so strotzen. "Weltschmerz" ist nichts von all dem. Denn diese Platte ist das, was man allgemein als Schwanengesang bezeichnet. Ein wunderschönes Stück Musik, das zutiefst berührt, das einen Künstler zeigt, der mit sich selbst im Reinen ist, der aber trotzdem immer noch einen gewissen Zorn in sich trägt, kurz: Hier hat sich ein großer Künstler sein eigenes Denkmal gebaut.

Warum ist das so? Nun, da ist zum Beispiel der Opener "Grace of God", der sehr ruhig, melancholisch beginnt. Und plötzlich im Mittelteil abrupt die Krallen ausfährt, mit einer Melodieführung, die bisweilen an Steven Wilson erinnert. Das folgende "Man with a stick" dreht den Spieß direkt um und versteckt seine sehr nachdenkliche Botschaft hinter einem feinen Groove und zeigt nicht zum letzten Mal, welch brillanter Texter Fish eigentlich ist. Der mit "This party's over" auf seine alten Tage nochmal richtig wütend werden kann und zum Abschied bitter mit dem Mittelfinger winkt. "I'm calling it a day, enough of all this bullshit / I'll say goodbye to all my would-be friends", verkündet der Schotte, und außerdem: "I'm sick of hearing you just want to party / I'm tired of hearing the same old song / You talk the talk, end up doing nothing / Then fool yourself that the problem's solved."

Dann allerdings folgen zwei Songs, bei denen eigentlich jedes Wort zu viel ist. Für die man sich eigentlich mit Textblatt und Kopfhörer verbarrikadieren muss. Mit jeder Menge Taschentücher. Denn im Ernst: Wie kaputt, wie seelisch degeneriert muss man sein, um bei "Rose of Damascus" kalt zu bleiben? Nur vermeintlich distanziert, eher mit der schonungslosen Genauigkeit eines Berichterstatters beschreibt Fish das Leben und das Schicksal einer syrischen Geflüchteten, und keine der knapp 16 Minuten Spielzeit ist zu viel. Zutiefst persönlich hingegen ist das folgende "Garden of remembrance", das sich behutsam dem Thema Alzheimer nähert, die Perspektive des Erkrankten einnimmt, der von seiner Frau, die er schon längst nicht mehr erkennt, liebevoll gepflegt wird. Und natürlich sind hier wieder Fishs Eltern gemeint. Wenn der Schotte auch oft und gerne in seinen Texten über die kleinen und großen Probleme der Welt schreibt und diese in wunderbare Allegorien kleiden kann, hier kehrt er sein Innerstes nach außen. "Growing together, now forever apart, with a love so embracing held in their hearts / But nothing between them, no memories shared / No recognition in his soft, pale eyes, she's still there." Puh.

Es fällt schwer, danach zur Tagesordnung überzugehen. Doch es lohnt sich. Denn das durch die berühmte Ballade von Hans Fallada inspirierte "Little man what now?" glänzt durch ein feines Saxophon-Solo von David Jackson von Van Der Graaf Generator, den Gottvätern des Canterbury-Sounds. Und "Waverley steps (End of the line)" ist nicht mehr und nicht weniger als ein zukünftiger Prog-Klassiker, bei wohl auch noch beim fünfzigsten Durchlauf neue Spielereien zu finden sein werden. Nun hat Derek W. Dick im Laufe seiner Karriere nicht nur Klassiker veröffentlicht, um es einmal vorsichtig zu formulieren. So manche Platte mäanderte orientierungslos vor sich hin, ließ die adäquate musikalische Umsetzung der gerne einmal verklausulierten Geschichten vermissen. Für "Weltschmerz" hat sich Fish hingegen fünf Jahre Zeit genommen. Fünf Jahre, in denen vieles passiert ist, was der Schotte so hochklassig in seinen Geschichten verarbeitet. Das Ergebnis ist viel mehr als ein würdiger Abschied eines großen Künstlers. Das Ergebnis ist ein tief beeindruckendes Statement. Danke für alles.

(Markus Bellmann)

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Highlights

  • This party's over
  • Rose of Damascus
  • Garden of remembrance
  • Waverley steps (End of the line)

Tracklist

  • CD 1
    1. Grace of God
    2. Man with a stick
    3. Walking on eggshells
    4. This party's over
    5. Rose of Damascus
  • CD 2
    1. Garden of remembrance
    2. C song (The Trondheim waltz)
    3. Little man what now?
    4. Waverley steps (End of the line)
    5. Weltschmerz

Gesamtspielzeit: 84:24 min.

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User Beitrag

Pivo

Postings: 481

Registriert seit 29.05.2017

2020-10-19 11:13:36 Uhr
Ich habe mich gestern zum ersten Mal durch die 84 Minuten durchgekämpft und finde das Album gut (7/10). Was mir ein wenig fehlt ist Abwechslung innerhalb der Longtracks. Die plätschern auf hohem Niveau durch die Spielzeit, aber echte Brüche sind mir zu wenige drin. Das kann bei einigen Hörer zu Langeweile führen.
Textlich ist die Scheibe bärenstark und kann gut als Alterswerk stehengelassen werden.

Ich persönlich hätte den ein oder anderen Song an eine andere Stelle des Albums gepackt. Den Song "Weltschmerz" finde ich am Ende eher blöd, den hätte ich, auch textlich, eher an den Anfang des Albums gestellt und den, bei ersten Durchhören, für mich emotionalsten Track "Grace of…" wäre bei mir ganz am Ende gelaufen. Mit dem Song das Gesamtwerk und damit die Karriere zu beenden hätte eine stärkere Wirkung auf mich gehabt wie den Song in der Mitte zu platzieren.
Das ist aber Ansichtssache.

Fish hat hier seine Sache gut gemacht und wer vor einigen Längen nicht scheut, kann hier wenig falsch machen. Fish hatte zum Abschluss noch eine Menge zu erzählen, da hätte man kaum weniger als 90 Minuten Spielzeit hinbekommen.....

MM13

Postings: 1955

Registriert seit 13.06.2013

2020-10-13 18:45:56 Uhr
gefällt mir ganz gut,hör eigentlich nur ich,ähnlichkeiten mit peter gabriel?

keenan

Postings: 3031

Registriert seit 14.06.2013

2020-10-13 14:22:20 Uhr
vlt. weil ich das immer mit der serie "alf" verbinde ;-)

flow79

Postings: 155

Registriert seit 09.09.2020

2020-10-13 14:19:56 Uhr
Saxophon ist vor allem 50er und 60er, höre klassischen Jazz. Muss man nicht mögen, aber Coltrane zB ist Wahnsinn.

keenan

Postings: 3031

Registriert seit 14.06.2013

2020-10-13 14:10:15 Uhr
...glänzt durch ein feines Saxophon-Solo...

*zusammenzuck* und *schauder*
das ist sowas von 80er und ein instrument was ich überhaupt nicht leiden kann, fürchterlich.
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