Matt Berninger - Serpentine prison

Matt Berninger- Serpentine prison

Caroline / Universal
VÖ: 16.10.2020

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Ein Boomer geht seinen Weg

Über das Binnenverhältnis bei The National wurde schon immer viel gemunkelt. Sind die Dessner-Zwillinge nun wirklich die treibenden kreativen Kräfte im Bandgefüge? Welche Rolle spielt Drummer Bryan Devendorf, dem manchmal nachgesagt wird, etwas kauzig zu sein? Und wie kommt man mit einem so enigmatischen Frontmann wie Matt Berninger klar, der insbesondere im Live-Kontext zwischen Genie und Wahnsinn oszilliert? Klar ist jedenfalls: Die Dessner-Brüder sind in der weitläufigen Szene besonders umtriebig und beliebte Kooperationspartner, zuletzt produzierte Aaron Dessner mit dem tollen "Folklore", die durchaus faszinierende Weiterentwicklung der einstigen Country-Pop-Prinzessin Taylor Swift. Berninger kocht indes anno 2020 sein eigenes Süppchen und veröffentlicht sein erstes Soloalbum "Serpentine prison". Es ist sein zweiter Seitensprung nach El Vy, dem gemeinsamen Nebenprojekt mit dem ehemaligen Menomena-Mitglied Brent Knopf. Nun wandelt er ganz allein auf einsamen Pfaden.

Manche wird's freuen: In der soundästhetischen Ausgestaltung kann man sich sämtliche neue Tracks auch als The-National-Songs vorstellen, in dem Fall jedoch mit mehr Rhythmus und Wumms, aber im Grunde fügen sie sich nahtlos ins Berninger-Gesamtwerk ein. Insofern kann von einem Abnabelungsprozess keine Rede sein. Wirken die neuen Songs persönlicher? Im Grunde kaum. Berninger gab ja seit jeher einen manchmal schmerzvollen Einblick in sein Seelenleben, zuletzt eindrucksvoll auf dem wundervollen Album "I am easy to find". "Serpentine prison" liefert lyrisch und musikalisch also keine grundsätzliche Neuerfindung, doch diese ist streng genommen auch nicht nötig, selbst wenn der Musikexpress etwas fies von "Musik für Boomern" spricht. Stattdessen ist dies ein Album fürs herbstliche Herz, für Abende unter der warmen Decke und irgendwie auch mehr als nur ein Nebenprodukt für die Zeit zwischen zwei Alben der Hauptband. Eine intime Songsammlung, vorgetragen im vertrauten Bariton.

Der größte Unterschied zur Hauptband, und das dürfte ja für viele Anhänger interessant sein, besteht darin, dass Berninger seine Songs etwas weniger vollstellt, ihnen mehr Luft zum Atmen lässt. Sie schlagen weniger Haken, klingen weniger aufgedreht, flirten auch mal mit Barjazz und Country wie im gemächlich schunkelnden "Loved so little", das sehnsuchtsvoll in die späten Siebzigerjahre schielt. Auch "Collar of your shirt" bleibt im Midtempo, eine Orgel orgelt im Hintergrund selig vor sich hin. Hier wäre etwas mehr Dynamik und Power schön gewesen, um etwas schwungvoller aus dem Quark zu kommen. Auf der anderen Seite ist "Distant axis" ein wirklich berührendes Stück, das gerade von seiner Reduktion aufs Wesentliche lebt: Viel mehr als Berningers Stimme, eine atmosphärisch aufspielende Akustikgitarre und ein zurückhaltendes Piano braucht es im Zweifelsfall nicht.

Und doch ist es schön, wenn sich Berninger, der sich hier oftmals als einsamer Wolf inszeniert, mal Verstärkung holt: Gail Ann Dorsey wertet das zaghaft-schattige "Silver Springs" mit ihrer Stimme nämlich zu einem wirklichen Albumhighlight auf. Kein Wunder, die beiden harmonierten bereits im Kontext der letzten The-National-Platte auf wunderbare Weise. Das folgende "Oh Dearie" erinnert in seiner Melodieführung dann an Fleetwood Mac zu "Rumours"-Zeiten, was man durchaus als Kompliment verstehen kann. Und der vorab veröffentlichte Titelsong ist sowieso eine Bank: Die Melancholie pumpt fleißig durch die feinen Adern des Stücks, auch hier herrscht eine starke Fokussierung auf die wesentlichen Elemente, irgendwann erscheinen Orgel und Bläser, bleiben aber immer als angenehme Staffage im Hintergrund. Denn diese gut 40 Minuten gehören eigentlich ganz allein Matt Berninger. Und nichts und niemand soll hier und jetzt von ihm ablenken. Okay?

(Kevin Holtmann)

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Highlights

  • Distant axis
  • Silver Springs
  • Serpentine prison

Tracklist

  1. My eyes are T-shirts
  2. Distant axis
  3. One more second
  4. Loved so little
  5. Silver Springs
  6. Oh dearie
  7. Take me out of town
  8. Collar of your shirt
  9. All for nothing
  10. Serpentine prison

Gesamtspielzeit: 41:37 min.

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User Beitrag

SoundMax

Postings: 186

Registriert seit 19.05.2015

2020-10-19 16:32:31 Uhr
All for nothing hat schon einen starken cherry tree vibe. Ist für mich neben den Singles das Highlight. Alles in allem ein nettes Herbstalbum.

musie

Postings: 2898

Registriert seit 14.06.2013

2020-10-19 10:35:49 Uhr
Ich glaube, ich habe mir ein bisschen mehr erhofft. Aber mal abwarten. Aktuell eine 7/10.

MrMan

Postings: 54

Registriert seit 05.09.2019

2020-10-19 06:36:46 Uhr
Das ist ein echt ruhiges Album, was ich aber gar nicht so schlecht finde. Passt jetzt natürlich super zum Herbst, wenn es draußen länger dunkel ist.
Bei mir pendelt es sich auf eine 7 - 7.5 ein.

dreckskerl

Postings: 3788

Registriert seit 09.12.2014

2020-10-18 17:36:09 Uhr
Ich bin mir noch nicht sicher.
Stimme der Kritik der Rezi zu, dass das Album vor allem in der zweiten Albumhälfte an Spannung verliert.
(aber was ist se(e)liger Orgel gemeint?)

Ich hätte mir auf dem Album die Anfang des Jahres veröffentlichte Duettballade mit Phoebe Bridgers gewünscht, ebenso Berningers Cover von "Holes" (Mercury Rev.).

Bin zur Zeit bei einer schwachen 8. One more second ist eine so klare 10, eine meiner Songs des Jahres und wäre vor 20 Jahren ein Hit.

Garmadon

Postings: 204

Registriert seit 29.08.2019

2020-10-18 15:09:14 Uhr
Mir gefällt es auf den ersten Blick sehr gut.
"One more second" finde ich nach wie vor großartig. Und bei den noch nicht bekannten Sachen sind auch Songs dabei, die ich spontan mag ("Loved so little", "Silver Springs", "Take me out of Town").
Zum kompletten Thread

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