Schalko - Cool

Schalko- Cool

Flight13 / Indigo
VÖ: 11.09.2020

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

In Würde altern

Cool, was ist eigentlich cool? Wenn man diejenigen Freunde des Rezensenten fragen würde, die noch keine 30 sind, dann wäre vieles cool, aber sicher kein guter alter Auf-die-Fresse-Punk. Trap vielleicht, "Ok, cool", wie es Yung Hurn ausdrücken würde – ja, warum nicht. Oder vielleicht doch irgendein seltsamer Ethno-infizierter Elektronik-Kram, der Fela Kuti feiert (aber sehr explizit nicht, was der für ein Arschloch war) und zu dem man vergeistigt von einem auf den anderen Fuß wippt und dabei den Oberkörper hin und her dreht, während man gen Himmel starrt, als liefe da ein Nicht-Blinzel-Contest mit Gott. Sowas gibt's. Also, nicht diesen Wettbewerb mit dem Allmächtigen, wohl aber so eine Art Musik und Tanz. Das ist cool, sagen die erwähnten Freunde des Rezensenten. Wie sehr diese jungen Menschen in einem anständigen Pogo leiden würden.

Die drei Freiburger von Schalko haben sich entschieden, ordentliche Musik zu machen. Der Titel ihres Debüts "Cool" darf dabei und daher ohne Weiteres ironisch verstanden werden, oder sogar "zynisch", wie der Promotext anmerkt. Liegt wohl auch daran, dass diese drei Jungs doch schon eher Männer sind. Was man ebenso in der Labelinfo liest: dieser Erstling sei eine "Ausnahmeplatte". Und das kann man durchaus unterschreiben. Was bekommen die Hörer*innen hier aufgetischt? Säuberlich geachtelte Gitarren, eine druckvoll keifende Stimme, aber auch Melodien, die im Ohr klebenbleiben wie Kaugummi unter dem U-Bahn-Sitz. Diese Kombi gibt's nicht allzu oft. Freilich hat das Trio viel Turbostaat gehört, sonst würden Schalko wohl nicht so klingen. Doch der Sound der Truppe ist viel näher am Emo der Neunziger und lässt ein paar mehr Post-Punk-Einflüsse zu. Vielleicht ist Love A hier die noch bessere Referenz.

Lyrisch bewegt sich der Dreier passend zu diesem Vergleich auf sozialkritischem Niveau, hat aber weniger das große Gesellschaftliche als das kleine Zwischenmenschliche im Fokus. Im direkt munter losbimmelnden Opener "Wegen allem, wegen nichts" lautet die Schlüsselzeile etwa: "Zu zweit und doch allein". Kennt man. Auch "Death cleaning" braucht keinerlei Anlauf und zeigt sogleich auf, wie Konsum die Kreativität zerstört. Das luftig aufmarschierende "So tun als ob" fickt Faker und lässt zunächst die Lead-Gitarre sirenenartig aufkochen, bis die Drums großartig nachziehen. Was Schalko ohnehin auszeichnet, sind die instrumentalen Passagen. Nachzuhören etwa in "Die, die, die" – deutscher Artikel, nicht englisches "Stirb" –, das sich ein ausführliches Intro gönnt und nach zwei Minuten einen fabelhaften Break samt Gitarrenaufreißer integriert. Es geht um Verschwörungen – kein neues Thema, aber persönlicher serviert und damit umso schlagkräftiger. Musikalisch unglaublich dynamisch kommt auch der Closer "Genau stimmt nichts" daher, der immer wieder abkühlt, um dann noch mal richtig loszuknüppeln.

"Ist es, weil Du alt wirst, oder was Schlimmeres?", fragt die Band "Eine Vermutung" – auch so ein Track mit toller Instrumental-Bridge. Bei so einem Zitat kann man schon ins Grübeln kommen, was eigentlich diese Jugendschelte aus der Einleitung soll. "Der Preis für Deine Fehler wird höher, wenn Du älter wirst", singt das Trio im grandiosen "Ignorieren" mit seiner fantastischen Steigerung nach dem ersten Drittel. Das kann ja mal man so stehen lassen und dabei meinen, wem der größere Schaden droht, der macht wahrscheinlich auch weniger Fehler. Gleichzeitig liefert die Band jedoch den Beweis, dass Stillstand in der Denke am Ende bloß Einsamkeit produziert. Insofern könnte man sich ja auch einmal ein bisschen offener zeigen, wenn es um andere Musikgeschmäcker geht. Aber nee. Was Schalko hier abliefern, ist vielleicht nach bewährtem Rezept gebacken, aber halt schon – immer noch – sehr, sehr cool.

(Pascal Bremmer)

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Highlights

  • Die, die, die
  • Eine Vermutung
  • Ignorieren

Tracklist

  1. Wegen allem, wegen nichts
  2. Death cleaning
  3. So tun als ob
  4. Du, ich und manche von den anderen
  5. Die, die, die
  6. Eine Vermutung
  7. Im Weg
  8. Korallenlift
  9. Ignorieren
  10. Genau stimmt nichts

Gesamtspielzeit: 28:06 min.

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User Beitrag

Pascal

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 605

Registriert seit 13.02.2013

2020-09-29 23:27:32 Uhr
Bin gespannt :-)

Kai

Postings: 577

Registriert seit 25.02.2014

2020-09-29 22:39:01 Uhr
Hab sie mir gerade mal in einem Moment von unvernunft bestellt.

Wenn ich sie Samstag dann durchgehört hab, gibts ne Meinung.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 18611

Registriert seit 08.01.2012

2020-09-29 19:48:59 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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