The Ocean - Phanerozoic II: Mesozoic – Cenozoic

The Ocean- Phanerozoic II: Mesozoic – Cenozoic

Pelagic / Metal Blade / Sony
VÖ: 25.09.2020

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Think global

Klar, Konzeptalben sind verkopft. Das weiß jeder, das weiß vor allem das Klischee. Und dann sind da noch The Ocean, das Post-Metal-Kollektiv aus Berlin um Gitarrist und Vordenker Robin Staps. Bei The Ocean gibt es seit jeher keine autobiografischen Storys über die Entfremdung eines Rockstars von seinen eigenen Fans oder über den Aufstieg und Fall eines hochbegabten Flipper-Spielers, der zudem bis auf den Tast- und Geruchssinn aller weiteren Sinne beraubt ist. Nein, das einzige, was die Konzepte der Band mit Staps' Biografie zu tun haben, ist seine Ausbildung. Zum einen, weil ausufernde Szenarien aus allen möglichen Erdzeitaltern schlechterdings autobiografisch sein können, zum anderen, weil sein Geografie-Studium nicht ganz unbeteiligt an solcherlei Abhandlungen sein dürfte. Unsereins benötigt vermutlich schon die ersten Vorlesungen in Paläontologie, um wenigstens die Songtitel unfallfrei abtippen zu können, aber das nur am Rande.

Das letzte, das aktuelle Äon der Erdgeschichte ist es also, was Staps schon 2018 zum ersten Teil "Phanerozoic I: Paleozoic" inspiriert hatte, so dass nun – klar, wer wüsste das nicht! – mit "Phanerozoic II: Mesozoic | Cenozoic" das Mesozoikum und das Känozoikum den Abschluss bilden. Das soll dann aber auch zum Verständnis des Zyklus ausreichen, denn zum einen funktionieren die Songs der Berliner freundlicherweise auch ohne Konzept, zum anderen ist die Geschichte, wenn man den ernst zu nehmenden Forschern glauben darf, vermutlich eh schneller vorbei als uns oder unseren Nachfolge-Generationen lieb sein mag. Weswegen "Triassic" nicht nur den beginnenden Zerfall des Superkontinents Pangäa andeutet, sondern darüber hinaus schlicht ein fundamentaler Opener ist. Ein Opener, der langsam, aber unaufhaltsam eine geradezu hypnotische Spannung aufbaut, die sich im Refrain irgendwann endlich lösen darf. In einem solchen Moment ist ein Albumkonzept herzlich egal, hier darf man einfach nur Musik auf Höchstniveau genießen.

Und das ist nur der Vorgeschmack zu "Jurassic | Cretaceous". Wie von Sinnen kombinieren The Ocean unterschiedlichste Einflüsse zu einem brillanten Ganzen, zu einer Essenz dessen, was man mangels stilistischer Ordnungsbegriffe nur noch hilflos als "Post-Metal" bezeichnen kann. Natürlich tappt die Band nicht in die Falle, sich alleine auf die Fauna jener Zeit zu konzentrieren – richtig, die Dinosaurier! – sondern schlägt den Bogen vom Aussterben der Riesen-Echsen zur heutigen Zeit. Nur wenig verklausuliert, damit es auch der Letzte versteht. "We are just like reptiles / Giant rulers of the world / Within the blink of an eye / Wiped off the face of the Earth." Während sich aber seinerzeit die globale Apokalypse über lange Zeit streckte, durch den kompletten Verlust der Photosynthese aber umso nachhaltiger war, findet das aktuelle Hinarbeiten auf die Klimakatastrophe in der Tat im Laufe eines Wimpernschlages der Geschichte statt. Schöne Aussichten.

Entsprechend wirkt der zweite Teil der Platte, der sich mit dem Känozoikum, der Erdneuzeit also beschäftigt, umso geradliniger – und geht dabei angesichts der Wucht dieser ersten beiden Songs fast unter. Was bedauerlich wäre, denn insbesondere das apokalyptische "Palaocene" gerät zum Sludge-Gewitter, bis endlich so etwas wie Beruhigung in Form von "Eocene" und dem Instrumental "Oligocene" eintritt. Doch schon die folgenden Brocken "Miocene | Pliocene" und erst recht der Black-Metal-Ausbruch in "Pleistocene" rütteln auf, reißen mit. Und wenn das "Holocene" unter dem ewigen Eis der Eiszeiten versinkt, schlagen The Ocean den Bogen zurück zur Wüste des Trias. Doch tatsächlich manövrieren sich die Berliner in eine geradezu bizarre Situation. Denn auch wenn Robin Staps sein Konzept als Mehrwert betrachtet haben will, könnte man in einem ketzerischen Moment die Frage stellen, wer denn angesichts dieser musikalischen Klasse überhaupt noch ein Konzept braucht. Aber im Ernst – die vermeintliche Zugänglichkeit, die an unzähligen Stellen zu findenden Hooks laden ein, nein – fordern auf, sich mit dem Konzept und den Texten eingehend zu beschäftigen. Und das ist schlicht große Kunst. Auch mit unaussprechlichen Songtiteln.

(Markus Bellmann)

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Highlights

  • Triassic
  • Jurassic – Cretaceous
  • Pleistocene

Tracklist

  1. Triassic
  2. Jurassic – Cretaceous
  3. Palaeocene
  4. Eocene
  5. Oligocene
  6. Miocene – Pliocene
  7. Pleistocene
  8. Holocene

Gesamtspielzeit: 51:06 min.

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User Beitrag

The MACHINA of God

User und Moderator

Postings: 22764

Registriert seit 07.06.2013

2020-10-02 11:03:28 Uhr
"Mein innerer Monk"

:D

Felix H

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 5669

Registriert seit 26.02.2016

2020-10-02 09:40:23 Uhr
Bei Part I hieß es damals von allen offiziellen Seiten "The Ocean Collective". Scheinbar sind die sich auch nicht einig.
Mein innerer Monk hat deshalb mal die Rezi zum ersten Part angepasst, jetzt ist alles wieder gleich.

Markus

Plattentests.de-Mitarbeiter

Postings: 14

Registriert seit 12.06.2013

2020-10-01 22:00:54 Uhr
Ich habe mir "The Ocean" extra noch von der Plattenfirma bestätigen lassen :-)

Oceantoolhead

Postings: 1531

Registriert seit 22.09.2014

2020-09-30 07:18:18 Uhr
Ich würde ja mit „The Ocean“ gehen. Das „Collective“ scheint einfach nur eine Zusatzinformation zu sein.

Ilu

Postings: 289

Registriert seit 13.06.2013

2020-09-29 22:01:35 Uhr
Hinweis: Ihr solltet euch der leichteren Findbarkeit halber vielleicht entscheiden, ob ihr die Platten nun unter The Ocean oder The Ocean Collective einsortiert. Zumindest bei den beiden Phanerozoic-Teilen ergibt eine Unterscheidung wenig Sinn (auf beiden Covern steht „The Ocean Collective“).
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