Hen Ogledd - Free humans

Hen Ogledd- Free humans

Weird World / Domino / GoodToGo
VÖ: 25.09.2020

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Weltraum-Golf für Interessierte

Klar, bei Hen Ogledd denken viele erst mal an Richard Dawson. An jenen von der Kritik gefeierten Songschreiber, welcher den Folk immer wieder an seine äußeren Grenzen treibt. Nur ist Hen Ogledd eben nicht nur ein zusätzliches Vehikel für den Briten, sondern eine vollwertige Band, an der sich noch Dawn Bothwell, Rhodri Davies und Sally Pikington äußerst gewinnbringend beteiligen. Eine Festlegung auf eine*n Lead-Sänger*in erübrigt sich genauso wie die Zuweisung einzelner Instrumente. Bei dieser Band darf jeder singen und spielen, was gerade in die Hände fällt. Tatsächlich passiert so ziemlich alles auf "Free humans", dem vierten Album der britischen Band. Dass man da an sämtliche Indie-Weirdos wie Broken Social Scene, Super Furry Animals oder auch The Flaming Lips denkt, bleibt nicht aus. Das Quartett nennt noch Einflüsse wie ABBA bis Hildegard Von Bingen, also alles ein haltloses Durcheinander? Dies kann man guten Gewissens verneinen, denn Hen Ogledd sind so schlau, ihre zahlreichen Ansätze und Ausführungen auf 14 Songs und 80 Minuten Spielzeit zu verteilen, sodass jedes Element Zeit und Raum zur Entfaltung bekommt.

Was bei Songs wie "Farewell", "Trouble" oder "Crimson star" auffällt, ist ein Wille zu anschmiegsamen Melodien, die sich jedoch in unterschiedlichsten Settings entfalten. Der allmähliche Aufbau von "Farewell" mit lieblichen Gesangspassagen, die ein wenig von den Gitarren geschmirgelt werden, begleitet von einem locker arbeitenden Schlagzeug, zeugen von Sorgfalt und Langmut in der Songentwicklung. Nichts wird übereilt, keine ADHS-Revue, sondern das Auskosten der einzelnen Klänge und Melodien steht im Mittelpunkt. Dabei entsteht eine Atmosphäre, die sich zwischen weitem Universum und idyllischer Spielwiese nie abschließend entscheidet. Und auch das textlich eher eingetrübte "Trouble" gönnt sich einen melodisch hell aufleuchtenden Refrain, trotz "Trouble is the name of my shadow." Aber auch hier konstatiert man einen sorgfältigen Spannungsaufbau, ebenso in "Crimson star", welches mit herrlich schwereloser Gesangsmelodie durch den Äther schwebt. Trotzdem gibt es auch in diesem Song Kontrapunkte, einen erdigen Bass oder eine eher nüchterne stimmliche Darbietung in der Strophe.

Neben den zwingenden Melodien erfreut sich das Publikum auf "Free humans" immer wieder an wunderbaren Klang-Details. Die Industrial-Percussion von "Earworm" oder die mit verbeulten Bläsern wetteifernden Weltuntergangs-Synthies von "Paul is 9ft tall (Marsh gas)" verhindern erstens ein Abdriften ins Süßliche und sorgen generell für eine ambivalente Stimmungspalette, deren einzelne Elemente genug Ellenbogenfreiheit erhalten. "Space golf" richtet sich an die Egomanen dieser Welt, "You took so much more than you need / But you can't play golf in space", packt dies in eine langmütig angelegte Abfahrt, die sich aus elektronischer Rhythmik und fast sakralen Chören speist, wieder so eine stimmige, aber außergewöhnliche Kombination. Das großzügig formatierte Dahingleiten und -schwelgen wird dann in den abschließenden Stücken "Feral" und "Skinny dippers" konsequent ausgeführt. Jenseits der Sieben-Minuten-Marke dürfen sich diese Songs räkeln, tröpfelnde Töne sich voll entfalten und jeder Drum-Beat weit in den Raum greifen. "Skinny dippers" entwickelt dabei obendrein eine Dringlichkeit, die die Spielzeit des Stückes kurz werden lässt. Viele Ideen, geduldig ausgearbeitet, eine Fülle an Eindrücken und Stimmungen, dabei jedoch niemals ein Overkill an Einfällen: Trotz seiner Ambition macht "Free humans" vor allem Spaß.

(Martin Makolies)

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Highlights

  • Trouble
  • Crimson star
  • Space golf
  • Feral

Tracklist

  1. Farewell
  2. Trouble
  3. Earworm
  4. Crimson star
  5. Kebran gospel gossip
  6. Remains
  7. Paul is 9ft tall (Marsh gas)
  8. Space golf
  9. Time party
  10. The Loch Ness monster's song
  11. Flickering lights
  12. Bwganod
  13. Feral
  14. Skinny dippers

Gesamtspielzeit: 79:55 min.

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Armin

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2020-09-22 19:50:53 Uhr - Newsbeitrag
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