Lucrecia Dalt - No era sólida

Lucrecia Dalt- No era sólida

RVNG Intl. / Cargo
VÖ: 11.09.2020

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Wenn Worte ihre Sprache wären

Mythische Kreaturen, die menschliche Körper ausschlürfen, knirschende Gesteinsmassive, primitive Lebensformen in einem Marsmeteoriten. Ja doch, es war einiges los 2018 auf Lucrecia Dalts "Anticlines", einem bemerkenswerten elektronischen Störfall, mit dem die Kolumbianerin Erdschichten zum Swingen und analoge Maschinenparks zum Splittern brachte. Allzu viel Zeit für Selbstreflexion blieb da nicht – kein Wunder, dass auf dem Nachfolger "No era sólida" nun sogar eine zweite Identität aus der Künstlerin hervorbricht. Lia heißt die Guteste, ist anders als Dalt noch in "Tar" oder "Edge" des Englischen nicht mächtig – und zunächst auch keiner anderen Sprache, die in den entgeistert morphenden Vocal-Spuren des Openers "Disuelta" eindeutig erkennbar wäre. Dazu entwerfen Fieps-Stakkato und bassiges Hoppeln einen maximal entwurzelten Groove – was jeder wird nachvollziehen können, der Erfahrung mit dem Musizieren per Gurtwarner-Pling und Interferenzen aus dem Kurzwellen-Radio hat. Nanu? Niemand?

Immerhin stimmlich wird auf "No era sólida" eher gemurmelt als gekreischt. Dafür sorgt alleine Dalts Alter Ego Lia, die praktisch die ganze Spielzeit über irrlichternd das Organ schweifen lässt, beinahe in Zungen redet und offenbar unbeeindruckt von der aufgeworfenen Soundkulisse um Ausdrucksmittel ringt. Wie sein Titel bereits suggeriert, ist dieses Album samt seiner Protagonistinnen stets in potenzieller Auflösung begriffen: Minimalistisch benannte Tracks wie "Seca" oder "Di" wirken in ihrer Ungreifbarkeit wie flüchtig durchhuschende Schemen, die aber jederzeit in absonderliche Hypno-Schlaufen und plötzliche Alarmsignale umschlagen können – schon türmen sich die "Analogue mountains" von "Anticlines" noch ein Stück höher auf. Erst recht, wenn die aztektische Götterstatue "Coatlicue S." nervös in einem motorisch knarzenden Schaukelstuhl umherrutscht und Heerscharen von Heuschrecken über die Gehörgänge herfallen. Geräusche wie aus einem TikTok-Hit – nur ohne Musik. Aber auf die muss man auch mal verzichten können.

Erst ab dem launischen Grunzen von "Espesa", unter das sich das Scheppern von gefundenem Blech schmuggelt, findet Dalt und somit auch Lia allmählich zu ihrer Artikulation. Nach "Suprema", einem großen Luftholen inmitten weißen Rauschens, lärmt "Revuelta" entsprechend aufrührerisch mit perkussiven Erschütterungen und sowohl dröhnenden als auch drohenden Flächen, ehe zum Schluss die inneren Dämme brechen und das Titelstück in fein säuberlichem Spanisch alles ausspuckt, was "No era sólida" so lange auf den zwei Seelen in der Brust gelegen hat. Die versonnenen modularen Twangs wirken dabei beinahe wie eine emulierte Pedal-Steel-Gitarre – und verweisen damit sanft auf Dalt-Platten wie "Ou" und "Syzygy", die noch mit einer klinisch sauberen Spielart karger Folk-Musik hantierten. Was aus Lia wiederum einen nahbaren, wenn auch zuweilen leicht autistischen Gegenentwurf zu Holly Herndons KI Spawn macht. Doch wenn Worte ihre – und Dalts – Sprache wären, hätte dieses Album viel von seiner Faszination eingebüßt.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Disuelta
  • Coatlicue S.
  • Revuelta
  • No era sólida

Tracklist

  1. Disuelta
  2. Seca
  3. Coatlicue S.
  4. Ser boca
  5. Espesa
  6. Di
  7. Suprema
  8. Revuelta
  9. Endiendo
  10. No era sólida

Gesamtspielzeit: 40:04 min.

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User Beitrag

Randwer

Postings: 1451

Registriert seit 14.05.2014

2020-09-24 06:57:42 Uhr
Eines der Alben, auf die ich mit Spannung gewartet habe. Und ich wurde nicht enttäuscht. Ich liebe es und lausche ihm in Dauerschleife.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 18555

Registriert seit 08.01.2012

2020-09-22 19:49:57 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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