Idles - Ultra mono

Idles- Ultra mono

Partisan / Rough Trade
VÖ: 25.09.2020

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Punk ist ...

"Ist das noch Punkrock?" fragten Die Ärzte einst mit leicht ironischer Wortfärbung und lieferten indirekt jene Antwort, die Genre-Polizisten alter Couleur noch immer nicht gerne hören: Punk ist nicht mehr im Schema F absteckbar. Punk muss mehr sein als bloß laute Systemkritik in drei Akkorden. Gerade in Zeiten, in denen Faschisten und Diktatoren wiedererstarken und ihrer Gefolgschaft – für den Fall, dass man ihrer Ausgrenzung nicht folgt, sich nicht in blindem Hass gegen alles Weltoffene wendet – das bevorstehende Ende irgendwelcher "Werte" vorposaunen. Wichtiger ist das Ablegen von Scheuklappen, das Hinterfragen vertrauter Klischees und überholter Gesellschaftsbilder – und somit auch das Hinterfragen des Punk-Etiketts selbst.

Idles aus Bristol machen aus ihrer düsteren Analyse um den sozialen Zustand der Welt trotzdem keinen Hehl. Denn dieser ist ihr Antrieb. In England fliegen dem Fünfer mit der emotionalen Intensität in Wort und Klang längst alle Herzen zu, und auch im Rest der Welt wuchs die Fangemeinde spätestens mit dem famosen "Joy as an act of resistance" schlagartig an. Das Rezept für den dritten Longplayer "Ultra mono" hat sich dabei nicht grundlegend geändert, aber sehr wohl verfeinert. Mit anderen Worten: "If you want to beat the machine / Kill 'em with kindness!", wie es in "Kill them with kindness" heißt. Erstmals holten sich Idles Unterstützung von Künstlern, die sie schätzen – wie Jamie Cullum bei erwähntem Track.

Die dem Punk ureigene Wucht und Kompromisslosigkeit, die mit dem Auftakt "War", dem krachend-hymnischen "Carcinogenic" und dem lauten "Anxiety" unter Mitwirkung von The Jesus Lizards David Yow Einzug hält, ist aber nur eines von vielen Mitteln dieser Band. Laut sein jedoch ist notwendig, weil Joe Talbot im famosen "Grounds" das Fiasko treffend analysiert: "I smell the blood of a million sons / A million daughters from a hundred thousand guns / Not taught by our teachers / On our curriculum." Zudem belegt der auf Riff und Drums gebaute, geniale Beat des Tracks samt elektronischer Sprenkel die Offenheit der Briten in Sachen Sound und Produktion. "Mr. Motivator" münzt die brodelnde Kulisse mit seinem Punkrock-Refrain in einen catchy Pogo um und gibt ein erstes Rezept für den Kampf für das Gute preis: "Let's seize the day / All hold hands / Chase the pricks away / You can do it!"

Kaum eine Truppe setzt sich so vehement für Gleichberechtigung von Frauen ein und schreit gegen die gewaltdurchzogenen Auswüchse toxischer Männlichkeit an. Unterstützung gibt's dafür beim räudigen Garage-Post-Punker "Ne touche pas moi" seitens keiner Geringeren als Jehnny Beth von Savages. Und als jüngste Auskopplung bietet der Stoff des famosen wie köstlich sarkastischen "Model village" nicht nur genug Vorlage für ein grandioses Musikvideo, sondern stellt die kleinsten sozialen Einheiten im Land auch unmissverständlich als das dar, was sie vielerorts sind: Keimzellen der Ausgrenzung und der Intoleranz, in denen vor allem der schöne Schein Gesetz ist. "I don't care about your rose garden / I've listened to the things you said / You just sound like you're scared to death." Noch Fragen? Die Produktion! Knalliger, nuancierter, passender als in den Anfangstagen. Nick Launay (Nick Cave, Yeah Yeah Yeahs, Arcade Fire), Adam "Atom" Greenspan (Anna Calvi, Cut Copy) sowie Kenny Beats (FKA Twigs, Vince Staples) unterstützten die Band in Paris bei der Arbeit an den zwölf neuen Songs.

Idles versuchen sich also erneut nicht bloß am stumpfen Dagegensein und vergeuden ihre Kraft damit, nur das Schlechte ins Scheinwerferlicht zu rücken. Mit erbarmungslos offenem Visier prügelt die Truppe ihre Gitarrenriffs in die Ohrmuscheln, dass es scheppert. Und dazu nötigen die Briten ihre verehrten Zuhörer mit gewohnt repetitiven, sprechsingenden Rüpel-Lyrics geradezu, sich nicht dem Negativ-Sog hinzugeben, sondern das Gute aktiv zu suchen, es nach Außen zu tragen. "I wanna be loved / Everybody does", heißt es da im hypnotisch-wavigen "A hymn", und genauso könnte das gehen: Nur gemeinsam ist grassierendem Hass und der Spaltung zu entgehen – indem man etwas Menschliches schafft, das gegen überholte Konventionen bestehen kann. Manche mögen das eine naiv-ideologische Haltung nennen. Wir nennen es einfach mal: Punk im besten Sinne.

(Eric Meyer)

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Highlights

  • Grounds
  • Mr. Motivator
  • Ne touche pas moi
  • A hymn

Tracklist

  1. War
  2. Grounds
  3. Mr. Motivator
  4. Anxiety
  5. Kill them with kindness
  6. Model village
  7. Ne touche pas moi
  8. Carcinogenic
  9. Reigns
  10. The lover
  11. A hymn
  12. Danke

Gesamtspielzeit: 44:31 min.

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User Beitrag

Telecaster

Postings: 951

Registriert seit 14.06.2013

2020-10-17 10:36:56 Uhr
Mir gefällt das Album. Wenn ich gerade mehr Geld hätte, würde ich es sofort kaufen und neben die ersten beiden stellen, die ich jetzt auch schon lange nicht mehr aufgelegt habe.

foe

Postings: 7

Registriert seit 10.06.2020

2020-10-17 07:51:17 Uhr
„ZU politisch korrekt“

Was soll das sein? Genau so absurd, wie jemanden als „Gutmensch“ beleidigen zu wollen.

wilson

Postings: 191

Registriert seit 10.08.2015

2020-10-16 21:45:52 Uhr
bin total verwirrt...soll bzw. darf ich die neue idles jetzt geil finden oder nicht?...brauche klare ansagen.

Gordon Fraser

Postings: 1690

Registriert seit 14.06.2013

2020-10-16 18:04:50 Uhr
Ah, what Felix said.

Gordon Fraser

Postings: 1690

Registriert seit 14.06.2013

2020-10-16 18:04:03 Uhr
What? Das Problem ist doch eher, dass sie ZU politisch korrekt sind und daher unauthentisch wirken. Die haben doch noch nie irgendwas ansatzweise kontroverses gesagt oder getan. Auf "Brutalism" hat das noch funktioniert, aber seit Album 2 ist das doch einfach nur noch öde.
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