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Niedeckens BAP - Alles fließt

Niedeckens BAP- Alles fließt

Vertigo / Universal
VÖ: 18.09.2020

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Viel zu sagen

Ist schon irgendwie blöd. Da gibt es eine Band, deren erste Gehversuche auf das Jahr 1976 zurückreichen. Mit einem Frontmann und Haupttexter, der im Laufe seines Lebens mit Preisen überhäuft worden ist bis hin zum Bundesverdienstkreuz 1. Klasse. Eine Band, die – man mag es gar nicht glauben – die meisten Alben überhaupt auf Platz 1 der deutschen Charts positionieren konnte und damit 2018 die Beatles übertrumpfte. Und doch kennen die allermeisten von dieser Band nur dieses eine Lied. Das heißt, sie kennen den Refrain, so sie denn nicht des kölschen Idioms mächtig sind. Singen auf jeder Party lauthals mit: "Verdamp lang her, verdamp lang, verdamp lang her." Und übersehen dabei, dass es sich beim größten Hit von BAP – denn um die geht es natürlich – um die zu Herzen gehende Geschichte des Sängers Wolfgang Niedecken handelt, der mit seinem Vater erst nach dessen Tod seinen Frieden machen konnte.

Nun stammen "Verdamp lang her" und das dazugehörige Album "Für Usszeschnigge!" aus dem Jahr 1981, doch Niedecken zeigte sich schon davor und bis heute gleichermaßen wortgewaltig wie meinungsstark. So meinungsstark, dass ihn auch der Ausstieg seines langjährigen Bandkollegen Klaus "Major" Heuser vor leidlich 20 Jahren nicht darin umstimmen konnte, seine Texte in der heimischen Mundart zu verfassen. Und nach weiteren Besetzungswechseln tragen BAP eben zusätzlich seit einigen Jahren den Namen ihres Gründers, und nur langjährige Fans oder Suchmaschinen-Benutzer wissen, dass dies auch schon in anderer Schreibweise zu Zeiten der Bandgründung der Fall war, nämlich als Wolfgang Niedecken's BAP, Deppenapostroph inklusive.

"Währenddessen, om Maatplatz vielleich / Unmaskiert, hück mem wohre Jeseech / Sammelt Stein, schlief et Mezz / Op die, die schon verpetz / Prob dä Lynch-Mob für't Jüngste Jereech". Nein, diese Zeilen stammen nicht aus einem Song des 20. Studioalbums namens "Alles fließt", das interessanterweise genau am 40. Todestag des erwähnten Niedecken senior erscheint. Sondern aus dem beängstigend aktuellen "Kristallnaach" von 1982. Vielleicht benötigt es diesen Blick zurück, um zu erkennen, was diesen Mann nach wie vor umtreibt, der aber, wie er selbst im Opener "Hauptjewinn" nur zum Teil augenzwinkernd singt, "keinem was beweisen [muss] / Nicht mal Florian Silbereisen". Und wenn er schon mal dabei ist, bekommt der glattgebügelte Massengeschmack mit "Jeisterfahrer" auch noch direkt ein paar hinter die Ohren. Doch nach wie vor so richtig zornig wird der Kölner, wenn es um rechte Populisten und ähnlich gelagertes Gesocks geht. "Skrupellose Bauernfänger weltweit an der Macht / Schwarmdemente Spießer han'se brav dahin jebracht", faucht Niedecken in "Ruhe vor'm Sturm" und malt mit dem Martin-Luther-King-Zitat "Es kommt eine Zeit, in der Schweigen Verrat wird" ein düsteres Bild.

Natürlich stehen bei einem Musiker, der schon vor Jahrzehnten der "Dylan von der Südstadt" genannt wurde, die Texte im Vordergrund. Und natürlich gibt es nicht viele, die Niedecken dabei das Wasser reichen können. Ebenso klar ist, dass die kräftigen Riffs bei Niedeckens BAP schon lange eher die Ausnahme bleiben. Doch auf der anderen Seite blickt "Jenau jesaat: Op Odyssee" mit beschwingter Bläser-Sektion auf das Leben des fast 70-Jährigen zurück, und das zumindest für die norddeutschen Ohren des Rezensenten komplett unverständliche "Huh die Jläser, huh die Tasse" wartet mit so etwas wie Rhein-Reggae auf. Natürlich erfindet sich Niedecken im Alter nicht mehr neu, und das Etikett des "Kölsch-Rock", das weiland für BAP aus der Taufe gehoben wurde, ist längst dem Etikett namens "Singer-Songwriter" gewichen – zumindest sieht sich der nebenher auch als Maler respektierte Künstler so. Aber genau deshalb darf Wolfgang Niedecken mit "Mittlerweile Josephine" eine Liebeserklärung an seine Tochter singen. "Alles fließt" wird sicher nicht mehr dafür sorgen, dass die Fans plötzlich versuchen, den Dialekt der Großstadt am Rhein zu erlernen. Doch die Platte zeigt, dass einer ihrer bekanntesten Söhne noch verdammt viel zu sagen hat.

(Markus Bellmann)

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Highlights

  • Ruhe vor'm Sturm
  • Du häss Dich arrangiert
  • Jenau jesaat: Op Odyssee
  • Verraten un verkauft

Tracklist

  1. Hauptjewinn
  2. Jeisterfahrer
  3. Ruhe vor'm Sturm
  4. Mittlerweile Josephine
  5. Amelie, ab dofür
  6. Du häss Dich arrangiert
  7. Volle Kraft voraus
  8. Für den Rest meines Lebens
  9. Alles zoröck op Ahnfang
  10. Jenau jesaat: Op Odyssee
  11. Besser du jehß jetz (So what)
  12. Verraten un verkauft
  13. Huh die Jläser, huh die Tasse
  14. Wenn ahm Ende des Tages

Gesamtspielzeit: 69:19 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

musie

Postings: 2942

Registriert seit 14.06.2013

2020-09-20 21:55:52 Uhr
Kebap ke Mam. Ne wer BAP falsch schreibt... Halt die Bappe die erste Intention.

Annie

Postings: 79

Registriert seit 02.12.2019

2020-09-20 10:30:39 Uhr
Salzjebier ist eh das bessere blonde on blonde...leider könnte sich Dylan nicht von sich Selbst trennen, aber Heuser von BAP

Sick

Postings: 124

Registriert seit 14.06.2013

2020-09-20 00:10:16 Uhr
tumbleweed, deine Aussagen sind Blödsinn. Nein, richtiger Bullshit.
Niedecken hat sich nie als deutscher Dylan bezeichnet. Das war irgendein Schreiberling.
Er tut auch nicht wichtig. Er antwortet wenn man ihn fragt.
Das das musikalisch nach dem Weggang von Heuser und Streifling nur noch zweite Liga ist kann man nicht bestreiten. Textlich war er in den 80ern und 90ern treffsicherer.
Und wenn man so manche Live-Auftritte (oder auch die Alben) der letzten Jahre sieht und hört weiß man das der Begriff Altherrenrock auf den Wolfgang (leider) doch recht zutrifft.
Aber Narzist und eitler Wichtigtuer? Wat en Kappes.

Telecaster

Postings: 973

Registriert seit 14.06.2013

2020-09-16 12:00:45 Uhr
So hart würde ich mit ihm nicht ins Gericht gehen. Gelegentlich schätze ich auch den "Senf", den er zum Zeitgeschehen abgibt. Er passt gut in die deutsche Musiklandschaft, wenn ich mir so überlege, was da noch so kreucht und fleucht - kannste doch eh so gut wie alles in die Tonne werfen, wenn du einen einigermaßen ausgewählten Musikgeschmack pflegst. Diese Liedermacherei steht und fällt eben mit den Texten, und ist damit noch einigen in diesem Land erzeugten Musikprodukten überlegen, aber ich kann das auch ganz gut ignorieren. Solange er in Zukunft bitte wieder seine Finger von Dylan-Songs lässt.

tumbleweed

Postings: 264

Registriert seit 02.09.2019

2020-09-16 08:07:08 Uhr
Niedecken und Bab gehen gar nicht und waren immer unsäglich. Der Mann, der sich als deutscher Dylan bezeichnete, gehört für eine solche Blasphemie eingesperrt! Bap waren bestenfalls solider Dorfkneipenrock für die Landbevölkerung, die es nicht gelernt hat, hochdeustch zu sprechen. Auf dem Peinlichkeitsranking etwas unter Westernhagen.

Alles nicht schlimmt. Was nervt ist die Eitelkeit und die Wichtigtuerei Niedeckens. Er möchte Künstler sein, um jeden Preis. Singer/Songwriter. Am besten auf dem Niveau von Bob Dylan. Ein Autor.
Leider nervt er nur wenn er überall ungefragt seinen Senf dazu gibt.

Autor? Ja wie wärs denn mit dem Buch "Zugabe", in dem er für die bUNTE-Leserschaft in bester Gabi-Köster-Manier ein Buch über seinen Schlaganfall geschrieben hat. Was für ein Narzist! Zudem plauderte er Indiskretionen aus, die ihm Künstlerkollegen anvertrauten.

Ein Mann, der immer um Beachtung, Wertschätzung und Anerkennung kämpfte. Und alles dafür tun würde
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