Otis Sandsjö - Y-Otis 2

Otis Sandsjö- Y-Otis 2

We Jazz / Groove Attack
VÖ: 24.07.2020

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Jazz wird ein Schuh draus

Beim Wörtchen Jazz schrillen bei vielen Leuten die Alarmglocken. Das Genre hat einen seltsamen Ruf, viele denken an abstrakte Free-Jazz-Verrenkungen und wilde Saxofonsoli und bekommen schon bei der Nennung des Begriffs übelste Migräne. Dass Jazz aber mehr ist, beweisen seit einigen Jahren illustre Newcomer: Kamasi Washington, Nérija, Badbadnotgood oder Ezra Collective sind angetreten, um der etwas angestaubten Musikrichtung neues Leben einzuhauchen. Es entstanden lokale Jazz-Szenen, insbesondere in London und an verschiedenen Orten in den Vereinigten Staaten. Schweden galt indes bislang nicht als Hotspot der Szene, aber mit Otis Sandsjö kommt einer der aktuell spannendsten Genre-Musiker aus Göteborg. Zwischenzeitlich hat er seine Zelte in Berlin aufgeschlagen, sich mit anderen Jazz-Enthusiasten zusammengetan und fleißig Musik komponiert. "Y-Otis 2" ist seine zweite Platte, wieder aufgenommen im Verbund mit ein paar weiteren Wegbegleitern und Kollaborateuren.

Natürlich wird der Jazz hier recht offen interpretiert, andere Einflüsse kommen stärker als üblich zum Tragen. Insbesondere elektronische Musik hält in Sandsjös Kompostionen Einzug, an allen Ecken und Enden britzeln und brutzeln warme Beats, manchmal schießen sie quer durch den Raum. Lediglich das stur vor sich hin wobbelnde "Bobby" zerrt ein wenig an den Nerven. Bezeichnenderweise ist dies der einzige Track, der seine Wurzeln eher in bolleriger Electronica schlägt, während alle anderen Stücke deutlich im kontemporären Jazz zuhause sind. Sandsjös Stärke ist also viel eher die zeitgemäße Überführung eines Genres ins Hier und Jetzt. Oft entstehen dann frei fließende Nummern wie der Opener "Waldo", dessen Saxofon im Zentrum steht, während zerhackstückelte Electronica-Bausteine durch den Äther schwirren, hier und da mal andocken, ansonsten aber auch eher assoziativ ihren Platz im Klangkosmos suchen.

Noch besser: "Tremendoce", das sich aufmacht, um auf muntere Art und Weise dem Free Jazz Feuer unterm Hintern zu machen. Grundmelodie und Rhythmus bleiben in diesen gut vier Minuten konstant, doch alles, was links und rechts des Weges passiert, ist nicht vorher zu erahnen. Ein blinkendes, rauschvolles Spektakel, das die eingerosteten Hörgewohnheiten mal ordentlich umstülpt. Letztlich entsteht auf diese Weise ein einziger wilder Strudel und auch, wenn die zehn Tracks nicht nahtlos ineinander überlaufen, so ist es doch oft schwierig, Start und Ende eindeutig auszumachen. Mitreißend, eklektisch, bewusstseinserweiternd: "Y-Otis 2" ist eine Reise, die man unbedingt antreten sollte, wenn man in den kleinen Jazz-Hype der letzten Jahre weiter eintauchen möchte. Was die Nachbarn dazu wohl sagen werden? Nun, das Hämmern gegen die Wand lässt sich vortrefflich als zustimmende Geste werten, oder?

(Kevin Holtmann)

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Highlights

  • Tremendoce (feat. Jonas Kullhammar & Per "Texas" Johansson)
  • Abysmal

Tracklist

  1. Waldo
  2. Tremendoce (feat. Jonas Kullhammar & Per "Texas" Johansson)
  3. Oisters
  4. Abysmal
  5. Koppom
  6. Ity bity
  7. Sapiens
  8. Bobby (feat. Ruhi Erdogan)
  9. Fruehling
  10. Atombahn

Gesamtspielzeit: 39:45 min.

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Armin

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2020-08-30 19:30:58 Uhr - Newsbeitrag
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