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Fantastic Negrito - Have you lost your mind yet?

Fantastic Negrito- Have you lost your mind yet?

Cooking Vinyl / Sony
VÖ: 14.08.2020

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

There's a riot goin' on

"Have you lost your mind yet?" Man mag es kaum glauben, aber Xavier Dphrepaulezz hat sein fünftes Album bereits mit dieser so akkuraten Frage betitelt, bevor Ihr-wisst-schon-was die Welt auf den Kopf gestellt hat. Eigentlich ist das aber auch gar nicht verwunderlich, schließlich befinden sich die von Rassismus und Polizeigewalt zerrütteten USA schon seit geraumer Zeit in einem Zustand, der die Betroffenen an ihrem Verstand zweifeln lassen könnte. Dphrepaulezz weiß, wovon er singt, hat er in seinem turbulenten Leben selbst so manche Kehrseite des Amerikanischen Traums erlebt. Die Bio in Kurzform: Kleinkriminalität und musikalische Gehversuche, Koma nach Autounfall, noch mehr halblegale Geschäfte, künstlerische Wiedergeburt als Fantastic Negrito, Erfolg. Zwei Grammys stehen beim Kalifornier inzwischen im Regal, der natürlich keineswegs vergessen hat, wo er herkommt. Sein exzentrischer Blues- und Funk-Hybrid transportiert nach wie vor das Spiegelbild einer Gesellschaft, in der manche gleicher sind als andere: "In America there is justice just as long as you have some money." Es überrascht nicht, dass einer der berühmtesten Bewunderer und Förderer dieses Mannes Bernie Sanders heißt.

"What have we become?" Die klagevolle, leicht verwaschene Soul-Ballade "How long?" mäandert um Schusswaffen-Kult und Social-Media-Lynchmobs, bis sie ihr Unverständnis über das angebliche "Land of the Free" in einer einfachen Frage pointiert. Dphrepaulezz schaut musikalisch zurück, hat aber inhaltlich immer die Gegenwart im Blick. Wie seine Wegbereiter Vietnamkrieg und Bürgerrechtsbewegung als kreativen Kraftstoff nutzten, findet hier seine Entsprechung in Trumps Amerika und Black Lives Matter. Von Marvin Gaye, Sly Stone und Co. hat ihr Bruder im Geiste auch gelernt, dass ein Protestsong nicht immer wie einer klingen muss. Der Opener "Chocolate samurai" ist ein fünfminütiges Groove-Monster, das seine "Power!"-Rufe mit ganz viel Wah-Wah-Konfetti und agiler Rhythmustruppe begleitet. Dphrepaulezz' Befreiung ist eine körperliche, befeuert nicht von Trauer oder Wut, sondern von Bewegung, Ekstase und einer dem Funk immer schon inhärenten Sexiness. Wenn er sich in der Mitte des Albums mit Rapper E-40 für eine Neuinterpretation dessen "Captain Save A Hoe" zusammentut, würde der Schlafzimmer-R'n'B des Refrains auch einen D'Angelo zum Schwitzen bringen. Einen Song später windet sich dieses charakteristische Reibeisen auch in Prince'sche Falsetthöhen, die Hammond orgelt im lilafarbenen Samtbett und ein exzessives Gitarrensolo liefert die herbeigesehnte Klimax. "Your sex is overrated"? Never.

In der Kategorie "Best Contemporary Blues Album" gewann Fantastic Negrito seine zwei vergoldeten Grammophone, doch wäre es vermessen, ihn auf ein Genre zu reduzieren. In "These are my friends" gibt sich der sonst so angriffslustige Hüftschwinger ganz sanft und gießt noch etwas Gospel in seinen Schmelztiegel afroamerikanischer Musiktraditionen. Im Kontrast dazu steht etwa der stampfende Closer "Platypus dipster" mit seinem straight aus den Siebzigern gerissenen Funk-Rock. Modernere Einflüsse finden sich im Drumcomputer-Beat von "All up in my space" oder den HipHop-Manövern des von Tarriona "Tank" Ball unterstützten "I'm so happy I cry". Im letztgenannten Song erinnert sich Dphrepaulezz an das Jahr seines Unfalls und zeigt sich dankbar dafür, es aller Widrigkeiten zum Trotz so weit geschafft zu haben. Mit 52 Jahren ist er eine Generation älter als die meisten seiner stilistischen Kollegen, die ebenfalls in den 2010ern Popularität erlangten. Seine Musik mag vielleicht weder die meisterhafte Klasse der alten Helden noch die Experimentierfreudigkeit jüngerer Epigonen wie Childish Gambino aufweisen, doch zeichnet sie eine Reife und Abgeklärtheit aus, die letzteren manchmal abgeht. Die im Albumtitel gestellte Frage bleibt vorerst noch verneint.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Chocolate samurai
  • How long?
  • Your sex is overrated (feat. Masa Kohama)

Tracklist

  1. Chocolate samurai
  2. I'm so happy I cry (feat. Tank)
  3. How long?
  4. Shigamabu blues
  5. Searching for Captain Save A Hoe (feat. E-40)
  6. Your sex is overrated (feat. Masa Kohama)
  7. These are my friends
  8. All up in my space
  9. Justice in America
  10. King frustration
  11. Platypus dipster

Gesamtspielzeit: 38:34 min.

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Armin

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2020-08-30 19:30:11 Uhr - Newsbeitrag
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