Antilopen Gang - Adrenochrom

Antilopen Gang- Adrenochrom

JKP / Warner
VÖ: 21.08.2020

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Hüftgold

"Das Reh springt hoch, das Reh springt weit. Warum auch nicht, es hat ja Zeit!" In Zeiten, in denen sogar der Karneval dem Corona-Wahnsinn zum Opfer fällt, braucht es mehr Kalauer denn je, damit die deutsche Volksseele nicht verkümmert!!!!!!! Aber Moment mal, diesen bekannten Heinz-Erhardt-Vers hier für eine sarkastische Polemik zu missbrauchen, ist auch nicht okay. Zumindest für diese Rezension wäre es ohnehin von Vorteil gewesen, wenn der Dicke mit der schwarzen Vollrandbrille einen anderen Vertreter des horntragenden Wilds referenziert hätte. Denn: Nur rund sieben Monate nach "Abbruch, Abbruch" veröffentlicht die Antilopen Gang ganz überraschend ein neues Album namens "Adrenochrom". Und auch hier gilt: Warum auch nicht, sie haben ja Zeit.

Tour abgesagt, wegen Ihr wisst schon, also Platte machen. Gute Idee. Die hatten auch schon andere Genre-Vertreter wie Die Orsons, aber "Adrenochrom" ist im Gegensatz zu "Tourlife4Life" ein veritabler Langspieler. Weil das Album so schnell entstand, behandelt es auch ganz konkret, was gerade so abgeht in der Welt: Etwa, dass "die Satanisten gerade Nanochips in uns einimpfen", wie es im basslastigen "Kritisch hinterfragt" heißt. Antilopen Gang kritisiert zurecht diejenigen, die Verschwörungserzählungen verbreiten und glauben. Gabs schon, aber mehr "hands on" eigentlich nicht. Am Ende tobt ein heftiger Techno-Beat, Panik Panzer keift wie "Der durch die Scheibeboxxxer" von K.I.Z. Die erste Single, die genauso überraschend erschien wie die Platte, ist dagegen ganz laid back unterwegs. "Ich schlender durch das KaDeWe / Ohne Geld im Portemonnaie", singt Danger Dan in "Army Parka". Klauen macht Spaß, fast so wie beim "Enkeltrick" von "Aversion".

Dessen Sound greift auch der Opener "Plan B" auf und verkündigt, dass sogleich "wieder ein Jahrhundertalbum" folgt. Klassische Rapper-Hybris, freilich, aber "Adrenochrom" hat es schon in sich. In diesem Zusammenhang muss "Hokus Pokus" genannt werden, das textlich ein paar deftige Schellen verteilt, während der Beat trappig tropft. Noch saftiger schwingt sich "Globuli" empor. Man mag's vermuten: Hier gibt's "Anti-Aluhut-Sound". Die Crew nennt sich hier dann "Antibiotikum Gang", Danger Dan tanzt "nackt mit Christian Drosten um 'nen Totenkopf" und abends gibt's lecker "Schlangenfilet" zu essen. Wer dabei die Hook beim ersten Mal fehlerfrei mitrappt, bekommt die ewige Anerkennung des Rezensenten. Auch in "Anführer Deiner Feinde" haben die Düsseldorfer Bock auf Krawall, zwischendurch klimpert ein drastisches Piano und vor allem Panik Panzer darf hier skilltechnisch glänzen.

"Dirty Chai" ist dafür ganz gechillt in einem Miami-Achtzigerjahre-Setting unterwegs. Danger Dan "radelt mit dem Lidl-Bike-Sharing-Fahrrad durch die Stadt" und erfreut sich diverser Konsumgüter. "Wenn nicht mit Rap, dann mit Kimchi", lautet die Quintessenz. Das hat gesessen. Vom Fernen in den Nahen Osten verschiebt "Warum sollte ich" die Szenerie. Das erinnert in seinem Fatalismus und vom Aufbau des Chorus ein bisschen an Deichkind. Selbstreflexiv gibt sich "Kuckuckskinder", in dem Danger Dan eine seiner immer wieder gern genommenen Piano-Bridges einlegt. Das gefällt. "Name und Adresse" schlägt in dieselbe Kerbe und hätte auch gut auf das "Abwasser"-Mixtape gepasst. Musikalisch fast ein bisschen deplatziert – aber für sich genommen schon ziemlich tight, weil Boom Bap geht immer –, kommt "Pack it up" an, das nebenbei noch einen Tocotronic-Fan als "traurige Wurst" bezeichnet.

Die Antilopen Gang hat Spaß und der Hörer ebenso. Das ist das Wichtigste, siehe Ausführungen zum Karnevalsverbot aus der Einleitung. Tatsächlich erscheint das Trio im Gegensatz zum anders starken "Abbruch, Abbruch" aus dem Januar befreit von den Fesseln des künstl(er)i(s)chen Alles-haben-Wollens. Das soll nicht heißen, dass die Produktion hier schlampig wäre oder dass die Themen nicht zündeten – ganz im Gegenteil: "Adrenochrom" ist einfach deswegen ein tolles Album, weil es aus der Hüfte schießt und dennoch genau den Punkt trifft. Man darf freudig gespannt sein, wie viele Alben dieser Marschrichtung uns bald noch erwarten. Denn nicht nur die Rehe und die Antilopen, auch die ganzen anderen Tiere fangen womöglich etwas richtig Gutes mit ihrer unverhofften Zeit an.

(Pascal Bremmer)

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Highlights

  • Globuli
  • Kritisch hinterfragt
  • Dirty Chai
  • Pack it up

Tracklist

  1. Plan B
  2. Army Parka
  3. Pepsi und Basmatireis
  4. Hokus Pokus
  5. Würfel Skit
  6. Globuli
  7. Anführer Deiner Feinde
  8. Dirty Chai
  9. Kritisch hinterfragt
  10. Messer Skit
  11. Pack it up
  12. Warum sollte ich
  13. Kuckuckskinder
  14. Name und Adresse

Gesamtspielzeit: 41:24 min.

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User Beitrag

Pascal

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 598

Registriert seit 13.02.2013

2020-09-30 01:02:57 Uhr
@MasterOfDisaster69, danke für das Lob!

Pascal

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 598

Registriert seit 13.02.2013

2020-09-30 01:02:34 Uhr
Ok, warte mal @Corristo, dass Prominente weltweit Kinder foltern, um von diesen das Stoffwechselprodukt Adrenochrom zu gewinnen, damit sie damit ihren Alterungsprozess aufhalten können, klingt für dich plausibel?

MasterOfDisaster69

Postings: 576

Registriert seit 19.05.2014

2020-09-30 00:39:02 Uhr
Was ist denn "dran an dem Thema"?

Corristo

Postings: 478

Registriert seit 22.09.2016

2020-09-29 19:38:26 Uhr
Vor allem ein dämlicher Albumtitel. Weil natürlich grade die Antilopen Gang zu wissen glaubt, dass an dem Thema garantiert nichts dran ist und es sich wirklich nur um eine irre VT handelt. Grade bei so einem Thema würde ich mich ja nicht so weit aus dem Fenster lehnen.

flow79

Postings: 62

Registriert seit 09.09.2020

2020-09-29 13:49:22 Uhr
Hui, mutiger Albumtitel...
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