Hubert von Goisern - Zeiten & Zeichen

Hubert von Goisern- Zeiten & Zeichen

Blankmusik / Sony
VÖ: 28.08.2020

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Rebell mit Grund

Wer Hubert von Goisern auf den Begriff Volksmusik reduziert, macht gleichzeitig alles richtig und alles falsch. Von der Volkstümelei, die sich noch immer großer Beliebtheit erfreut, war und ist er meilenweit entfernt. Dennoch sucht der österreichische Musiker seit Jahrzehnten seine Inspiration an der Basis. In den Neunzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts stieß er zunächst Türen auf. Er kombinierte heimatliche Klänge mit Rock und Pop, wobei ihm das Kunststück gelang, Anspruch mit Massenappeal zu vereinen. Danach ging er hinaus in die Welt, sammelte, kombinierte und erfand sich mehrfach neu. Sein neues Album "Zeiten & Zeichen" führt all diese Linien zusammen. Eklektizismus ist oberstes Prinzip. Der Opener "Freunde" ist dafür die Blaupause. Eine Geschichte vom Krieg, der Biografien zerriss und weniger Spuren hinterließ, als man denkt, bildet den Rahmen. Musikalisch finden Rap, Operette und Wienerlied zusammen. Und irgendwie funktioniert das alles.

Hubert von Goisern schreckte nie vor dem Politischen zurück. Dabei vermied er stets die Phrasendrescherei, verzichtete jedoch nie auf klare Positionen. Auch im Jahr 2020 ist die Welt nicht so, wie sie sein könnte. In dem großartigen "Sünder" rechnet der Songwriter in wenigen Versen mit der Verlogenheit des Zusammenspiels von "denen da oben" und der Bevölkerung ab, ehe der Song auf angenehmste Weise eskaliert. "Sogar die Kinder zoagn scho auf die Sünder", lautet von Goiserns lapidares Fazit. Das Abseitige, Abgründige ist ohnehin meist nur einen Steinwurf entfernt. Differenzen sind das, was die Menschheit eint. "A Tag wie heut" macht aus dieser Not eine Tugend. Den Ausweg aus der Misere kann die Musik nicht weisen, sie kann aber helfen, Brücken zu schlagen. Steine sind zum Bauen da.

Mit so manchem Experiment dürfte der Musiker seine Hörer allerdings vor den Kopf stoßen. Aber das muss so ein. Beispielsweise ist "Brauner Reiter" inhaltlich eine unmissverständliche Abrechnung mit dem Nazitum, von Goisern wählt bewusst das Genre der Neuen Deutschen Härte, um seiner Aussage ein musikalisches Gegengewicht zu geben. Mindestens spannend. Eher albern geraten hingegen "El Ektro" und "Quick quick slow", die sich aus verschiedenen Perspektiven über das Tanzen lustig machen. Ein Augenzwinkern macht dennoch vieles angenehmer im Leben. Aus diesem Grund ist auch "Eiweiß" ein Meisterwerk. So leichtfüßig hat bisher noch keiner mit dem ernährungstechnischen Optimierungswahn der Gegenwart abgerechnet. Was der Eisbär damit zu tun hat, wird hier nicht verraten.

Freilich gibt es auch genug Raum für nachdenkliche Töne. Wunderschön ist etwa "Future memories", eine melancholische Meditation über Hoffnung und Vergänglichkeit. Und dann diese Texte: "Meine Liebe kennt keinen Anfang / Und sie kennt auch nicht den Tod / Auch wenn ich bin längst vergangen / Leuchtet sie noch dunkelrot", singt von Goisern in "Dunkelrot". Manchmal sind nicht einmal Worte nötig, um eine Emotion zu transportieren. Im "Jodler für Willi" wird ausschließlich gejodelt, allerdings zu einer Klavierbegleitung in Moll. Dass auch das funktioniert, ist Zeugnis der Virtuosität des Urhebers. Dass danach eine einsame Quetschn das Lament vom "Gamstod" zum Besten gibt, kein Zufall. Letzten Endes ist dieser Hubert von Goisern ein im besten Sinne Verrückter. Ein Mann, der künstlerische Freiheit in einer Person vereint. Mit Grenzen sollen sich die anderen herumschlagen. Sie sind ohnehin nur Zeichen der Zeit.

(Christopher Sennfelder)

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Highlights

  • Sünder
  • Dunkelrot
  • Eiweiß
  • Gamstod

Tracklist

  1. Freunde
  2. Sünder
  3. Brauner Reiter
  4. Future memories
  5. Dunkelrot
  6. Meiner Seel
  7. Eiweiß
  8. El Ektro
  9. Novemberpferde
  10. Grönlandhai
  11. Glück ohne Ruh
  12. Jodler für Willi
  13. Gamstod
  14. Königin der Nacht (Dunkelblau)
  15. Quick quick slow
  16. A Tag wie heut
  17. Tierische Polka

Gesamtspielzeit: 73:51 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

MM13

Postings: 1951

Registriert seit 13.06.2013

2020-08-28 18:40:28 Uhr
gute rezi,
musikalisch deckt er diesmal wirklich alles ab,textlich sind schon paar schwere brocken dabei finde ich, aber tolles album!

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 18433

Registriert seit 08.01.2012

2020-08-23 20:22:50 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 18433

Registriert seit 08.01.2012

2020-07-17 20:14:37 Uhr - Newsbeitrag
Hubert von Goisern – harte Gitarrenriffs und ein dunkles Thema – Single und Video zu „Brauner Reiter“ veröffentlicht



Das neue Studioalbum von Hubert von Goisern erscheint am 28. August 2020



Hubert von Goisern war noch nie um politische Aussagen in seinen Liedern verlegen. Die heute erscheinende Single mitsamt Video „Brauner Reiter“ beschäftigt sich mit genau dem, was man sofort mit dem Titel assoziiert: Das Unglück, in das sich eine Gesellschaft stürzt, wenn sie rechten Strömungen freien Lauf lässt. Und die Aussicht, dass alles besser wird, wenn man ablässt von rückwärtsgerichtetem Gedankengut. Das alles verpackt in eine dunkle, druckvolle Rocknummer mit harten Gitarrenriffs und stampfendem Rhythmus. Unheilvoll, aber versöhnlich. Finster, aber mitreißend.

Videolink:





Hubert war mit seiner Band im Studio, im Wald, in improvisierten Konzertsälen, er hat virtuose Gastmusiker eingeladen: Zeiten & Zeichen ist von einer so überwältigenden Vielfalt, so dynamisch, freudvoll, auch kritisch, besonnen und auch druckvoll – der beste, ausgereifteste, spektakulärste Hubert von Goisern, den es je gab.

Auf diesem Album bündeln sich all seine Ideen, die vielen Einflüsse, die er über die Jahrzehnte als aktiver Musiker, als Reisender und als ein auf die Welt neugieriger Mensch sammeln konnte. Hubert von Goisern hat sich und sein musikalisches Wirken noch nie in Schubladen sortieren lassen, er hat sein Publikum überrascht und gefordert. Das neue Album ist ein modernes Destillat dieser musikalischen Reise.



Künstler: www.hubertvongoisern.com

Label: www.blankomusik.de
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