The Tangent - Auto reconnaissance

The Tangent- Auto reconnaissance

InsideOut / Sony
VÖ: 21.08.2020

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 4/10

Nachts im Museum

Es gibt wohl wenige Genres, die über die Jahrzehnte zu ihrem eigenen Widerspruch werden. Progressive Rock ist es in manchen seiner umfangreichen Facetten gelungen. Oder wie sonst ist es zu erklären, dass Musik, die sich in ihrer DNA als fortschrittlich, Grenzen überschreitend sieht, mitunter so rückwärtsgewandt ist? Die Heroen der Siebziger, seien es nun Yes, Genesis oder die schrägere Variante namens Canterbury Sound mit ihren wilden Jazz-Improvisationen sind halt doch oftmals übermächtig, mehr Hemmschuh als Inspiration. Die Kunst besteht also darin, sich von diesen Einflüssen ein Stück weit zu lösen, sie aber dennoch als Basis für seinen eigenen Sound zu nutzen und mit – nicht immer zwangsläufig naheliegenden – Ideen zu verfeinern. Der Brite Andy Tillison ist so ein Eklektiker, der mit seiner Band The Tangent immer wieder diesen Spagat zwischen dem herrlich oxymorischen "klassischen" Prog und der Neuzeit probiert. Was je nach persönlichem Geschmack mal mehr, mal weniger gut funktioniert.

Doch das ficht Tillison mal so überhaupt nicht an, der fast schon gebetsmühlenartig die Zukunft des Genres propagiert. Paradoxerweise beginnt "Auto reconnaissance", das elfte Studioalbum der Band, geradezu provozierend traditionell, schwelgt der Opener "Life on hold" doch genüsslich in jenen Klischees, die eigentlich so rückwärtsgewandt sind. Aber irgendwie nimmt man schon hier dem Frontmann das Augenzwinkern ab, zumal Jonas Reingold am Bass einfach herrlich dem Yes-Bassisten Chris Squire huldigt. Das wirkliche Alleinstellungsmerkmal von The Tangent ist und bleibt allerdings die Fähigkeit ihres Frontmanns, wunderbare Geschichten zu erzählen. "Jinxed in Jersey" ist so eine Geschichte, in der Tillison berichtet, wie sein Ausflug in Richtung Freiheitsstatue etwas anders läuft als geplant. Und was loungig beginnt, fast schon in Easy-Listening-Jazz abdriftend, nimmt im Laufe der 15 Minuten Spielzeit immer mehr Fahrt auf, bis es zwischendurch sogar richtig handfeste Riffs zu bestaunen gibt.

Auch auf dem zweiten Longtrack, "Lie back & think of England" wird Tillison persönlich. Erneut dreht es sich um den Brexit, an dem sich Tillison schon 2017 auf "The slow rust of forgotten machinery" abgearbeitet hatte. Doch während seinerzeit "A few steps down the wrong road" zu einer bitterbösen Abrechnung gerierte, gibt sich der Frontmann hier versöhnlicher, indem er anmahnt, die tiefen Gräben, die der Austritt aus der EU mitsamt seinen Begleiterscheinungen in die Gesellschaft gegraben hat, wieder zuzuschütten. Ganze 28 Minuten nimmt sich die Band Zeit dafür, 28 Minuten, die kurzweiliger kaum sein können. Immer wieder wechselt die Stimmung, werden neue Ideen eingeflochten, immer wieder bekommen die Instrumentalisten Raum zur Entfaltung. Ja, das mag bisweilen selbstverliebt sein, es ist aber auch eine Einladung, sich auf diese ausufernde Komposition einzulassen.

Und das muss man auch, denn ansonsten droht "Auto reconnaissance" das Schicksal vieler anderer ähnlich gelagerter Alben. Denn so interessant Tillisons Geschichten auch sind, so überaus qualifiziert die Musiker, so fehlt es der Platte mitunter an einer gewissen Dynamik. Immer dann, wenn die Aufmerksamkeit etwas nachlässt, gehen Feinheiten unter, weil die Lautstärke schön einheitlich dahinplätschert. Das mag teils gewollt sein, um den entspannt-jazzigen Charakter zu betonen, ist aber auf Dauer durchaus gefährlich. Ob "Auto reconnaissance" tatsächlich die Zukunft des Prog darstellen soll, sei aus diesem Grund dahin gestellt. Doch auch wenn der Frontmann nicht müde wird zu betonen, dass das Genre nicht ins Museum gehört, ist die Platte auf ihre Art und Weise herrlich gestrig. Und genau deshalb so spannend.

(Markus Bellmann)

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Highlights

  • Jinxed in Jersey
  • Lie back & think of England

Tracklist

  1. Life on hold
  2. Jinxed in Jersey
  3. Under your spell
  4. The tower of Babel
  5. Lie back & think of England
  6. The Midas touch
  7. Proxima (Bonus track)

Gesamtspielzeit: 78:26 min.

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Zappyesque

Postings: 397

Registriert seit 22.01.2014

2020-08-28 10:18:58 Uhr
Ich kann mir alles seit einschließlich "The Slow Rust" irgendwie nicht mehr anhören... das Klangbild scheint mir in seiner Dynamik seit dem Album kontinuierlich weiter abzuflachen, was die produktionstechnischen Aspekte angeht, nicht die innermusikalischen. Schade, da Jonas Reingold und Luke Machin eigentlich tolle Beiträge leisten. Davon abgesehen fährt der Tillison für meinen Geschmack zu sehr auf diesen altbackenen E-drum sound ab. In de langen Tracks fehlt mir jegliche Stringenz, die kompakten Nummern versuchen Jazzy zu sein, sind aber Welten von dem entfernt was Vorreiter wie Steely Dan in die Richtung gemacht haben. Schade. Wenn ich "A Place in the Queue", "Comm", "Not As Good as the book" oder "The World that we drive through" wie natürlich auch das Debüt nachhöre kann ich diese Entwicklung gar nicht so sehr nachvollziehen...

Armin

Plattentests.de-Chef

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Registriert seit 08.01.2012

2020-08-23 20:21:47 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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