Be Well - The weight and the cost

Be Well- The weight and the cost

End Hits / Equal Vision
VÖ: 21.08.2020

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Get well soon

Es dauert keine fünf Takte, bis man sich zum ersten Mal fragt, ob man hier gerade wirklich ein Album aus dem Jahre 2020 vor der Nase hat. So unvermittelt wie unmodern und aus der Zeit gefallen zieht nämlich "Meaningless measures" die Vorhänge zur Seite, um den Blick freizugeben auf Be Wells Debütalbum "The weight and the cost". Von einem Augenblick zum nächsten tut sich ein Loch auf und zieht einen – befreit vom mittlerweile angestauten Zynismus – grob in die erste Hälfte der Nuller-Jahre zurück. Seinerzeit war die Welt bestimmt kein besserer Ort, aber immerhin warfen Bands wie Strike Anywhere, Rise Against, Thrice, The Draft, Boysetsfire und wie sie alle heißen mit starken Alben um sich, als gäbe es kein Morgen. Wuchtig produzierte Bratzgitarren, Uffda-Schlagzeug, leidenschaftlicher Vortrag und ein großzügig verteilter Melodieanstrich: Das kleine musikalische Glück in unter drei Minuten.

Die gute halbe Stunde von "The weight and the cost" kurzerhand mit verklärter Nostalgiebrille und viel Sepia zu beschreiben, würde der Sache aber nicht gerecht. Sänger Brian McTernan war bei Battery aktiv und hat nicht nur einige der oben genannten Bands bereits produziert, Aaron Dalbec kennt man von Bane, Mike Schleibaum treibt sich sonst bei Darkest Hour herum und Peter Tsouras sowie Shane Johnson sind bei Fairweather dabei. Keine Nasenbohrer, sondern Leute, die wissen, was sie tun. Was man "The weight and the cost" in jeder Sekunde seiner Spielzeit anhört. Womit ein erster Grund genannt wäre, warum dieses fulminante Debüt nicht im routinierten Supergroup-Einheitsbrei versinkt. Ein zweiter, weniger erbaulicher: McTernan nimmt seine Hörer hier im wahrsten Sinne des Wortes mit. Auf eine Nabelschau von Depressionen, von Ängsten, von brutaler Selbstreflexion.

Logische Folge: "The weight and the cost" ist schwere Kost. Hier werden keine Teenage-Angst-Kinkerlitzchen und keine stylischen Emo-Weltschmerz-Worthülsen verhandelt, hier geht es zu Sache. "Sorry I led you on / I’m not brave / I’m not strong / I am barely hanging on" heißt es da zum Beispiel im wuchtigen "Magic", oder "I'll fuck it up / I'll swing and miss / I'll look alive and struggle to see it / I ruin relationships, so don't cast your lot with a sinking ship." in "Morning light", das sich im Übrigen auch ganz hervorragend auf einem frühen Album von Rise Against gemacht hätte. Die Themen an sich könnten in dieser Form natürlich auch bei jeder anderen artverwandten Band stattfinden. Hier aber kauft man McTernen das alles ab. Also wirklich alles – Be Well schaffen es eine Intensität zu erzeugen, die man im Genre letztmals vielleicht bei Defeaters "Empty days & sleepless nights" oder Touché Amorés "Stage four" miterleben durfte.

Das impliziert, dass sich die Klasse von "The weight and the cost" aus weit mehr als dem bloßen musikalischen Vortrag speist. Zugleich bedeutet das aber nicht, dass hier die Musik zum langweiligen Vehikel für die Botschaft degradiert wird. Ganz im Gegenteil: Klar, hier wird mit Versatzstücken, die man lange kennt, hantiert. Jedoch mit einer Verve, die man überall vermutet hätte, aber nicht bei althergebrachtem, breitbeinigem Gitarrenkrach. Hier gibt es elf Songs, die sich auf dem schmalen Grat zwischen Punkrock und Hardcore pudelwohl fühlen, die auf das erste Hören anachronistisch anmuten mögen, die aber gleichsam vor Kraft kaum laufen können und zu keiner Sekunde einen Zweifel daran lassen, dass sie unbedingt erzählt und gehört werden müssen.

Da wäre zum Beispiel "Longing", das sich ein kurzes Instrumentales Intro-Techtelmechtel gönnt, dann zu wohlig-bekannter Höchstgeschwindigkeit findet und seine Hörer mit so manch hintersinniger Idee zur Maxime "I just want to feel again" führt. Oder eben das erwähnte "Meaningless measures", das man – Böswilligkeit vorausgesetzt – als den Song beschreiben könnte, den Strike Anywhere schon sehr lange gerne schreiben würden. Und weil alle Beteiligten ihr Handwerk nicht erst seit ein paar Minuten beherrschen, funktioniert auch eine Hardcore-Ballade wie der Titeltrack nicht nur einigermaßen, sondern vom ersten bis zum letzten Moment perfekt. Ja, das ist so pathetisch, wie es nur geht. Aber es passt, es ist glaubwürdig, es berührt. Und ganz am Ende, wenn "Confessional" anrollt, brennt dann endgültig die Luft: Tonnenschwere Strophen, weltumspannender Refrain, furioses Finale, alles ist da, alles wird auf den Punkt gebracht. Bleibt nur ganz uneigennützig zu wünschen, dass McTernan ein solches Album nicht nochmal schreiben muss.

(Martin Smeets)

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Highlights

  • Tiny little pieces
  • The weight and the cost
  • Longing
  • Confessional

Tracklist

  1. Meaningless measures
  2. Magic
  3. Strenght for breath
  4. Tiny little peaces
  5. Morning light
  6. The weight and the cost
  7. Each passing day
  8. Frozen
  9. Aperture
  10. Longing
  11. Confessional

Gesamtspielzeit: 31:51 min.

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User Beitrag

sizeofanocean

Postings: 240

Registriert seit 27.01.2020

2020-08-21 20:09:56 Uhr
Meaningless Measures >>> https://www.youtube.com/watch?v=T_b-hTKB_ZA

sizeofanocean

Postings: 240

Registriert seit 27.01.2020

2020-08-21 20:09:01 Uhr
Wow, super starkes Album, allein der Opener "Meaningless Measures" zieht einem ja komplett die Schuhe aus, zusammen mit Strike Anywhere und Ways Away bilden die ein gutes Hardcore/Punk Trio in diesem (Spät-)Sommer.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 18393

Registriert seit 08.01.2012

2020-08-09 22:38:39 Uhr
Ups, das Album heißt "The weight and the cost". Hat es auch überall richtig hingeschafft (also Text, Newsletter und Startseite), nur über die Rezension nicht. Danke für den Hinweis, ist korrigiert.

Deaf

Postings: 620

Registriert seit 14.06.2013

2020-08-09 22:27:15 Uhr
Heisst da Album nun "The weight and the cost" oder "Confessional"?

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 18393

Registriert seit 08.01.2012

2020-08-09 22:10:25 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert. "Album der Woche"!

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