Trevor Powers - Capricorn

Trevor Powers- Capricorn

Fat Possum / Terrible Lizard
VÖ: 29.07.2020

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Sunday_morning_vibes.mp3

Bei allem Respekt, den man unbedingt dafür aufbringen sollte, dass ein junger Mann trotz des Drucks von außen genau das gemacht hat, was er für sich selbst am besten hielt, muss man sagen: Der Weg, den Trevor Powers gegangen ist, mutet noch immer seltsam an. Die letzte Dekade war noch keine zwei Jahre alt, als er unter dem Künstlernamen Youth Lagoon kurz vor Weihnachten 2011 ein Geschenk unter den Baum legte, das manch einer erst viel später zu schätzen lernen würde: "The year of hibernation", dieses kleine, feine, wunderschöne Pop-Album, ein Debüt vor dem Herrn, eine Platte voller Herzschmerz und ebenso viel -klopfen. Zwei weitere solcher Scheiben mit dem vertonten Kummer eines Heranwachsenden veröffentlichte Powers als Youth Lagoon, dann war Schluss. Er hatte kein Interesse mehr an dieser Art von Musik, an der alten Herangehensweise, an dem Pseudonym.

2018 erschien "Mulberry violence", das erste Album unter seinem richtigen Namen. Was die einen als rebellischen, kunstvoll arrangierten Angriff auf alte Gewohnheiten abfeierten, stieß den anderen mächtig vor den Kopf. So gar nichts zu tun hatte das mit den liebgewonnenen Perlen vergangener Tage. Als Ende Juli 2020 überraschend die Information die Runde machte, dass Powers ohne vorherige Ankündigung sein neues Album "Capricorn" veröffentlicht hatte und dieses größtenteils instrumentale Werk erneut eine Abkehr vom Vorgänger sei, war die Hoffnung bei der noch immer kopfhaltenden früheren Fangemeinde groß. Wirklich enttäuscht sein dürfte sie nicht. Allzu frohen Mutes wohl allerdings auch kaum: "Capricorn" ist anders als die Alben zuvor, richtig. Es ist ein besonnenes Märchen, eine Reise durch unbekannte Landschaften, in denen nichts wirklich greifbar ist. Es ist im besten Sinne unaufgeregt, im schlechtesten unspektakulär.

Nachdem eine Panikattacke dafür sorgte, dass seine Beine für längere Zeit taub waren, war Powers eigenen Angaben zufolge bereit für die nächste Veränderung – oder gar für den nächsten Schritt seiner Metamorphose? Galten die Youth-Lagoon-Alben als Zeugnisse des ewig Jugendlichen, schien "Mulberry violence" in seiner Stur- und Verkopftheit eher der ausgestreckte Mittelfinger von einem zu sein, der raus aus der Schablone wollte, in die man ihn gepresst hatte. "Capricorn" nun ist erwachsene Gelassenheit, ein weiteres Umdrehen im Bett am Morgen nach einem Abend vor dem Fernseher statt im Club. Es ist das Croissant mit Himbeermarmelade zum Frühstück, der Kaffee mit einem Schuss Milch, ohne Zucker. Acht Stücke in einer halben Stunde, die man nebenbei laufen lassen kann, ohne etwas zu verpassen. Auf die man achten könnte, um sich im durchaus vorhandenen Wohlklang so mancher Titel zu verlieren. "Capricorn" beißt nicht brutal zu, wie es sein Vorgänger getan hat. Es schmust auch nicht – es koexistiert einfach.

Natürlich ist ein Track wie "Ghosts of Shanghai" schön. Unbedingt sogar! Kaum etwas passiert hier, das Piano steht bei allen eingestreuten, teilweise merkwürdigen Geräuschen im Vordergrund, wie sanfter Regen vorm Fenster, draußen der kaum hörbare Lärm der Großstadt. Noch merkwürdiger kommt "The riverine" daher, das zwischen altertümlicher Folklore und moderner Computersimulation wechselt und nebenbei fast eine ebenso gruselige Naturszenerie vor dem inneren Auge aufbaut wie einst "Watership down". Verstörend? Ein bisschen. Zum Glück steht der "Blue savior" bereits in den Startlöchern, der zwar keine heldenhaften großen Gesten aus dem Ärmel schüttelt, aber doch immerhin für noch mehr Ruhe sorgt. Zum Schluss, wenn sich "2166" dann mit allerlei schrägen Tönen nicht nur aus dem heimischen Bett bewegt, sondern schnurstracks in eine weit entfernte Zukunft marschiert, ist zum leise hörenden Atmen von Powers dann abermals klar: Hier macht einer ausschließlich das, was er will. Kann man gut finden. Könnte man.

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • Ghosts of Shanghai
  • 2166

Tracklist

  1. First rain
  2. Earth to Earth
  3. The riverine
  4. A new name
  5. Ghosts of Shanghai
  6. Blue savior
  7. Pest
  8. 2166

Gesamtspielzeit: 28:43 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

myx

Postings: 1228

Registriert seit 16.10.2016

2020-09-16 19:02:46 Uhr
Später ins Bett gehen, dann könnte es klappen.

MasterOfDisaster69

Postings: 576

Registriert seit 19.05.2014

2020-09-16 17:35:08 Uhr
selbst zum einschlafen zu langweilig...

Gordon Fraser

Postings: 1681

Registriert seit 14.06.2013

2020-08-10 00:01:08 Uhr
Ich werde "Capricorn" keinen zweiten Durchgang widmen. Das ist mir einfach zu anstrengend bzw. zu wenig gewinnversprechend.

myx

Postings: 1228

Registriert seit 16.10.2016

2020-08-09 23:51:01 Uhr
Muss man denn Youth Lagoon und "Mulberry violence" wirklich so sehr im Gegensatz zueinander sehen? Dort das Gefühlvolle, Sanfte, Wunderschöne, Echte, hier das Verkopfte, Brutale, Unschöne, Gekünstelte? Irgendwie kriege ich das einfach nicht so richtig hin.

Gut, für "Pretend It's Confetti" lass ich den "ausgestreckten Mittelfinger" gelten. Aber dabei handelt es sich ja nur um ein kurzes Interlude. Bei den übrigen Songs höre ich immer noch genügend Gefühl und Melodie, um die Stücke ohne jede kunsttheoretische Anstrengung als schön zu empfinden.

Oder war ich vielleicht nie ein "richtiges" Mitglied der Youth-Lagoon-Fangemeinde? Auch dieser Gedanke ist mir beim Lesen der "Capricorn"-Rezi durch den Kopf gegangen ...

Aber vielleicht trifft es auch einfach wieder die alte Formel von der unterschiedlichen Wahrnehmung von Musik und ich muss mir da nicht allzu viele Gedanken drüber machen. ;)

"Capricorn" ist für mich jedenfalls auch unspektakulärer als der Vorgänger, wartet aber dennoch mit interessanten Details auf und hat zumindest mit "Pest" ein Stück, das man m. E. nur schwer einfach so nebenbei vorbeiplätschern lassen kann. Sehe das Album insgesamt bei einer knappen 7/10.

Vive

Postings: 371

Registriert seit 26.11.2019

2020-08-09 22:44:22 Uhr
Seh ich auch so. War wohl ein etwas übertriebener Schritt, vielleicht impulsiv. Und jetzt zurück zu gehen geht auch nicht..
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