Deep Purple - Whoosh!

Deep Purple- Whoosh!

Ear / Edel
VÖ: 07.08.2020

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Die Geschichts-Lehrstunde

Im Grunde genommen war alles für den endgültigen Abschied vorbereitet. Mit sich und der Welt im Reinen, legten Deep Purple 2017 mit "Infinite" eine bockstarke Platte vor, die ein perfekter Schwanengesang hätte werden können, dazu eine Tour mit dem passenden Titel "Long goodbye". Nur entpuppt sich das Album als das erfolgreichste seit "Perfect strangers" von 1984, die Tour ist gut besucht, und plötzlich befinden sich die Hardrock-Legenden im wasweißichwievielten Frühling. Da kann man schon mal von der Muse geküsst werden, und außerdem – wenn Mick Jagger mit 77 Jahren noch über die Bühne fegt, darf es Ian Gillan mit zarten 75 wohl erst recht. Noch dazu ist Gitarrist Steve Morse erst 66 Jahre alt, also quasi das Nesthäkchen der Band, der hat also noch jugendliche Energie. Und da Erfolgsproduzent Bob Ezrin mit seinen 71 Jahren anscheinend auch nicht damit ausgelastet war, die Goldenen Schallplatten an der Wand zu zählen, war der Weg frei für "Whoosh!". Dem 21. Studioalbum der Band, unfassbare 52 Jahre nach dem Debüt "Shades of Deep Purple", von dem noch die Rede sein wird. Was für eine Leistung, was für Ikonen der Rockmusik.

Insofern wollen wir uns nicht noch mal in die Nesseln setzen und von Abschied schwadronieren. Sondern mit einer Mischung aus Staunen und Bewunderung zur Kenntnis nehmen, wie leichtfüßig der Opener "Throw my bones" zeigt, dass Rockmusik keine Frage des Alters ist. Das liegt noch nicht einmal am entspannten Groove, sondern vor allem in der Kombination mit den augenzwinkernden Lyrics. "All I've got is what I need / And that's enough, as far as I can see / Why should I walk into the great unknown / When I can sit here and throw my bones", singt Ian Gillan im Refrain, und man spürt die innere Ruhe nicht nur des Frontmanns, sondern aller Kollegen. Wenn man so lange im Geschäft ist, gibt es niemandem mehr, dem man noch etwas beweisen müsste. Doch auch wenn die Band nicht mehr laut ist im Sinne der gepflegten Krachorgien von "In rock" oder "Machine head", können die fünf noch verdammt biestig sein, wenn sie beispielsweise in "Drop the weapon" die wachsende Gewalt auf der Straße anprangern oder bei "No need to shout" denjenigen Herrschaften den Mittelfinger zeigen, die ihre Meinung lieber laut als fundiert in die Weltgeschichte pusten.

Es sind also die vielen versteckten Kleinigkeiten, die Spielereien, mit denen die Band überzeugt, die zu entdecken so viel Spaß macht. Das Keyboard-Solo von Don Airey zum Beispiel in "Nothing at all" ist einfach mal nicht von dieser Welt, und Steve Morse zeigt in "The long way round", dass auch er sein Arbeitsgerät beherrscht. Im Ernst: Dieses Wechselspiel mit Airey ist schlicht brillant und steht den legendären Duellen zwischen Jon Lord und Ritchie Blackmore in nichts, aber auch überhaupt nichts nach. Nur dass sich Airey und Morse die Bälle höchst konstruktiv zuspielen anstatt dem anderen zeigen zu wollen, wer denn nun der filigranste Musiker ist. Naja, und muss man wirklich noch erklären, dass es wohl nur wenige Rhythmussektionen auf dieser Welt gibt, die diese freigeistigen Ausflüge derart souverän einzufangen imstande sind wie Bassist Roger Glover und Schlagzeuger Ian Paice? Ein Segen, dass es Bob Ezrins luftige Produktion ermöglicht, sich beim intensiven Hören einmal genau darauf zu konzentrieren.

Der Begriff des "Alterswerks" ist immer schnell bei der Hand, wenn – bei höchstem Respekt vor der Lebensleistung! – eher betagte Musiker immer noch die Energie für neue Platten verspüren. Zumeist ist dies Kompliment allerdings eher vergiftet, impliziert es doch oft genug eine dezente Vergreisung der Musik. Bei "Whoosh!" ist es tatsächlich anders. Natürlich pflegen die vier Briten nebst dem Amerikaner Morse nur noch die kontrollierte Offensive, rocken sie nicht mehr unbekümmert, sondern eher durchdacht. Dafür überzeugen die Details umso mehr, wenn man beispielsweise die Kleinigkeit erkennt, dass die Schriftart des Bandlogos auf dem Artwork diejenige des Debüts ist. Und wenn die Band dazu noch das Instrumental "And the address" von ebenjenem Debüt neu einspielt, ist die Klammer über eine mehr als fünf Dekaden dauernde Karriere – wenn man denn die Auszeit von 1976 bis 1984 einbeziehen mag – höchst eindrucksvoll gelungen. Man muss diese Platte zum Glück nicht nur deshalb gut finden, weil man ja nett zu den älteren Herren sein will. Sagen wir's lieber, wie es ist: Selten ist es einer Gruppe gelungen, gleichermaßen retrospektiv wie modern zu klingen. Und "Whoosh!" ist nicht mehr und nicht weniger als eines der beeindruckendsten Alben von Deep Purple seit dem Comeback "Perfect strangers". Nur eine Frage bleibt: Warum musste die am längsten bestehende Bandbesetzung so alt werden, um so gut zu sein?

(Markus Bellmann)

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Highlights

  • Throw my bones
  • Drop the weapon
  • Nothing at all
  • The long way round

Tracklist

  1. Throw my bones
  2. Drop the weapon
  3. We're all the same in the dark
  4. Nothing at all
  5. No need to shout
  6. Step by step
  7. What the what
  8. The long way round
  9. The power of the moon
  10. Remission possible
  11. Man alive
  12. And the address
  13. Dancing in my sleep

Gesamtspielzeit: 51:29 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

kingbritt

Postings: 2627

Registriert seit 31.08.2016

2020-09-29 11:47:40 Uhr
Deep Purple - Whoosh! (2020) 4/10

Altherren-Rocker-Legende hauen noch mal einen raus. Ne. Die Hammond Gedächtnis John Lord Orgel klingt auch mittlerweile schon Barock wie bei unserem jung gebliebenen Kirch-Organisten in seinen Pre-Sessions zum Gottesdienst. Um Gottes Willen. Steve Morse hat sich mit seinen Opa-Riffs auch von seinen eigentlichen Fähigkeiten verabschiedet und macht auf Blackmore-Aufwasch. Ian Gillan, ja rockt immer schön gequält, das kann Glenn Hughes aber besser. Ach ja, Don Airey spielt nicht nur die SpielOrgel, sondern wärmt noch mal olle Synthies an. Grusel.
Ja, und die Musik, meine Herren, alles alter Kaffee aus besseren Tagen noch mal hübsch langweilig aber melodiös aufgebrüht. Zum Ende des Albums wird es etwas erträglicher . . . oder ich habe mich schon über kleine Lichtblicke gefreut.

Rainer

Postings: 750

Registriert seit 22.03.2020

2020-09-05 11:38:28 Uhr
OK Boomer

Peacetrail

Postings: 1737

Registriert seit 21.07.2019

2020-09-05 10:45:04 Uhr
Gute Wahl, weil bester Track des Albums.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 18611

Registriert seit 08.01.2012

2020-09-05 10:07:05 Uhr - Newsbeitrag
DEEP PURPLE veröffentlichen Video zu "Nothing At All"

4 Wochen nach der Veröffentlichung ihres 21. Studioalbums “Whoosh!”, schreiten Deep Purple weiter auf dem Pfad des neuen Albums und veröffentlichen ein offizielles Musikvideo zur dritten Albumsingle “Nothing At All”.

Der Text zu “Nothing At All“ klingt wie eine Observation und rückt jenes Leid in den Vordergrund, welches wir Menschen in der kurzen Zeit unserer Existenz Mutter Erde bereits angetan haben.

Nachdem mit "Throw My Bones" die Grenzen von Raum und Zeit überwunden wurden, gefolgt von dem besorgten Blick in die Zukunft mit der zweiten Single "Man Alive", beschäftigt sich "Nothing At All" mit einer großen philosophischen Frage: Ist es wirklich "nothing at all"?

Mit dieser Frage im Gepäck, bricht Deep Purple’s Spaceman zu einer neuen, langen Reise auf. Wird es die letzte sein?

Das Video zu “Nothing At All” gibt es auf dem offiziellen earMUSIC YouTube Kanal:


Deep Purple "Nothing At All" Official Music Video - New album "Whoosh!" out now

kapomuk

Postings: 57

Registriert seit 25.08.2014

2020-08-26 18:59:09 Uhr
Nicht mehr so innovativ, aber immer noch genauso gut wie früher, inkl. imponierender Hammond-Solos – macht tierisch Spaß!

[https://www.peter-hamburger.de/panorama/lexikon/deep-purple-whoosh]
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