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Alain Johannes - Hum

Alain Johannes- Hum

Ipecac / PIAS / Rough Trade
VÖ: 31.07.2020

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Der Besonderling

Der biographische Einstieg lockt beim Blick auf das bewegte Leben des Alain Johannes. Aber so ganz unter uns: Wikipedia kann jeder selber lesen. Johannes hat ein neues Soloalbum namens "Hum" produziert. Es klingt, als hätte der Musiker sich monatelang mit Gitarre und Whisky in eine einsame Blockhütte zurückgezogen. Akustische Klänge dominieren, nur selten werden schwerere Geschütze aufgefahren. Im Vordergrund stehen folgerichtig das feine Fingerpicking und die sonore Stimme des Künstlers. Seine Songs kommen ohne großen Firlefanz aus. Strophe, Refrain, Zwischenteil, vielleicht noch eine Coda. Mehr braucht es auch nicht, wenn man etwas von seinem Handwerk versteht. Dieser reduzierte Ansatz verleiht "Hum" einen eigentümlich flüchtigen Charakter, wenngleich die Detailverliebtheit der Arrangements offenlegt, wie viel Zeit Johannes in die Produktion des Albums investiert hat.

Wer nach Hits sucht, wird wohl am ehesten bei "If morning comes" fündig. Zu einem monotonen Rhythmus überlagern sich die Gitarrenspuren, während Johannes im Refrain zeigt, dass die jahrelange Zusammenarbeit mit Josh Homme nicht spurlos an ihm vorübergegangen ist. In eine gänzlich andere Kerbe schlägt der Titeltrack. Schon nach wenigen Akkorden geht der Blick nach oben, um sicherzustellen, dass der Mond nicht pink ist. Ganz wie einst Nick Drake erzeugt der gebürtige Chilene mit minimalen Mitteln den maximalen Effekt. Losgelöst von allen Zwängen musiziert es sich eben am leichtesten. Ähnlich funktioniert "Free". Auch hier genügen Johannes ein paar Gitarrenarpeggios, um seinen Gesang auf Wolken zu betten. Schönheit ist nicht nur möglich, sondern dringend notwendig. Gerade jetzt. Dabei begeht der Künstler zum Glück nicht den Fehler, Einfachheit mit Primitivität zu verwechseln.

Immer wieder schimmern auch Blues-Einflüsse durch, allen voran "Sealed" sucht aufgrund seiner simplen Akkordstruktur die Nähe zum Delta. Hier kommen jedoch auch Verfremdungseffekte zum Einsatz. Das Ergebnis erinnert in seiner verschrobenen Entrücktheit frappierend an John Frusciante. Wer nun aber minutenlange Falsettorgien oder gar Breakbeat-Experimente befürchtet, darf aufatmen. Alain Johannes ist bei aller Liebe zum Grenzbereich ein Traditionalist. Ein Song ist fertig, wenn es nichts hinzuzufügen gibt. So fällt es nicht negativ ins Gewicht, dass etliche Tracks kürzer als drei Minuten ausfallen. Im Gegenteil: Gerade aufgrund seiner Kürze gerät ein Song wie "Mermaid's scream" umso intensiver. Auch "Here in the silence" bringt alles Wesentliche in wenig Zeit unter.

Eine kleine Überraschung wartet dann doch noch auf den Hörer: In "Nine" gesellen sich zu Johannes' Saiteninstrumenten tatsächlich Synthesizer und Drumsamples. Auf der Grundlage einer großartigen Basslinie errichtet der US-Amerikaner ein faszinierendes Stück Musik, dessen Höhepunkt ein herrlich dahingerotztes Gitarrensolo darstellt. Vielleicht hätte "Hum" ein paar mehr Songs in diesem Stil vertragen können, an der grundsätzlich hohen Qualität des gesamten Materials ändert das aber nichts. Alain Johannes hat nicht nur Ideen, er weiß auch, wie er aus ihnen ein verschlungenes Gesamtwerk zaubern kann. Dabei schreckt er nicht davor zurück, bewusst fragmentarisch zu arbeiten. Was wie ein Widerspruch klingt, löst sich beim Konsum des Albums in Wohlgefallen auf. Aus dem Nötigen erwächst das Besondere.

(Christopher Sennfelder)

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Highlights

  • Hum
  • If morning comes
  • Sealed
  • Nine

Tracklist

  1. Mermaid's scream
  2. Hum
  3. Hallowed bones
  4. Someone
  5. If morning comes
  6. Free
  7. Sealed
  8. Here in the silence
  9. Nine
  10. Finis

Gesamtspielzeit: 34:47 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

fuzzmyass

Postings: 3381

Registriert seit 21.08.2019

2020-08-11 10:46:38 Uhr
2 Postings = keine Aufmerksamkeit! :)

Rainer

Postings: 750

Registriert seit 22.03.2020

2020-08-11 09:42:44 Uhr
Rezension = keine Aufmerksamkeit?

fuzzmyass

Postings: 3381

Registriert seit 21.08.2019

2020-08-11 02:49:15 Uhr
Schön psychedelisches Songwriter Album mit typischer Alain Johannes Handschrift, die nur er so drauf hat... sehr luftig, der Sound atmet geradezu... hin und wieder blitzen Elemente auf, die er damals in das tolle Solodebut von Chris Cornell gesteckt hat... ein toller und unterschätzter Musiker... schade, dass er hier keine Aufmerksamkeit bekommt.

7/10

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 18878

Registriert seit 08.01.2012

2020-07-31 21:41:08 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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