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Boris - No

Boris- No

Self-released
VÖ: 03.07.2020

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Doch

Fast wären Boris Geschichte gewesen. Ursprünglich wollte das japanische Trio mit "Dear" den Deckel draufsetzen, realisierte in dessen Entstehungsprozess aber, dass ihr Ideen-Labyrinth noch so manche Abzweigung bereithielt. Kein Wunder: Wer fast drei Jahrzehnte und über 40 Alben lang – Kollabos mitgezählt – die Grenzen des Metal und all seiner Subgenres auslotete wie sprengte, verschießt sein Pulver nicht von einem auf den anderen Tag. Während das etwas altersmüde "Love & evol" die Verheißung eines neuen Kreativhochs nicht ganz bestätigen konnte, beseitigt "No" alle Zweifel mit der Abrissbirne. Boris waren noch nie eine politische Band, doch sie spüren selbstredend auch das von Zweifel, Angst und Wut geprägte Weltklima. Sie teilen diesen kollektiven Unmut und bieten über die Universalsprache angepisster Musik ein Selbstreinigungsprogramm mit dem Druck von 1000 Pangos an. "No" verbeugt sich vor klassischem Hardcore- und Crust-Punk – explizit auch vor der japanischen Szene –, was sich bis zum DIY-Ethos seiner Aufnahme und Veröffentlichung erstreckt. Mit all seiner Wucht, Spielfreude und Inspiration ist Takeshi, Wata und Atsuo ihr vielleicht bestes Album seit dem 2006er-Meisterwerk "Pink" gelungen.

Zu Beginn schlagen sie jedoch eine Finte. Der skelettale Sludge von "Genesis" stellt zwar eine vorzügliche Eröffnung dar, malmt sich aber auch durch die Doom-Äcker, die Boris wahrscheinlich noch im Schlaf bepflügen. Doch kurz darauf galoppiert "Anti-gone" los und zertrampelt jede Befürchtung festgefahrener Routine. Es ist ein Backpfeifen-Feuerwerk in Hochgeschwindigkeit, ein wahnsinniger Ritt mit explosivem Rhythmus, angedeuteten Anti-Soli und Kampfschreien von Takeshi. Auch "Temple of hatred" macht seinem Namen alle Ehre, versetzt einen in die Moshpits längst verfallener Seitengassen-Schuppen, während die Band zwischen unzähligen "Fuck you!"s ihr Equipment zertrümmert. "No" lässt die goldenen Tage des Punk wieder aufleben, am deutlichsten in "Fundamental error", einem Cover der japanischen Hardcore-Helden Gudon mit dem Szene-renommierten Gitarristen Katsumi Sugahara als Gast – natürlich wieder ein hochklassiger Abriss mit herrlichsten Saiten-Verrenkungen und Noise-Geschredder. Boris lassen dabei nicht nur ihre technischen Muskeln spielen, sondern schmücken die Dampfwalzen mit ihren typischen Verschrobenheiten – seien es die Störgeräusche, die in das Geriffe von "Lust" einleiten, oder der unter dem Poltern von "Non blood lore" versteckte melodische Rock-Refrain.

Dementsprechend wäre es mehr als unfair, die Platte bloß auf Härte und Tempo zu reduzieren. Mit "Zerkalo" spuckt der Dreier einen weiteren, besonders giftigen Sludge-Brocken aus, dessen erderschütternde Tiefenbohrung wohl einer Verschnaufpause nahekommen soll. In "HxCxHxC -Perforation line-" trommelt Atsuo um sein Leben, während Wata und Takeshi ihre Echo-beladenen Gitarren in den Himmel steigen lassen – eine Verschmelzung von Shoegaze und Hardcore, die den bandeigenen Experimentierdrang im Brennglas konzentriert. Die Double-Bass-Urgewalt "Kikinoue" wechselt ebenso ungezwungen die Richtung wie die präfinale Suite "Loveless". Vor allem letzterer Song begeistert, wenn er nach einem wohlstrukturierten Gipfelsturm das Stoner-Paradies nebulöser Riffs und Gesangslinien erreicht. "No" hat mindestens genauso viele Ideen im Kopf wie Wutblasen im Bauch und bereitet sie meisterhaft, kompakt und zugänglich auf. Da das Album darüber hinaus ein recht breites Spektrum des Band-Kosmos abdeckt, eignet es sich auch als hervorragender Einstieg in eine Diskografie, der gefühlt stündlich ein neuer Hydrakopf wächst. Wenn im Closer schließlich Wata vors Mikro tritt, ihr Flüstern um eine flüchtige Ambient-Traumlandschaft windet und der Track vielsagend als "Interlude" betitelt wird, manifestiert sich eine Erkenntnis felsenfest: Boris sind noch lange nicht Geschichte.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Anti-gone
  • HxCxHxC -Perforation line-
  • Fundamental error
  • Loveless

Tracklist

  1. Genesis
  2. Anti-gone
  3. Non blood lore
  4. Temple of hatred
  5. Zerkalo
  6. HxCxHxC -Perforation line-
  7. Kikinoue
  8. Lust
  9. Fundamental error
  10. Loveless
  11. Interlude

Gesamtspielzeit: 40:20 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

fuzzmyass

Postings: 3379

Registriert seit 21.08.2019

2020-08-11 10:48:31 Uhr
Ja, ich höre auch noch iPod :) unterwegs aufmerksam geht, aber ich mag es gerne mal zuhause Musik zu hören und da wird ein Stream immer irgendwo zum Neben- bzw. Hintergrundgeräusch...

fakeboy

Postings: 520

Registriert seit 21.08.2019

2020-08-11 08:22:23 Uhr
@fuzzymyass: ich hab das Album auf Bandcamp digital gekauft. Meine MP3s höre ich unterwegs auf dem iPod (ja, der ist immer noch im Betrieb) deutlich konzentrierter als einen Stream. Aber ja, das Ding müsste unbedingt auf Vinyl erscheinen!

fuzzmyass

Postings: 3379

Registriert seit 21.08.2019

2020-08-11 02:38:02 Uhr
Danke! Weine mich jetzt in den Schlaf...

Rainer

Postings: 750

Registriert seit 22.03.2020

2020-08-11 00:43:35 Uhr
Hier haste n Taschentuch.

fuzzmyass

Postings: 3379

Registriert seit 21.08.2019

2020-08-10 23:13:15 Uhr
Es nervt echt hart, dass es das Album nicht auf Vinyl gibt, aber ich warte einfach weiter... der Stream gefällt, das Album ist geil, aber ich kann einen Stream einfach nicht wirklich tiefgehend anhören, ich schaffe es nicht...
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