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Protomartyr - Ultimate success today

Protomartyr- Ultimate success today

Domino / GoodToGo
VÖ: 17.07.2020

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Kehlfarben

Ein bisschen Spaß muss sein – aber gilt das auch für eine Band, die normalerweise für zwar durchaus unwiderstehliche, aber doch oft auch sehr düstere Töne steht? Na klar! Humor ist eben, wenn man trotzdem lacht: Als im Frühjahr 2020 das neue Werk der Noise-Post-Punk-Helden von Protomartyr angekündigt wurde, dauerte es nämlich gar nicht lange, bis die Veröffentlichung des guten Stücks wie bei so vielen anderen coronavirusbedingt etwas nach hinten verschoben wurde. Als die Bemusterung dann ein paar Monate später doch eintrudelte, kommentierte der hilfsbereite Promoter das mit einem kleinen Bingo-Spiel von Reddit. Das macht "Ultimate success today" freilich nicht witziger, aber sorgt dennoch für Wohlgefallen. Bleibt nur noch eine Frage: Wieso quatscht Frontmann Joe Casey eigentlich so gern über seinen eigenen Tod?

Ein wenig passt es ja auch zu den nach wie vor heiklen Umständen, die 2020 zu einem merkwürdigen Jahr gemacht haben. Innerhalb weniger Monate ging die Gefühlskurve von Unsicherheit und versuchter Zerstreuung über zu einer natürlich hochdramatischen, fast schon post-apokalyptischen Melancholie. Dass Protomartyrs fünftes Album nun verspätet zu einem Zeitpunkt erscheint, in dem die halbe Welt glaubt, aus dem Schneider zu sein, trägt nur sein Übriges zur allgemeinen Gemütslage bei. Brachial klingt das an so mancher Stelle, einschneidend, geradezu verletzend. Caseys Gesang aus tiefster Kehle ist die Stimme, die man leise irgendwo zwischen Hoffnung und Verderben hört. Aber auf welcher Seite? Womöglich auf beiden: Protomartyr sind Engelchen und Teufelchen in Bandgestalt, das Album ein Abgesang auf eine Gesellschaft, die zur Veränderung ihres Verhaltens gezwungen wird. Da mag so manch einem Angst und Bange werden. Das Quintett aus Michigan hingegen lacht dem Fegefeuer lauthals ins Gesicht. Hahahaha!

Also doch ein lustiges Album? Keineswegs. Rasiermesserscharf schneidet sich "I am you now" in The-Stooges-Manier ganz tief unter die Haut und prügelt dem Zuhörer seine eigene Arroganz um die Ohren. Hektisch wie auf der Flucht vor sämtlichem weltlichen Übel zickzackt sich "June 21" durch einen Irrgarten des Grauens, aus dem es keinen Ausweg gibt, nur ein kühles Schlafplätzchen unter der Erde. Vollkommen vom Wahnsinn gepackt brüllt und dröhnt und schrammelt sich "Tranquilizer" durch den fremdverursachten halluzinogenen Zustand und sucht zum Schluss dieser wirren Fahrt durch menschenleere Straßen doch vergeblich nach dem Licht am Ende des Tunnels. Nein, Spaß macht "Ultimate success today" nun wirklich nicht. Auch gute Laune verbreitet es nicht. Aber was macht es eigentlich zu einem dieser besonderen Alben, die wir zu ihrem Veröffentlichungstermin nicht nur verdienen, sondern auch dringend brauchen?

Vielleicht liegt es daran, dass es den Zeitgeist einfängt. Natürlich hilft ein ordentliches Pop-Meisterwerk mit großen Hymnen und zuversichtlichen Texten besser über Pest und Cholera hinweg. Gleichzeitig entfällt dadurch aber die Katharsis. Protomartyr sei Dank fühlt es sich hier oft an, als könnte man das Leid der Welt einfach rausschwitzen, rausbrüllen, rausheulen. Da wäre etwa "Bridge & crown", dieser gitarrenliebkosende Blues vor grauer Utopie-Kulisse, der "So sing what you're feeling / And be surprised" nicht nur als leere Phrase in den Äther nuschelt, sondern glatt selbst auslebt. Oder der Opener "Day without end", der immer dicht hinter Dir zu lauern scheint, bereit zum Angriff, mit einer Hand schon fast am Hals. Das schärft die Sinne! Am Ende kommt sie dann irgendwie doch noch, die große Versöhnung. "Grass has grown over me / Long before now / I hope you walk through life with a smile", singt Casey da nämlich gar nicht so resigniert, sondern eher mit sich selbst im Reinen in der großartigen Single "Worm in Heaven". War ja klar, dass er am Ende schon wieder seinen eigenen Tod unterbringt. Lustig? Kaum. Aber immerhin ein mildes Lächeln wert.

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • June 21
  • Bridge & crown
  • Worm in Heaven

Tracklist

  1. Day without end
  2. Processed by the boys
  3. I am you now
  4. The aphorist
  5. June 21
  6. Michigan hammers
  7. Tranquilizer
  8. Modern business hymns
  9. Bridge & crown
  10. Worm in Heaven

Gesamtspielzeit: 40:13 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

javra

Postings: 48

Registriert seit 29.07.2014

2020-08-28 17:43:25 Uhr
Alright, hab das Album nochmal ausgepackt und bin mittleweiler etwas versöhnter. Hab auch mal mehr auf die Texte geachtet und finde Bridge & Crown, v.a. in Verbindung mit Worm in Heaven ziemlich überragend, wenn auch natürlich schwere Kost.

saihttam

Postings: 1622

Registriert seit 15.06.2013

2020-08-19 14:38:09 Uhr
Die neue von Fontaines DC ist für mich bisher auch die stärkere Platte. Das hier gefällt, aber es bleiben nicht ganz so viele große Momente hängen wie auf A Hero's Death.

slowmo

Postings: 685

Registriert seit 15.06.2013

2020-08-06 08:51:15 Uhr
Also finde nach wie vor die RID noch einmal deutlich besser. Hätte mir jedoch mehr Mut zu neuem und mehr Songs á la "Worm In Heaven" gewünscht. Eigentlich sind aber alle ihre Alben auf einem ziemlich hohen Niveau.
Dieses Jahr haben sie allerdings ordentlich Konkurrenz mit dem zweiten Album von Fontaines D.C. bekommen. Die sind für mich überraschenderweise bisher fast noch das heißere Eisen im Postpunk-Feuer. ;)

Marküs

Postings: 714

Registriert seit 08.02.2018

2020-08-06 07:54:59 Uhr
I am you now und Tranquilizer sind schon arg schräg aber deswegen irgendwie auch geil. Fand die am Anfang auch nicht so pralle. Hab ich mir wohl schöngehört :-)

javra

Postings: 48

Registriert seit 29.07.2014

2020-08-05 22:23:34 Uhr
Was ist hier eigentlich die Meinung zu "I am you now", ich hab den Track am Anfang gehasst und feier ihn jetzt irgendwie gerade dafür, dass er so unangenehm rau ist. Ein bisschen wie ein paar Fugazi-Songs...
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