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Haiyti - Sui sui

Haiyti- Sui sui

Warner
VÖ: 03.07.2020

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Zerleg Dich selbst zu Mosaik

Dort, wo es Dinge gibt, ist immer auch jemand, der sie besitzen möchte. Das kann der neue Bugatti sein oder ein altes rostiges Mofa aus DDR-Zeiten, ein knallrotes Gummiboot oder eine elfenbeinfarbene Yacht, eine Casio-Uhr mit Taschenrechner-Funktion oder eine Rolex mit 28 Brillis drauf, ein marinierter Schweinenacken aus Rheda-Wiedenbrück für 1,50 Euro oder ein mit Blattgold belegtes Rumpsteak für einen vierstelligen Betrag. Das Prinzip ist immer das gleiche: Kapitalismus liegt in der Natur der Sachen. Dabei hat derjenige einen höheren Status, der mehr besitzt oder sich Teuereres leisten kann. In den letzten zehn Jahren handelte gefühlt jeder zweite HipHop-Track genau davon. Ronja Zschoche a.k.a. Haiyti, eigentlich ausgewiesene Playerin, hegte schon auf "Perroquet" leise Zweifel, ob das alles so richtig läuft. Auf ihrem neuen Album wird sie noch drastischer: "Ich bin rich, doch denke nur an 'Sui sui'", heißt es dort in "Photoshoot".

Geld allein macht auch nicht glücklich, das ist nun wirklich nichts Neues. Aber die Art und Weise, wie die Rapperin hier ihr Dilemma zum gediegen geradeaus marschierenden Beat schildert, ist eindrucksvoll: "Mann, ich smoke nur Zigarren, keine Pausenkippen / Denn das Leben ist zu kurz, es sind nur Augenblicke." Es fehlt der Ausweg. "Ich bin in der Trap, hab' mich dort vergessen / Fühle mich gefangen, trage tausend Ketten", heißt es schon im düsteren Opener "WHDDZT". Zschoche betäubt sich so lange, bis sie vergisst, wer sie eben noch verletzt hatte. Am Ende bleibt wieder nur noch der "Sui-sui-suicide". Zerbrechlich zeigt sie sich auch im sediert herumtorkelnden "Blizzard", thematisiert abermals eine Trennung und wie das Leben an ihr vorbeizieht: "Schüsse fallen in mein Herz / Schüsse fallen wieder auf dem Ku'damm." Dagegen hilft nur Schnee en masse. Auch das brummende "Black ice" mit seinen Glocken und Handclaps schlägt in dieselbe Kerbe. "Drogenfilm" verarbeitet den Verlust eines Freundes und klingt, nachdem sich das Gitarrenintro verflüchtigt hat, wie ein Justin-Timberlake-Track. "SR&Q" lässt ein paar verstörte Saiten klimpern und bringt zwischendurch eine ziemlich großartige Textzeile hervor: "Ruf mir ein Taxi nach Paris, denn ich war noch nie verliebt."

Das alles sollte nicht den Eindruck erwecken, dass "Sui sui" ein Album ist, das nur einen einzigen, klagenden Modus kennt. Stattdessen kann es auch ganz ausgelassen feiern: "Toulouse" ist vielleicht der tanzbarste und eingängigste Haiyti-Track ever. Ein WM-Song, der mit Fußball nichts am Hut hat. Der wahnsinnige Rhythmus entfaltet sich zwischen arabischen Klängen, hellen Sirenen, schnellen Kicks und einem deftig brummendem Bass, der vor allem auf guten Kopfhörern ganz angenehm durchrüttelt. Feature-Gast Albi X flext auf Suaheli, Französisch und Englisch alles weg. An anderer Stelle findet die Künstlerin doch noch ihr Liebesglück: "Für Dich würd' ich auf die Gangster schießen, pow, pow, pow", rappt sie in "La La Land", das zu munter aufspielenden Orgeltönen mit dem Arsch wackelt. Schön auch, wie Haiyti hier mal wieder die gängigen Rollenbilder ihres Genres in Frage stellt: "Ich bin Dein King und Deine mon amie." In der ersten Single "Paname" entpuppt sich eine andere Liebesgeschichte dagegen als reine Illusion. Zu einem Beat auf den – zumindest außerhalb der Bridges – Trettmann und seine Crew ziemlich neidisch sein dürften, macht sich die Künstlerin abermals auf den Weg nach Paris.

Auch bei "Endorphine high" dürften die Kitschkrieg-Leute ganz angetan sein. So viel Hüftschwung hatte bisher noch kein Song von Hayiti. "Er ist nicht die Love of my life", singt Zschoche etwas umständlich, "doch ich fühl' mich so leicht." Langt doch. Das gute Leben genießt sie ebenso in "Barrio". Die Rapperin cruist sonntags durchs Viertel und hört Johnny Cash. Alles gut. Veysel darf ein paar Verse beitragen, bevor die Künstlerin ihren technisch besten Rap auf "Sui sui" abliefert. Apropos "Technik": Was das angeht, hat die Hayiti von 2015 zu "Havarie"-Zeiten absolut gar nichts mehr mit ihrem Pendant von 2020 zu tun. Auch das 2018er Durchbruchsalbum "Montenegro Zero" wirkt mittlerweile unendlich weit weg. Zum einen verzichtet die Hamburgerin komplett auf ihr einst so stilprägendes Gekeife, zum anderen traut sie sich immer häufiger auch mal zu singen. Statt einfach immer nur wieder den Vorschlaghammer auszupacken, findet sie nunmehr vielfältige Zwischentöne, die sich auch in der Themenauswahl widerspiegeln bzw. ebenjener geschuldet sind.

Freilich droppt sie weiterhin genug Markennamen und bespielt oft noch immer gern die gleichen alten Trap-Klischees, doch selbst, wenn Sie mit Shqiptar und Maaf im "Bentley" spazieren fährt, bleibt die Melancholie Beifahrer. Haiyti verwandelt sich auf "Sui sui" endgültig von der Playerin zur Kriegerin. Den größten Kampf trägt sie dabei innerlich aus, das lässt sie immer wieder durchschimmern, wenn sie es nicht gleich ganz konkret formuliert. Dieser vielschichtige Einblick ins Innere ist es, was die Platte so interessant macht, zumal auch die musikalische Ausgestaltung sich noch mal ein Stückchen weiterentwickelt hat. Jedes Setting untermalt ihre Stimmungen perfekt, ob die Künstlerin nun trauert oder feiert. Jeder Track stellt den Anspruch, große, genresprengende Popmusik zu sein. Haiyti ist und bleibt eine der spannendsten Künstlerinnen hierzulande und setzt mit diesem Album noch mal ein Ausrufezeichen hinter diese Feststellung.

(Pascal Bremmer)

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Highlights

  • WHDDZT
  • Toulouse (feat. Albi X)
  • Blizzard
  • La La Land
  • Endorphine high

Tracklist

  1. WHDDZT
  2. Toulouse (feat. Albi X)
  3. Bentley (feat. Shqiptar & Maaf)
  4. Barrio (feat. Veysel)
  5. Paname
  6. Blizzard
  7. Black ice
  8. La La Land
  9. Photoshoot
  10. Ich hab mit dem Money getalked
  11. Asbach (feat. Capuz & Klapse Mane)
  12. Endorphine high
  13. SR&Q
  14. Drogenfilm
  15. Audrey

Gesamtspielzeit: 44:31 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Charlie Brown

Postings: 151

Registriert seit 24.10.2020

2020-10-26 15:06:06 Uhr
Hatte ja mal fast jeden Song von ihr auf dem Handy, bis ich in einer Kamikazeaktion sämtliche Audiodateien gelöscht habe...Jetzt halt songweise Neuaufbau, von "Sui Sui" ist bis jetzt nur "Photoshoot" in einer Playlist gelandet. Vielleicht hab ich in der ersten Jahreshälfte einfach zu viel Haiyti gehört, brauchte mal dringend andere Einflüsse.

Paganel

Postings: 1

Registriert seit 04.10.2020

2020-10-04 10:26:27 Uhr
Zu viel Autotune, zu verkrampft, zu viel Plastik. Sehr zeitgeistig, aber langweilig. Not my cup of tea.

MasterOfDisaster69

Postings: 599

Registriert seit 19.05.2014

2020-09-08 13:04:23 Uhr
Danke fuer den Tip zum Musik-Podcast, kannte ich nicht. Da werde ich oefters mal reinhoeren.

Zu Haiyti: Hoert sich ziemlich traurig an, so krampfhaft an den grossen Erfolg zu arbeiten. Je mehr sie daran verkrampft, wird das nix mit dem dicken Auto und Haus auf Sizilien und sie wird wohl alt und grau in ihrer Weddinger Bruchbude…
Generell gilt hier auch: Quantitaet statt Qualitaet geht nie gut.

qwertz

Postings: 608

Registriert seit 15.05.2013

2020-09-04 12:24:08 Uhr
Sie ist zu Gast im empfehlenswerten Musik-Podcast "Reflektor" und hat dort mein Bild von ihr ziemlich auf den Kopf gestellt.
Habe sie - so wie es auch vom Feuilleton gern mal kolportiert wird - doch eher als Kunstfigur wahrgenommen, die das Genre parodistisch bricht, Gangsta-Rap den Spiegel vorhält und sich beim Schreiben ihrer Dada-Texte köstlich amüsiert. Nun, es ist irgendwie genau das Gegenteil. Null kalkuliert und total plan- und humorlos ist sie da irgendwie reingestolpert.
Neues Album übrigens für November angekündigt.

Pascal

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 605

Registriert seit 13.02.2013

2020-08-16 22:59:26 Uhr
Geb dir recht. Ich würde so weit gehen, zu sagen, dass das, Stand jetzt, meine Platte des Jahres ist.
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