Hélène Vogelsinger - Contemplation

Hélène Vogelsinger- Contemplation

Modularfield
VÖ: 12.06.2020

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 3/10

Von hier an blind

Wie funktioniert eigentlich ein Synthesizer? In Zeiten virtueller Plugins kann diese Frage eigentlich nur noch von richtigen Nerds beantwortet werden. Hélène Vogelsinger ist so ein Nerd. Sie besitzt eine Myriade an merkwürdigen Gerätschaften und verschanzt sich bei Performances hinter einer Wand aus blinkenden Kästen, aus denen ungefähr 500 Kabel sprießen. "Modular" heißt das Zauberwort. Für Laien: Hier entstehen Sounds noch auf die altmodische Art. Jeder Klang, jeder Loop, jeder Effekt muss per Hand erzeugt werden. Und das ist verdammt viel Arbeit. Knöpfe wollen gedrückt und gedreht, Stecker umgestöpselt werden. Kein Problem für Hélène Vogelsinger, der auf ihrem neuen Album "Contemplation" das Kunststück gelingt, die Faszination live erzeugter Klangwelten zu konservieren. Ihre Musik ist Ambient, aber jener, der vom ersten Ton an fasziniert.

Das grundsätzliche Prinzip ist schnell erklärt: Jeder Track basiert auf diversen Loops, die im Verlauf modifiziert werden. Dazu gesellt sich der entrückte Gesang der Komponistin, wobei jener ebenfalls erstmal durch die Maschinen muss, bevor er ans Ohr des Hörers gelangt. Vogelsingers Meisterschaft besteht darin, aus einem solch verkopften Entwurf emotional berührende Musik zu entwickeln. So schwirren im Titeltrack die Arpeggios, während von weit her eine Stimme ruft. Ebbe und Flut stehen Pate. Augen zu und durch. Es ist schwierig, einzelne Stücke herauszuheben, da "Contemplation" ein überaus homogenes Album darstellt. "Illumination" kreist beispielsweise um ein einziges Motiv, das sukzessive tonal angereichert wird. Im Hintergrund wabern Bläserakzente, die wahrscheinlich auch Vogelsingers Batterie entstammen. Man weiß es nicht genau. Und obwohl eigentlich fast nichts passiert, ist Weghören unmöglich. Details machen den Unterschied.

Musik braucht einen Ort. Es ist sicher kein Zufall, dass Vogelsinger gerne in verlassenen Schlössern oder Fabrikhallen Videos produziert. Verwaist, aber eigenartig schön sind solche Plätze. Wenn der Mensch verloren wirkt, obwohl die Kulisse von ihm erbaut wurde. Natürlicher Hall kann nicht durch Maschinen ersetzt werden. Daher fällt es leicht, sich einen Track wie "Gratitude" in der Weite einer verfallenden Ruine vorzustellen. Letzten Endes sind aber alle Gebäude Gefängnisse. Erst unter freiem Himmel wird klar, wie nichtig wir eigentlich sind. Wer sich einem Selbstversuch hingeben möchte, höre "Astral projection" unter freiem Nachthimmel. Die Stille, die auf die Musik folgt, mag für manche erdrückend sein. Sie ist jedoch notwendig. Der Lärm der Zivilisation verschmutzt das Bewusstsein. Zuhören, aufhören. Augen lenken vom Wesentlichen ab.

(Christopher Sennfelder)

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Highlights

  • Astral projection
  • Contemplation
  • Gratitude

Tracklist

  1. Astral projection
  2. Contemplation
  3. Dimension
  4. Rebirth
  5. Illumination
  6. Gratitude

Gesamtspielzeit: 35:32 min.

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Armin

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2020-07-01 19:37:50 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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