Banner, 120 x 600, mit Claim

Terrorgruppe - Jenseits von Gut und Böse

Terrorgruppe- Jenseits von Gut und Böse

Aggropop / Krasser Stoff
VÖ: 26.06.2020

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Dit waret?!

Wir schreiben das Jahr 2020, oder anders formuliert: Lenz Nummer 17 in der Geschichte einer der unterhaltsamsten Punkbands der Republik. Und glaubt man den Ankündigungen, wird es nun tatsächlich den endgültigen Abschied der Terrorgruppe markieren. Archi "MC" Motherfucker Alert hat wohl nicht mehr die größte Lust, Johnny Bottrop mit Acht Eimer Hühnerherzen gerade eh einiges zu tun. Zunächst also ein Grund für ein paar Tränchen, weil es mit den Berliner Aggropoppern schon so viele gab – meistens aus Freude über Songs und Texte, die sich so kaum eine andere Band mit jenem Bekanntheitsgrad traute. Als die Terrorgruppe Mitte der Neunziger mit "Musik für Arschlöcher" zu einer mittelschweren Hausnummer wurde, klatschte man rund um das SO 36 im Bezirk Kreuzberg freudig ab. Zu herrlich unverblümter Bloßstellung von Politik und Spießbürgertum in der wiedervereinigten und doch gelähmten Republik, die damals wie heute Nazi-Strukturen leugnete oder gar schützte.

Mit der Forderung nach Verweigerung von Airbags für CSU-Politiker oder Hymnen über im Rhein treibende, aufgequollene Leichen der Kelly Family wurden Grenzüberschreitungen zum Markenzeichen. "Jenseits von Gut und Böse" heißt das letzte Album der in die Jahre gekommenen Berliner Schnauzen, die heute manchmal Orgel und Synthies in ihren poppigen Deutschpunk einbauen. Doch den Rundumschlag beherrschen sie noch immer. Der rasende Opener "Sinnlose Beleidigungsstrategie gegen Fabelwesen" startet mit dem Satz "Jesus Christus muss abgetrieben werden", zieht im nächsten Atemzug auch viele andere Religionen durch die Kakaopfütze. Zwischen Nonsens und Polemik unter der Gürtellinie, von Pennäler-Humor bis hin zu treffender Konsumkritik – nach wie vor ist alles möglich. Ob man an einem kaum anspruchsvollen, aber astreinen kleinen Midtempo-Hit wie "Fettes betrunkenes dummes Schwein" Freude haben kann, hängt nur davon ab, wie flexibel sich das eigene Niveau biegen lässt. Vom Ohrwurm allerdings gibt's kein Entkommen.

Etwas weniger platt, aber nicht weniger hitlastig, packt "Der Trottel (Oi, oi, oi)" all jene im Land am Hemdkragen, die Fortschritt behindern und Angst vor Neuem haben, und da müssen die Alt-Punks bekanntlich schwer tragen. "Ein Führer wird kommen" zeigt Terrorgruppe endlich mal wieder politisch-sarkastisch, nicht bloß platt, wie zuletzt häufiger. Dass sich bald mehr "Mitläufer, Augenschließer und Schreibtischtäter" von Trompeten und Off-Beat zum Tanz locken lassen und sich der erstarkten rechten Ideologie entgegenstellen, bleibt zu hoffen. "Easy Jet" zerrt die Doppelmoral der vielfliegenden Wohlstands-Bürger ins Scheinwerferlicht: "Da wo ich gerade drüberflieg / Ersaufen gerade Menschen / Hier oben plärrt ein Baby / Ich kann verdammt nochmal nicht schlafen." Dass der Krieg als Wirtschafts- und Wohlstands-Motor auch in 2020 in vielen Teilen der Welt wüten muss, um den Reichtum dort zu halten wo er ist, und Nestlé laut Alert sogar "in der neuen Broilers-CD" steckt, auch da kann man nicht oft genug drüber sprechen.

"Jenseits von Gut und Böse" ist ein okayes letztes Album, wenngleich man solche Plattheiten wie "Männers" eher von J.B.O. erwarten würde als von der Terrorgruppe. Die sich nun endgültig auflöst?! Jetzt, wo Leute wie Trump, Bolsonaro, Putin große Länder dieser Welt regieren? Jetzt, da Nazis binnen weniger Monate elf Menschen in Deutschland ermorden?! Nicht nur ein Thema wie der Einsatz von ADHS-Pillen wirkt für eine Punkband daher etwas unmotiviert, es zieht sich in Teilen auch Unentschlossenheit durch diese Abschiedsplatte. Insofern vielleicht wirklich Zeit, anderen das Feld zu überlassen. Macht's gut, Terrorgruppe. War echt schön mit Euch.

(Eric Meyer)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen/anhören bei Amazon

Highlights

  • Der Trottel (Oi, oi, oi)
  • Fettes betrunkenes dummes Schwein
  • Ein Führer wird kommen
  • Alt + delete

Tracklist

  1. Suizidoption (Prolog)
  2. Sinnlose Beleidigungsstrategie gegen Fabelwesen
  3. A.D.H.S.
  4. Der Trottel (Oi, oi, oi)
  5. Fettes betrunkenes dummes Schwein
  6. Lastwagenfahrer
  7. Ein Führer wird kommen
  8. Männers
  9. Alexandra
  10. Alt + delete
  11. Nestle (oder weiss hier jemand, wie man dieses Scheiss-Häkchen übers e macht?)
  12. Easy Jet
  13. Krieg ist super
  14. Zusammenstehen

Gesamtspielzeit: 41:55 min.

Album/Rezension im Forum kommentieren (auch ohne Anmeldung möglich)

Einmal am Tag per Mail benachrichtigt werden über neue Beiträge in diesem Thread

Um Nachrichten zu posten, musst Du Dich hier einloggen.

Du bist noch nicht registriert? Das kannst Du hier schnell erledigen. Oder noch einfacher:

Du kannst auch hier eine Nachricht erfassen und erhältst dann in einem weiteren Schritt direkt die Möglichkeit, Dich zu registrieren.
Benutzername:
Deine Nachricht:
Forums-Thread ausklappen
(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 18872

Registriert seit 08.01.2012

2020-07-01 19:37:39 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?
Zum kompletten Thread

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum Du diesen Post melden möchtest.

Bestellen bei Amazon

Weitere Rezensionen im Plattentests.de-Archiv

Threads im Plattentests.de-Forum