Nadine Shah - Kitchen sink

Nadine Shah- Kitchen sink

Infectious / BMG / Warner
VÖ: 26.06.2020

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Angry young woman

Nadine Shah ist viele. Das war sie schon immer, auch wenn ihr die Musikkritik im ständigen Wahn der Einordnung diverse Labels aufzwingen wollte. Sicherlich verstanden sich die Vergleiche mit PJ Harvey oder Nick Cave, die Shahs famoses Debüt "Love your dum and mad" begleiteten, als Würdigung, doch nahmen sie ihr auch ein wenig die Eigenständigkeit. Auf "Holiday destination" erfand sich die Britin mit pakistanischen und norwegischen Wurzeln schließlich selbst neu. Plötzlich war da eine große politische Wut, eine deutliche Artikulation der migrantischen Erfahrung, des Brexits, der brennenden Luft im Vereinigten Königreich. Der Nachfolger behält den kritischen Blick und erklärt das Spiel mit den Identitäten zur Leitidee. Shah nimmt hier diverse Rollen ein, um Erwartungen, Konventionen und Traditionen zu beleuchten, die das weibliche Alltagsleben belasten und einengen. Wie die gleichnamige Bewegung im realistischen Drama versucht "Kitchen sink" aus der Intimität der Häuslichkeit die Psyche einer Gesellschaftsgruppe abzuleiten, in diesem Fall die der westlichen, modernen Mittelschichtsfrau. Doch anders als die graue Tristesse der entsprechenden Filme schillert Shahs vierte Platte nicht nur im Artwork.

Das macht schon der Opener "Club cougar" deutlich, wenn er seinen balzenden Rhythmus immer wieder von Bläser-Fanfaren plattwalzen lässt. Mit Spott und Abweisung begegnet die Protagonistin ihrem kaum jüngeren Angräber, der sie für eine ältere Frau auf Jünglingsjagd hält. Shah ist jetzt 34, kinderlos und unverheiratet, womit sie am eigenen Leib erlebt, wie unterschiedlich die geschlechtsabhängigen Erwartungen an Menschen ihres Alters sein können. "Shave my legs / Freeze my eggs / Will you want me when I am old?", fragt sie in "Trad", während der Beat zittert und Synthies umhergeistern. Die Hinwendung zur Ehe im unheimlichen Refrain wirkt eher wie eine Entscheidung der Angst, nicht des Herzens. Auch in "Dillydally" tickt die biologische Uhr, akustisch verkörpert durch einen monotonen Drum-Track und kurz vorm Kollaps stehende Jazz-Flöten. Doch "Kitchen sink" ist kein selbstmitleidiges Manifest der Anklage, sondern ein multiperspektivisches Gesellschaftsporträt, das auch viel schwarzen Humor und Sarkasmus enthält. Im aufgekratzten "Ladies for babies (Goats for love)" sieht der Mann in seiner Frau nur eine Gebärmaschine und findet die romantische Erfüllung im, nun ja, Farmvieh. Die Anti-Heldin von "Ukrainian wine", die unter Gitarrenspiralen ihr Elend im vom Geld der Eltern gekauften Alkohol ertränkt, würde darüber sicher herzlich lachen.

Musikalisch braut sich die Platte einen Trank aus Trip-Hop, Post-Punk und Groove-orientiertem Pop zusammen, bunter und luftiger als Shahs vorige Werke. Dass die repetitiven Rhythmen kaum große Refrains oder Ausbrüche zulassen, ist genau der meisterhafte Kniff: ein hypnotischer Sog, der nicht zum Selbstzweck dient, sondern die nie endende Alltäglichkeit der geschilderten Übel abbildet. Unter den "prying eyes" von "perverts" wächst das Unbehagen der Erzählerin in "Walk", die von flirrenden Synths angestachelt das Tempo anzieht. Das angeblueste "Buckfast" schleppt sich mit der Last einer toxischen Beziehung, doch der grandiose Titeltrack zeigt sich wieder angriffslustig. "Forget about the curtain twitchers / Gossiping boring bunch of bitches", giftet Shah gegen ihre xenophoben Nachbarn, unterstützt von einer ebenso aufmüpfigen Gitarre. Sie bleiben erfolglos, mit genervter Akzeptanz als letzten Rückzugsort: "And I just let them pass me by."

Aus der Erschöpfung erhebt sich mit "Kite" der beste Song: Über monotonen Saitenanschlägen formen gespenstische Männerchöre und ein aus dem Nichts fallendes Piano eine zerklüftete Einöde, ein unheimlich einnehmendes Meisterwerk des Minimalismus. Die letzte Würze erhält "Kitchen sink" vom tiefen, theaterhaft gedehnten, nordenglischen Gesang seiner Erschafferin – als hätten David Bowie und Baxter Dury eine Adoptivtochter in Newcastle großgezogen, um den erwähnten Einordnungswahn wieder zu befeuern. Mit diesem Organ kann Shah auch ganz sanft sein, wenn sie etwa im finalen "Prayer mat" die gemeinsamen Tage mit einer unbestimmten Mentorfigur, vielleicht ihrer Mutter, besingt: "Together write our epitaphs / While dizzy from our wine." Manchen Dramen gönnt man ihr Happy End von ganzem Herzen.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Ladies for babies (Goats for love)
  • Trad
  • Kitchen sink
  • Kite

Tracklist

  1. Club cougar
  2. Ladies for babies (Goats for love)
  3. Buckfast
  4. Dillydally
  5. Trad
  6. Kitchen sink
  7. Kite
  8. Ukrainian wine
  9. Wasps nest
  10. Walk
  11. Prayer mat

Gesamtspielzeit: 46:51 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Robert G. Blume

Postings: 535

Registriert seit 07.06.2015

2020-07-06 12:55:54 Uhr
hetmann: Es wird langsam. Kitchen Sink stieg in der ersten Woche auf Platz 3 der britischen Independent Album Charts ein, Platz 5 Record Store Charts, Platz 6 bei Vinylverkäufen und #29 in den Albumcharts gesamt.

Robert G. Blume

Postings: 535

Registriert seit 07.06.2015

2020-07-06 11:30:12 Uhr
Ich habs mir auf wunderschönem orangenem Vinyl gekauft. Bin ein großer Fan dieser Frau und finde auch dieses Album sehr gelungen. Gefällt mir musikalisch besser als Holiday Destination und das Artwork ist auch großartig.
Lieblingssongs: Trad, Kite

Autotomate

Postings: 2181

Registriert seit 25.10.2014

2020-07-02 16:12:55 Uhr
Über monotonen Saitenanschlägen formen gespenstische Männerchöre und ein aus dem Nichts fallendes Piano eine zerklüftete Einöde, ein unheimlich einnehmendes Meisterwerk des Minimalismus.

Sehr schön gesagt, "Kite" ist wirklich beeindruckend.

Alice

Postings: 181

Registriert seit 27.10.2019

2020-07-02 14:15:50 Uhr
Mir gefällt leider ihre Stimme nicht, deswegen werde ich auch mit diesem Album wieder nicht warm.

hetmann

Postings: 290

Registriert seit 23.04.2014

2020-07-02 08:52:15 Uhr
Ist unüberraschenderweise wieder ein tolles Album geworden, denn Nadine Shah kann halt nur toll.
Es ist mir ein völliges Rätsel warum sie (auf Indielevel) noch kein größerer Star geworden ist.
Zum kompletten Thread

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