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Long Distance Calling - How do we want to live?

Long Distance Calling- How do we want to live?

Inside Out / Sony
VÖ: 26.06.2020

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Die Zukunft ist jetzt

Die Prog-Rock-Institution Long Distance Calling wagt mit ihrem mittlerweile siebten Studioalbum "How do we want to live?" weniger eine Prognose für die Zukunft, als dass sie davon ausgeht, dass die Zukunft längst begonnen habe und dass die Frage danach, wie wir in dieser Zukunft leben wollen, dringlicher nicht sein könnte. Für ihre Musik scheint die Band allerdings eine gute Antwort auf diese Frage gefunden zu haben, denn die Münsteraner klingen auf ihrem neuen Album frisch wie eh und je. Den Blick nach vorne wie nach hinten gewandt liefert die Band ein kleines Epos ab, welches aus musikalischer Sicht das Beste der Gruppe zum Vorschein bringt, ohne jedoch wiederzukäuen. Stattdessen erweitern sie den altbekannten Sound um mindestens eine Dimension, sodass er seinem eigenen Anspruch sogar fast gerecht wird. Musikalisch eindrucksvoll und soundtechnisch raffiniert, klingen Long Distance Calling auf der neuen Platte noch monumentaler als zuletzt. Der dominante Einsatz von synthetischen Sounds ist eine willkommene Frischzellenkur und das weniger auf epische Ausbrüche als auf stetige Progression angelegte Songwriting tut sein Übriges dazu, die Qualitäten der Band ins richtige Licht zu rücken und trotz aller Trademarks ihren Sound noch immer innovativ und progressiv klingen zu lassen.

Thematischer Überbau des Albums ist das Verhältnis von Mensch und Maschine, das Spannungsfeld zwischen künstlicher Intelligenz und menschlichen Werten, technologischem Fortschritt und sozialem Rückschritt. Die gedankliche Verarbeitung dieser Themen überlassen Long Distance Calling zwar dem Hörer selbst, bieten aber unterstützt von zahlreichen Spoken-Word-Passagen, welche in die Thematik einführen, den passenden Soundscape zum Nachdenken. Auffällig hierbei ist, dass die Spannung zwischen den eben genannten Begriffspaaren in der Musik eigentlich wenig durchscheint. Natürlich kommen auf "How do we want to live?" allein zur Untermauerung der Thematik weitaus mehr elektronische Klänge zum Einsatz, als das zuletzt der Fall war, doch dienen diese weniger als Antithese zum menschlichen Part in der Musik denn vielmehr der Verschmelzung mit den pulsierenden Prog-Rock-Elementen. So gelingt den Münsteranern zwar die Symbiose aus synthetischen Sounds und Prog-Rock zu einer schlüssigen Einheit erstklassig, jedoch lässt das Album eine wirkliche Auseinandersetzung, eine mit musikalischen Mitteln artikulierte Diskussion der Thematik vermissen. Die resultierende Musik strahlt mal menschliche Wärme, an anderer Stelle dann mechanische Kälte aus, wagt aber wenige Experimente und ordnet sich stets dem recht gefälligen Songwriting unter.

Dabei lassen sich Long Distance Calling aber keineswegs lumpen. Auch wenn heftige Gitarrenriffs, wie sie noch den Vorgänger "Boundless" dominierten, auf "How do we want to live?" eine eher untergeordnete Rolle spielen, lassen die Songs nichts an Eindringlichkeit und Größe vermissen. Verträumte Soli, die an Pink Floyd erinnern, ausgeklügelte Progressionen, welche gekonnt für Spannung sorgen, und überraschende Soundelemente, die nahezu perfekt in Trademark-Sound des Quartetts eingebettet sind, prägen das Album. An manchen Stellen scheint ein gewisser Soundtrack-Charakter durch, welcher dazu verführt, der Fantasie freien Lauf zu lassen und einfach im wohligen Sound zu baden. Anderswo, wenn Motive zu Themen werden, die derart geschickt verarbeitet werden, dass Ohr und Kopf sich der Spannung nicht mehr entziehen können, fordert die Platte dann die volle Aufmerksamkeit des Hörers ein. Es ist Long Distance Calling auf "How do we want to live?" zweifellos gelungen, ihren ohnehin komplexen Sound um weitere Facetten zu erweitern, ohne ihn jedoch komplett umzukrempeln und zu überladen. Auch wenn Long Distance Calling die Antwort auf die titelgebende Frage schuldig bleiben, beantwortet das Album immerhin die Frage danach, wie großartig moderne Instrumentalmusik im Jahr 2020 klingen kann.

(Christopher Padraig ó Murchadha)

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Highlights

  • Curiosity (part 2)
  • Immunity
  • Beyond your limits

Tracklist

  1. Curiosity (part 1)
  2. Curiosity (part 2)
  3. Hazard
  4. Voices
  5. Fail / opportunity
  6. Immunity
  7. Sharing thoughts
  8. Beyond your limits
  9. True / negative
  10. Ashes

Gesamtspielzeit: 52:45 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 18878

Registriert seit 08.01.2012

2020-08-04 19:23:42 Uhr - Newsbeitrag
Nach einem erfolgreichen und ausverkauftem Mini Dong Open Air am vergangenen Wochenende geben die Instrumenal-Post-Rocker von LONG DISTANCE CALLING weitere Corona-konforme Shows anlässlich des Releases ihres neuen Albums "How Do We Want To Live?" (Albumchartsentry #7) bekannt.

„Wir freuen uns sehr, Euch im September drei weitere und etwas verspätete Release Shows zu 'How Do We Want To Live?' unter Einhaltung der aktuellen Auflagen anbieten zu können!

Nach der tollen Show beim Dong Open Air am vergangenen Wochenende können wir es kaum erwarten, bald wieder auf die Bühne zu gehen und hoffen, dass ihr Euch genau so darauf freut wie wir in zahlreich erscheint.

Sagt Euren Freunden Bescheid und bringt sie mit und lasst uns den Menschen draußen zeigen, dass man sich auch friedlich versammeln und eine gute Zeit haben kann, ohne andere dabei zu gefährden!

Love LDC“

LONG DISTANCE CALLING - How Do We Want To Live? Shows 2020
05.09.2020 DE-Bremen, Zollkantine OpenAir
26.09.2020 DE-Munich, Backstage Kultursommer in der Stadt
27.09.2020 CH-Aarau, KiFF

mIsland

Postings: 133

Registriert seit 16.04.2020

2020-07-04 13:58:24 Uhr
Mir gefällt dieser Rock-Opera-/ Konzeptalbum-Ansatz sehr gut. Wenn man sich mal an etwas Neuerem probieren will ohne dabei komplett seinen Stil aufzugeben, ist dieser Weg schon ganz passend. 7.5

noise

Postings: 757

Registriert seit 15.06.2013

2020-07-04 13:49:31 Uhr
Leider geht es mir so ähnlich wie Lateralis. Alles zu glatt gebügelt, wobei Voices noch ganz ordentlich ist. Man kann die Musik im Hintergrund laufen lassen, ohne dass man nach 10 Minuten noch weiß was da überhaupt gespielt wird. Überproduziert ohne Höhepunkte.
Schade, denn auch ich fand das Debut damals richtig stark.

Hoschi

Postings: 394

Registriert seit 16.01.2017

2020-07-03 13:15:05 Uhr
Ich geh mit Voyage mit.
Mir gefällt das Album, wenn auch es kein Top Album ist.
Hat einen guten Fluss aber ist schon stark von der Stange.
Einzig Hazard bleibt durch das Gilmoure Solo im Kopf. Der Rest ist okay bis gut.

Muss leider auch sagen , dass mich schon lange keine ProgRock Band/Album mehr so richtig "mitgerissen" hat.
Das letzte richtig, richtig Gute war Handcanoterase von Steven Wilson, was ja nicht wirklich mit long distane calling, god is an astronaut oder if these trees could talk verglichen werden kann.
Einzig Caspians On circles war (fast) ziemlich stark.

6,5 /10 für How do we want to live ? von mir so weit.

Voyage 34

Postings: 956

Registriert seit 11.09.2018

2020-07-03 10:08:57 Uhr
Long Distance Calling - How do we want to live? [2020]

Ich hab nen Schwierigen Hintergrund mit der Band, habe sie lange, viel und gerne gehört, bis mir ein Live Erlebnis den Spaß verdorben hat.
Das letzte Konzert ist nun aber scheinbar doch schon lange genug her (6 Jahre?) um zu verdrängen wie sehr sie mir mit ihrem gepose und geriffe auf den Geist gegangen sind. Seitdem habe ich auch kaum mal was von der Band angehört, jetzt war mir jedoch überraschender Weise danach mal auf längerer Autofahrt inHow do we want to live? reinzuhören...

...und ich bin erst mal sehr positiv überrascht. Gute Entscheidung wieder weg von den Vocals zu sein, die Produktion/der Sound ist auf den ersten Blick fett und klar (auf den zweiten aber auch seeeehr glatt), die Spoken-Word passagen passen, sind zwar etwas zu pathetisch aber dennoch unterhaltsam und nicht vollkommen banal.

Mit den Songs bekommen sie mich größenteils, die synthetischen Sounds sind hier gut und gezielt eingesetzt, an den Gitarren herrscht dankenswerterweise etwas weniger testosteron, das ganze funktioniert sehr songdienlich. Sehr gut gefallen mir die Gilmour'schen Eskapaden.

Die Drums sind fett produziert und top notch on point, allerdings auch mit beschränkter Variation. Klar, da gibts tolle Fills, die auch super abgenommen und gepegelt wurden, aber die Rhytmus-Varation hält sich seeehr in Grenzen.


Ist das Post/Prog-Rock von der Stange? Irgendwie schon. Die typischen Zutaten sind vorhanden, das Thema ist auch Genretypisch, Grenzen werden kaum überschnitten und trotzdem funktioniert die Platte als ganzes gut, hat viele Spannungsmomente und einen roten Faden, den ich sonst so oft vermisse. Gelungenes "Comeback" (für mich ;-)), Live werde ich mir die Jungs wohl trotzdem nicht mehr antun. Schön aber mal wieder ne gute Platte aus NRW in der Hand zu haben. Daumen hoch!

7,5/10
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