Cro-Mags - In the beginning

Cro-Mags- In the beginning

Arising Empire / Warner
VÖ: 19.06.2020

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 4/10

Zurück in die Steinzeit

Dass Cro-Mags bis heute Kultstatus genießen, hat einen simplen Grund – "The age of quarrel". Das Debütalbum der nur kurz zuvor formierten Band legte Mitte der 80er den Grundstein für das, was man in den Folgejahren als New York Hardcore bezeichnen sollte. Ein rohes Meisterwerk, ohne Wenn und Aber. Dass bei den Cro-Mags auch später keine Langeweile aufkam, hatte indes weniger mit ihren immer selteneren Veröffentlichungen – das letzte Album "Revenge" erschien 2000 – zu tun. Was Drama und auch Skurrilität betrifft, böte die nun schon Jahrzehnte andauernde Fehde zweier wichtiger Bandmitglieder Stoff für eine Serie à la "Tiger king". Wobei sich schwer sagen lässt, wer von beiden die tragischere Figur abgibt: Sänger John Joseph, der als Jugendlicher auf der Straße lebte, wegen Drogen in den Knast wanderte und nunmehr seit vielen Jahren überzeugter Hare-Krishna-Anhänger ist. Oder Gründungsmitglied und Bassist Harley Flanagan, der ebenfalls in desolaten familiären Verhältnissen aufwuchs und der offenbar nicht nur als Kampfsportler gern zulangt, sondern auch schon mal im CBGB ein Messer zückte und damit zwei Menschen verletzte. Wobei man der Fairness halber anmerken muss, dass er auf Notwehr plädierte und nicht angeklagt wurde.

Jedenfalls begleiten gegenseitige Anschuldigungen und Verleumdungen sowie Auseinandersetzungen sowohl vor Gericht als eben auch ganz handfester Art die Geschichte der Hardcore-Pioniere. Oder besser gesagt: Geschichten, plural. Denn die anhaltenden Streitigkeiten führten nicht nur zu einer mehrjährigen Pause, sondern auch dazu, dass zeitweise zwei Formationen mit dem Namen Cro-Mags tourten. Doch besteht aktuell kein Anlass mehr für Verwirrung, denn 2019 endete ein jahrelanger Rechtsstreit und seither liegen die Namensrechte ohne Zusatz allein bei Flanagan. Wer im Jahr zuvor noch die müden Auftritte einer Cro-Mags genannten Karaoketruppe um John Joseph während der gemeinsamen Tour mit Modern Life Is War erleben musste, wird darüber nicht besonders betrübt sein. Nun ist Josephs Gegenspieler abgesehen von dem Vorfall mit dem Messer auch aufgrund homophober und mutmaßlich rechtsradikaler Ausfälle zwar ein – vorsichtig ausgedrückt – umstrittener Zeitgenosse. Was sich dem Adrenalinzwerg Flanagan allerdings nicht vorwerfen lässt, ist, dass er es nach all den Jahren in Sachen Musik etwas ruhiger angehen ließe.

So humorlos wie Stefan Raab zu seinen schlechtesten Zeiten bollern Cro-Mags ohne Rücksicht auf Verluste durch insgesamt 13 Songs, die alles mitbringen, was man von Hardcore speziell New Yorker Provenienz erwarten darf. Abwechslung zählt dazu nicht unbedingt. Auf "In the beginning" finden sich Nummern, die Vollgas geben, und Nummern, die das Tempo etwas zügeln. Solche, in denen Flanagan angepisst klingt und solche, in denen er sehr angepisst klingt. Und es gibt Songs, in denen die offenbar obligatorischen Gitarrensoli eher stören, und Songs wie beispielsweise "From the grave" mit Motörhead-Gitarrist Phil Campbell, wo das Gegniedel schon in Ordnung geht. Ansonsten bestätigt das instrumentale "Between wars", das sogar mit einem Cello aufwartet, als Ausnahme zwar die Regel, ist aber vor allem entbehrlich. Und auch textlich bewegen sich Cro-Mags in vertrauten Gefilden und verhandeln die einschlägigen Genrethemen. Da geht es um die Kämpfe des Lebens und darum, wie man sie übersteht und trotz aller Rückschläge immer wieder aufsteht und seinen Weg weitergeht. "No matter the battles you face / No matter what life demands / No matter the struggles you face / You gotta give everything that you have", heißt es etwa gleich zu Anfang von "Don't give in".

Ja, andere Bands gehen es deutlich ausgeklügelter und auch ambitionierter an. Aber Harley Flanagan ist ein Überlebender. Einer, der in seinem Leben nicht nur viel ausgeteilt hat, sondern der noch mehr einstecken musste. Einer, an dem die Verletzungen und Niederlagen nicht spurlos vorüber gegangen sind, wovon ein Song wie "PTSD" handelt. "I have seen violence that I can't forget / I have done things that I regret / I see and I realize the cause / But that don't rid me of my guilt or remorse." Da hat sich über die Jahre jede Menge angestaut, an Erlebnissen und Erfahrungen, aber auch an urwüchsigen Emotionen wie Wut, Frustration oder Reue. Und weil sich diese Melange nicht allzu oft derart direkt und ungefiltert ihren musikalischen Weg bahnt und dabei für Kurzweil und einige gute Momente sorgt, ist "In the beginning" auch unabhängig von eventuellen nostalgischen Anwandlungen eine durchaus gelungene Platte. Cro-Mags bieten keine Haute Cuisine, sondern Paleo-Kost. Mit wenigen Basiszutaten und frei von neumodischem Schnickschnack kochen sie ein würziges Steinzeitsüppchen. Ob das auf Dauer wirklich sättigend ist, sei dahingestellt. Für den Moment schmeckt's.

(Markus Huber)

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Highlights

  • Don't give in
  • No one's coming
  • PTSD

Tracklist

  1. Don't give in
  2. Drag you under
  3. No one's victim
  4. From the grave
  5. No one's coming
  6. PTSD
  7. The final test
  8. One bad decision
  9. Two hours
  10. Don't talk about it
  11. Between wars
  12. No turning back
  13. There was a time

Gesamtspielzeit: 38:17 min.

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Armin

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2020-06-17 20:09:48 Uhr - Newsbeitrag
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