Bryde - The volume of things

Bryde- The volume of things

Easy Life / Membran
VÖ: 29.05.2020

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Umarme das Gute

Sowas wie die Gretchenfrage für Musikschaffende: Wo finde ich meine Inspiration? Noch als Mittzwanziger war der Rezensent der Überzeugung, dass Schmerz die ultimative Muse für große Musik sei. Wenn etwas weh tut, will man schreien. Und dann kann man es ja stattdessen auch einfach singen. So ungefähr. Klar, Leid ist ein großer, wenn nicht vielleicht der größte Antrieb für Kunst. Aber nicht so absolut, wie es einem die juckenden Wunden des Coming-of-Age einst vorgaukelten. Das Leben kann auch schön sein. Und noch viel besser: Es darf es sogar. Also warum meckern, wenn Brydes zweites Album "The volume of things" statt bitterer Brühe nun bisweilen süßen Saft ausschenkt?

Ja, ja, das schwierige zweite Album, die Erwartungshaltung et cetera pp. Sarah Howells Solo-Erstling "Like an island" war ein Vulkan: Kraftvoll, unberechenbar, heiß. Dem Nachfolger geht dieses explosive Element dagegen fast vollständig ab. Es geht stattdessen darum, Ruhe zu finden, dem Getriebensein zu entfliehen, zu entschleunigen und nach dem Trennungsalbum eine Platte des Wiederaufbaus zu kreieren. Das Gute ist: Auch wenn die Songs ungleich unkomplizierter sind, stellt Bryde ihr starkes Songwriting auch in diesem beruhigteren Setting unter Beweis.

In "Paper cups", das mit flotter Bassline und agilem Schlagzeug einsteigt und in einem unverschämt fröhlichen Refrain mündet, schüttet die Sängerin im Text ihr Herz in Pappbecher aus und verteilt schlückchenweise Mitgefühl – ein hübscher Vergleich. Ungleich scharfzüngiger gibt sich dagegen "Done", ein Song im Schafspelz, der davon handelt, verführt zu werden – nicht nur um positiven Sinne. Eine einfachere Sprache wählt die Lead-Single "The trouble is", ein astreiner Popsong, der vor allem von seinen musikalischen Breaks lebt, aber auch von jenem "Heyeyeyeyeah" im Chorus. "The trouble is what you want", heißt es ebenso ebenda. Übersetzt: Mach's Dir selber nicht so schwer.

Im Moll dagegen breitet sich "Hallelujahs" aus, das stärkste Stück der Platte, mit Kopfstimme und ordentlich Druck im Gesang. "Come as you are", lautet die erste Zeile und die Stimmung des Songs ist nur ungleich besser gelaunt als das gleichnamige Nirvana-Stück. Ähnlich belastet zeigt sich "Another word for free" mit seinen schweren Synthies. "Would you be the weight off my shoulders", singt Howell und wünscht sich ein Gegenüber, das ihre Sorgen mitträgt. Auch "Outsiders" setzt auf eine ähnlich tragisch gepolte Instrumentierung aus dem Computer und "Flies" addiert gar ein paar drastische Streicher. Also doch nicht nur eitel Sonnenschein auf "The volume of things"?

Nein, aber die Amplitude der Erschütterungen ist eine andere als auf "Like an island", der Tenor insgesamt versöhnlich – siehe Titelsong. Die Sängerin erklärt zwischen klimpernden Gitarrensaiten und drückenden Orgeltönen, wie zunächst etwas Sterben muss, damit etwas Neues nachwachsen kann. Ja, statt dem Verlust krachend entgegenzukeifen, hat sich Bryde mit dem Loslassen arrangiert, wie es konkret auch in "Handing it over" nachzuhören ist. Niemand kann sich einen Sonnenaufgang angucken und dabei behaupten, das sähe scheiße aus. Wenn das Gute sich greifen lässt, sollte man es schnell umarmen. Howell macht es vor.

(Pascal Bremmer)

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Highlights

  • The trouble is
  • Paper cups
  • Hallelujahs

Tracklist

  1. Silence
  2. The trouble is
  3. Done
  4. 80 degrees
  5. Flies
  6. Paper cups
  7. Hallelujahs
  8. Another word for free
  9. Handing it over
  10. Outsiders
  11. The volume of things

Gesamtspielzeit: 38:57 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Cayit

Postings: 107

Registriert seit 05.05.2014

2020-06-19 10:11:33 Uhr
Klasse Album.
Genau so gut wie das Debüt nur anders...
8/10

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 17873

Registriert seit 08.01.2012

2020-06-17 21:03:29 Uhr
Superschön aufs erste Ohr. Vor allem "Silence".

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 17873

Registriert seit 08.01.2012

2020-06-17 20:09:36 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

doept

Postings: 254

Registriert seit 09.12.2018

2020-06-12 00:04:12 Uhr
Sehr schön!
Im ersten Durchlauf ist für mich nichts besonderes hängen geblieben, aber das muss nichts heissen. Brauche da eher ein paar Versuche bis ich mir eine Meinung bilden kann...

Pascal

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 581

Registriert seit 13.02.2013

2020-06-11 23:45:24 Uhr
Die neue Platte liegt bei mir und die Rezi wird nachgereicht!
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