Orlando Weeks - A quickening

Orlando Weeks- A quickening

PIAS / Rough Trade
VÖ: 12.06.2020

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

An der Wiege gesungen

Heute schon Schnee geschippt? Schön, aber lassen Sie das in Zukunft bitte sein. Wir wollen die Jungs vom Streudienst schließlich nicht ihres Lebensinhalts berauben. Vor allem nicht "The gritterman", den Titelhelden des liebevoll illustrierten Erstlingsbuches vom früheren The-Maccabees-Sänger Orlando Weeks. Tiefe liegt dabei nicht nur in der vom Leben gebeutelten Hauptfigur, die treu ihren einsamen Dienst versieht und so der kalten Jahreszeit ein wenig Wärme einhaucht, sondern auch im Piano-lastigen, von Weeks eigenhändig eingespielten Score. Es erfordert also nicht extrem viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie das Solo-Debüt des Briten wohl klingt – und nein, mit der Indie-Rock-Band, die sich nach "Marks to prove it" gerade noch rechtzeitig auflöste, bevor sie richtig groß werden konnte, hat "A quickening" von der Stimme abgesehen so gut wie nichts zu tun.

Dafür umso mehr mit Weeks' neugeborenem Sohn, der auch für einen inhaltlichen Paradigmenwechsel beim inzwischen 36-Jährigen sorgt: Zweifelte er bei The Maccabees in Stücken wie "Love you better" oder "Can you give it" noch chronisch an der Statik zwischenmenschlicher Beziehungen und bedachte bei "Pelican" das vergängliche Possenspiel des Daseins mit einem schiefen Grinsen, sprechen aus seinen neuen Songs Optimismus und Aufbruchstimmung angesichts eines neuen Lebens, das er selbst in die Welt gesetzt hat. Allerdings auch eine gewisse Befangenheit und Verunsicherung ob einer runderneuerten Familiensituation, dank der man anfänglich genauso ungelenk durch seine Biografie tapst wie Weeks zuweilen durch dieses Album. Einfacher gesagt: Wenn "The quickening" instabil oder ungreifbar wirkt, dann muss und soll das vermutlich so sein.

Und es passt ins Bild, dass diese an der imaginären Wiege gesungenen Lieder viel eher in kontemplativem, mitunter verhuschtem Art-Pop wurzeln als in der Nähe von irgendetwas, dem man mit einem simpel vorangestellten "Indie" habhaft werden könnte. Es hat beinahe etwas von unbefugtem Eindringen in die Privatsphäre, Weeks' brüchigem "my son"-Mantra im hypnotischen Opener "Milk breath" zuzuhören, während behutsamer Klavierlauf und gedämpft rollende Drums allmählich Fahrt aufnehmen. So ätherisch wie im kargen James-Blake-Geklacker "Blood sugar" und der bang pluckernden Minimal-Skizze "Takes a village" hingegen ist uns Weeks seit dem "Given to the wild"-Intro nicht mehr gekommen – bis das ungeduldig mit den Breakbeat-Füßen scharrende Thom-Yorke-Surrogat "Safe in sound" mehr Bewegung in die Sache bringt.

Diese hält jedoch nicht allzu lange vor: Zu fragmentiert und in sich gekehrt erweisen sich etwa das spät in rhythmische Wallung kommende "St. Thomas'" oder das süße Nichts "Moon opera", als dass Weeks' verwunschen schmeichelnder Gesang nicht etwas ratlos umherirren würde. Zwar zeigt sich dieses Album oft wohlinformiert und macht beim aufgekratzten Holzbläser-Gepolter "All the things" gekonnt den späten Talk Talk oder These New Puritans' "Inside the rose" seine Aufwartung – je mehr Assoziationen durchrauschen, desto weniger scheint es jedoch zu wissen, was oder wie viele es sein will. So gesehen funktioniert "A quickening" immerhin als treffliche Illustration zeitweiliger emotionaler Wirren des Lebens – die Erleuchtung kommt vielleicht beim nächsten Winterspaziergang mit dem Nachwuchs. Hoffentlich hat jemand gestreut.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Milk breath
  • Safe in sound
  • All the things

Tracklist

  1. Milk breath
  2. Blood sugar
  3. Safe in sound
  4. St. Thomas'
  5. Takes a village
  6. Moon's opera
  7. All the things
  8. Blame or love or nothing
  9. None too tough
  10. Summer clothes
  11. Dream

Gesamtspielzeit: 38:53 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Voyage 34

Postings: 923

Registriert seit 11.09.2018

2020-06-12 08:16:06 Uhr
5/10 finde ich doch auch eher krass, wo doch hier gefühlt alles halbwegs ordentliche ne 7/10 kassiert oft gar mehr

Francois

Postings: 17

Registriert seit 26.11.2019

2020-06-12 07:48:19 Uhr
Richtig. Milk Breath ist für mich einer der besten Songs des Jahres.

maxlivno

Postings: 2153

Registriert seit 25.05.2017

2020-06-11 12:07:17 Uhr
5/10????

Also die vier Vorabsingles sind alles mindestens eine 8 für mich. Vielleicht hat der Rezensent einfach einen anderen Geschmack?

Francois

Postings: 17

Registriert seit 26.11.2019

2020-06-10 20:37:15 Uhr
Die Vorabsingles sind zu gut für eine 5/10...
Ich liebe The Maccabees und seine Stimme. Daher traue ich mich jetzt schon sagen, dass ich mit der Wertung nicht d‘accord bin

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 17900

Registriert seit 08.01.2012

2020-06-10 20:28:25 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?
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