Jessie Ware - What's your pleasure?
Virgin / Universal
VÖ: 26.06.2020
Unsere Bewertung: 6/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
Motion sickness
Jessie Ware muss im reinsten Familienidyll leben. Mit 18 Jahren hat sie ihren heutigen Ehemann kennengelernt, inzwischen haben sie zwei Kinder und mit ihrer eigenen Mama versteht sie sich auch so gut, dass ihr gemeinsamer Podcast "Table manners" schon in der neunten Staffel steckt. Das alles ist ihr fraglos zu gönnen, doch ein wenig bestätigt sie das blöde Vorurteil, dass glückliche Menschen die schlechtere Musik machen. 2012 wirkte die Londonerin noch hungrig, als sie mit "Devotion" ein vorwärtsgewandtes, eigenständiges Electropop-Biest auf die Jagd schickte. Der Nachfolger "Tough love" schielte bereits etwas in Richtung des bequemen Mainstreams und "Glasshouse" kuschelte sich endgültig in eine warme, aber auch farblose Soul-Decke. Zumindest an der Oberfläche scheint die vierte Platte "What's your pleasure?" alte Flammen neu zu entfachen. Pathos und Herzschmerz-Trost weichen einer fiebrigen Zeitreise in die Discos der Siebziger und Achtziger. Funk-Rhythmen, Synthie-Arpeggios, Konserven-Streicher, das volle Programm. Sex solle man zu diesem Album haben, wünscht sich die Künstlerin, warum nicht gleich auf der Tanzfläche. Doch im Rausch der Bewegung verschwimmen die eigenen Konturen nur noch gleichgültiger.
Dabei fängt es so grandios an. "Spotlight" deutet zunächst eine Klavierballade mit großer Geste an, ehe der Groove einsetzt und sich das detaillierte Arrangement entfaltet. Von der Wahnsinns-Hook bis zur intensiven Klimax bestimmt Ware mit gehauchter Lässigkeit diesen subtilen Über-Hit, einen der Popsongs des Jahres. Der pumpende Titeltrack macht mit seinem Synthie-Zirkus auch viel Spaß, weist aber bereits in Richtung eines Problems: Die Dynamik des Openers geht dem restlichen Album weitgehend ab. Stellenweise wirkt "What's your pleasure?" wie ein einziger Rhythmus. Nur wenige Refrains bleiben hängen, es gibt keine stilistischen Widerhaken, keine Rätsel oder Tiefenschichten, die sich unter dem stetigen Puls verbergen. Im schlimmsten Fall verfremdet die 35-Jährige ihre Stimme in der banalen Single "Ooh la la" zur Unkenntlichkeit und löst sich komplett im Nichts auf. Das ist deshalb so schade, weil ihr wundervolles Organ seine Ausdruckskraft keineswegs verloren hat. "In your eyes" bremst den Strom etwas aus, um sich mit ausschweifenden Streichern flächiger aufzubauen. Hier, in einem weniger dichten Glitzer-Nebel, der ihr mehr Luft zum Atmen lässt, strahlt Ware wie eine Königin.
Es beeindruckt durchaus, wie kompromisslos sie ihre Ästhetik durchzieht. Mit heruntergeschraubten Erwartungen ließe sich "What's your pleasure?" dank einer geringen Ausfallquote und einer durchweg kompetenten, geschmackvollen Produktion auch gut genießen. Das größte Versäumnis bleibt der Verlust der Eigenständigkeit. Das Robyn-Rip-Off "Save a kiss" etwa hätte die Schwedin selbst mit weitaus mehr Persönlichkeit und Emotion gefüllt. Zumindest der Schlussakt gerät konstant stark. "Mirage (Don't stop)" hebt sich zwar nicht groß von der sonstigen Monotonie ab, stampft aber deutlich entschiedener auf den Clubboden. "The kill" setzt mehr auf Melodie als auf Beat, schält einen großen Refrain aus seinem Synthwave-Vorhang und verdient sich das epische Bläser-Finale bis auf den letzten Cent. Schließlich holt Ware einen Chor und einen besonders spielfreudigen Bassisten ins Studio, um mit "Remember where you are" eine psychedelische Soul-Ballade hochzuziehen, die auch Janelle Monáe ins Œuvre gepasst hätte. So fantastisch dieser Abschluss auch ist, verfestigt er weiterhin den Eindruck der Rückwärtsgewandtheit. Jessie Ware hatte einst die Zukunft des Pop vor der Nase, um sich nun doch der Vergangenheit zuzuwenden. Das ist grundsätzlich kein Problem, kann auch hier der Schlüssel zur musikalischen Identität versteckt sein. Möchte Ware wieder über den Status als solide, nur manchmal großartige Künstlerin hinauswachsen, müsste sie aber etwas resoluter danach buddeln.
Highlights
- Spotlight
- In your eyes
- The kill
- Remember where you are
Tracklist
- Spotlight
- What's your pleasure?
- Ooh la la
- Soul control
- Save a kiss
- Adore you
- In your eyes
- Step into my life
- Read my lips
- Mirage (Don't stop)
- The kill
- Remember where you are
Gesamtspielzeit: 53:20 min.
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(Neueste fünf Beiträge)
| User | Beitrag |
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BunteKuh Postings: 725 Registriert seit 17.07.2022 |
2026-02-13 08:27:04 Uhr
Hab mir jetzt auch dieses Album zu Genüge geführt.Spotlight ist wirklich schön, aber der Rest plätschert ein wenig dahin. Also gegen "That! Feels good" kommt es nicht ran. |
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parnell17 Postings: 28 Registriert seit 11.05.2020 |
2026-02-11 19:54:48 Uhr
Bin beim Überfliegen des Threads auf meinen völlig wahnsinnigen früheren Take gestossen und habe mich echt gefragt, ob ich gehackt wurde o.ä., bin richtiggehend erschrocken. Trotz des Mülls den ich damals geschrieben habe, konnte ich mich zumindest jetzt daran erinnern, damals nur vorsichtig optimistisch gewesen zu sein. Nun ja, das Album mitsamt dem ganzen Fan- und Kritikerecho spricht für sich. Es gehört auch zu meinen liebsten Pop-Alben. Ich mag die ruhigeren, kühleren Songs (In Your Eyes, The Kill) am meisten, schätze aber auch die Uptempo-tracks und das famose Remember Where You Are. Bin gespannt auf's neue Album! |
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Kojiro Postings: 5581 Registriert seit 26.12.2018 |
2026-02-11 18:18:06 Uhr
6/10 ist natürlich absoluter Blödsinn.. |
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Enrico Palazzo Postings: 10578 Registriert seit 22.08.2019 |
2026-02-11 17:24:28 Uhr
Oh, die Platte ist ja SEHR gut! Ich höre sie gerade für die 2020er-Aktion und ich finde die eventuell sogar noch besser als den Nachfolger. Wobei der wiederum die beiden besten Songs direkt am Anfang hat.Wieso ist Jessie Ware bisher an mir vorbeigegangen und wieso hat die Platte hier nur 6/10? |
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NOK Postings: 310 Registriert seit 04.10.2018 |
2021-06-07 21:24:06 Uhr
"Hot N Heavy" wurde auch bereits veröffentlicht, und nachdem ich "Please" mit dieser gewissen Retro-Madonna-Anmutung wirklich gelungen fand, ist das hier...https://www.youtube.com/watch?v=Jg01kfB8vY8 ...zwar wieder interessant und kompetent produziert, aber ich fürchte, es ist einfach nicht ganz meine Musik; ich hab meinen Eindruck von manchem weiter oben schon mit "campy Disco-Pastiche" umschrieben, und das trifft auch hier leider wieder zu. |
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Referenzen
Robyn; Róisín Murphy; Moloko; La Roux; Little Boots; Ellie Goulding; Annie; Shura; Goldfrapp; Sophie Ellis-Bextor; Kylie Minogue; Metronomy; Jungle; Tuxedo; Kool & The Gang; Earth, Wind & Fire; Stevie Wonder; Michal Jackson; Donna Summer; Janet Jackson; Madonna; Janelle Monáe; Kelis; Christine And The Queens; Dua Lipa; Carly Rae Jepsen; Haim; Purity Ring; Phantogram; Little Dragon; Hot Chip; Lorde; Sam Smith; Jamie Woon; Banks
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