Haftbefehl - Das weisse Album

Haftbefehl- Das weisse Album

Urban / Universal
VÖ: 05.06.2020

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 4/10

Der Pate, Teil 2

Endlich. Nur wenigen Deutschrap-Alben wurde dermaßen entgegen gefiebert und selten waren die Erwartungen so hoch. Endlich schreibt Haftbefehl seine Geschichte fort. Die Hauptfigur ist natürlich er selbst, Aykut Anhan, geboren in Offenbach am Main, Vater früh gestorben, Drogengeschäfte, Ärger mit den Cops und Flucht nach Istanbul. Aber auch: Rapmillionär, zweifacher Labelboss und Familienvater mit Häuschen am Stadtrand. Haftbefehl bleibt bei dem Sprachmix, den er zwar nicht erfunden, aber weit über die Grenzen der Hood hinaus populär gemacht hat: "Plötzlich sprechen alle Kanackiş, Nord, Ost, Süd, West / Ganz Deutschland ist Offenbach am Main." Das ist in seiner Hybris zwar heillos übertrieben, aber doch wahr. "Russisch Roulette" hat seinerzeit deutschen HipHop mal eben auf Links gedreht und die Kollegahs wie Witzfiguren aussehen lassen. Sogar das bezüglich Gangster- und Straßenrap sonst zurückhaltende Feuilleton überschlug sich mit Lobeshymnen. Doch weil seitdem immerhin fünfeinhalb Jahre ohne Soloalbum ins Land gezogen sind, hält Haftbefehl es offenbar für angebracht, erneut für klare Verhältnisse zu sorgen und die Konkurrenz auf die Plätze zu verweisen.

Dem düster-brachialen "Morgenstern" – "Der Track ballert wie 'ne abgesägte Schrotflinte" – gelingt diese Machtdemonstration spielend und "Trapking" wird selbst der "Alzheimer-Generation" im Gedächtnis haften bleiben. Die mit Abstand schönste Punchline hat in dieser Hinsicht aber "KMDF" zu bieten: "Ghetto-Soundtrack, nachts wird es heiß / Ihr seid nur Pop-Artists, Peter Maffays." Das Kürzel "KMDF" steht für "Koka macht Dich feucht" und besagte Droge zieht sich, wenn man es so ausdrücken möchte, wie eine weiße Line durch ein Album, das seinen Titel nicht zu unrecht trägt. "Gib mir eine Tonne weiße Ziegelsteine und ich baue ein Iglu / Ich hab' mehr Weiß geseh'n als ein Eskimo / Wovon ich rede? Von Kilos Kokaino / Kolumbianische Ware direkt von Latino", heißt es in "Bolon" noch vor dem Beateinsatz. Anschließend dröselt der Opener über einem melancholischen Piano penibel alle möglichen Lieferrouten auf. Was bei so ziemlich jedem anderen Vertreter des Genres nur streberhaft oder lächerlich erscheinen würde, wirkt hier als Geste der Beglaubigung, denn: "Wir leben, was wir reden / Unser Verständnis von HipHop, du Fotze!" Da ist er also wieder, der unbedingte Wille zur Authentizität, ohne den es bei Baba Haft einfach nicht geht.

Die naheliegende Frage, was hier eigentlich Ernst gemeint und was überhöht ist, läuft ins Leere. Es ist immer beides. Die Bewältigung der eigenen Vergangenheit geht einher mit Legendenbildung in eigener Sache und Arbeit am Mythos. Das unablässige Gepose und die bewusste Stilisierung sind dafür entscheidende Bausteine. Und dennoch: Sagen, was und wie es war, lautet die zugrundeliegende Maßgabe. Zeugnis ablegen, ohne Weichzeichner oder einseitige Glorifizierung. Der auf "Russisch Roulette" begonnene Mehrteiler "1999" setzt diesen Anspruch mustergültig um und geht zurück in eine Zeit, die von Verzweiflung und Entbehrung geprägt war. Offenbach, Mainpark, Hermann-Steinhäuser-Straße, kurz vor der Jahrtausendwende. Eine Zeit, die Wunden und Narben hinterlassen hat, die nicht verheilen wollen – weshalb Anhan sich immer und immer wieder daran abarbeiten muss. "Diese Sätze brechen Wände, so wie Pink Floyd / Deepe Message in die Fresse, Diggi – enjoy." Doch dass die Krisen nicht ausschließlich der Vergangenheit angehören, belegen einige Voice-Messages von Haftbefehl und Bazzazian im Interlude von "Pt. 5": "Bruder, ich hab' geschrieben bis eben grade wieder. Ich brauch' 'ne Auszeit!" – "Ja, alles gut, Bruder. Ich bin geduldig, Bruder. Ich weiß, es kostet alles viel Kraft und viel Zeit."

Der typische Haftbefehl-Sound, ohne Bazzazian ist er undenkbar. Auch auf "Das weisse Album" ist der heiser bellende Stakkato-Flow unterlegt von Beats, die in Sachen Härte und Brutalität ihresgleichen suchen. Ein Brecher wie "RADW", kurz für "Rücken an der Wand", lässt in dieser Hinsicht nichts zu Wünschen übrig und sorgt von Anfang an für klare Verhältnisse: "Bruder! Du baust den Beat / Du versuchst, so laut wie möglich den Beat zu machen / Und ich schrei' einfach rein, Bruder / Und wir kämpfen einfach, eins gegen eins." Dass Anhan und sein Freund und Hausprozent aber eben auch gefühlvoll, melancholisch und schwermütig können, beweisen neben den drei neuen Teilen von "1999" auch noch drei weitere Tracks auf der insgesamt weniger auf Krawall gebürsteten zweiten Albumhälfte. In "Papa war ein Rolling Stone" rappt der Offenbacher zusammen mit Materia und angelehnt an den Temptations-Klassiker über das Vaterdasein und setzt die Beziehung zu seinem Sohn in einen Zusammenhang mit dem schmerzlichen Verlust des eigenen Vaters. Auch "Depression & Schmerz", eine Kollaboration mit seinem jüngeren Bruder Capo, hält was der Titel verspricht und bewegt sich musikalisch stilsicher irgendwo zwischen Cloud Rap und Trap. Für die größte Überraschung dürfte aber "Hotelzimmer" sorgen: Mit autotuneverzerrter Stimme singt (!) Haftbefehl über die Beziehung zu einer Frau, die zerbricht, weil deren Eltern für die Tochter kein "Kanakenschwein" akzeptieren. Ausgerechnet hier versagt die Wut, die doch so angebracht wäre. Stattdessen herrscht Trauer über den Verlust und am Ende auch Resignation: "Wird wohl nix mit Kinder / Happy family, Kelloggs-Werbung."

Der Track ist aber auch deshalb bemerkenswert, weil eine Frau hier mal nicht zum Objekt oder Accessoire degradiert wird, anders als an so manchen anderen Stellen des Albums. Ja, das ist ein andauerndes Problem und latentes Ärgernis, wohingegen Haftbefehl auf antisemitische Stereotype heuer zum Glück verzichtet. Andererseits steuert mit Shirin David die einzige Frau, die auf dem Album zu hören ist, den folgenschwersten Gastpart bei. "Conan x Xenia" zählt zu den Highlights des Albums, treibt ein ironisch-überzeichnetes Spiel mit Zuschreibungen – "Ich bin jung, ich bin wild, ich bin asozial / Scheiß mal auf Arnold / Ich bin Conan, der Barbar" – und macht bei all dem noch den Widerspruch perfekt. Denn wie lässt es sich miteinander vereinbaren, einerseits den harten Babo zu markieren und gegen die weichgespülte und nach Instafame gierende Konkurrenz zu schießen, aber Tracks aufzunehmen mit Marteria, Shindy, Ufo361 und einer Influencerin und früheren Youtuberin, die auf Nicki Minaj macht? Oder Lines zu droppen wie "Wird Zeit für echten Rap / nix mehr mit Autotune-Gesülze" – und dann selbst Autotune zu nutzen? Die Tendenz dieser Fragen übersieht, dass "Das weisse Album" gerade durch seine vielschichtige Zerrissenheit wirklich Größe und Relevanz gewinnt. Brüche werden hier nicht halbherzig zugekleistert, sondern dienen als Reibungsfläche und werden bewusst und kunstvoll ausgestellt.

Dass der deutschsprachige HipHop in seinen besten Momenten der Gesellschaft den Spiegel vorhält, wurde schon so häufig angemerkt, dass es langsam zur Masche verkommt. Und doch ist da was dran. Wo Befindlichkeitsrapper wie Cro und Konsorten noch das Lebensgefühl und die Lebenslügen ihrer Anhängerschaft in seichte Popsongs verpacken, legt der Gangster- und Straßenrap die Grundpfeiler des bürgerlichen Wertesystem frei. Es geht um materiellen Erfolg. Mein Haus, mein Auto, mein Boot. Mit dem feinen Unterschied, dass Aykut aus Offenbach und Justus aus dem Frankfurter Westend nicht nur dezent unterschiedliche Ausgangsbedingungen vorgefunden haben. In diesem Kontext ergeben dann aber auch ein für sich genommen schwacher Track wie "Für immer reich" und die eher enttäuschende Kollaboration mit Gucci Mane plötzlich Sinn – dekadente Ausschweifungen und die Fixierung auf Luxusgüter als Kompensation, nicht als Komplizenschaft. Dass Haftbefehl weiter unangepasst bleibt, ist zweifellos eine gute Nachricht. Wie geschmeidig ließe sich der Weg vom Koksticker zum Rapper und weiter zum Familienvater als rührselige Aus- und Aufsteigerstory verkaufen: Seht her, der Geläuterte! Und als Belohnung winkt ein Integrationsbambi.

(Markus Huber)

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Highlights

  • Bolon
  • Conan x Xenia (feat. Shirin David)
  • 1999 Pt. 5 (Mainpark baby)
  • Hotelzimmer

Tracklist

  1. Bolon
  2. Morgenstern
  3. KMDF (feat. Shindy)
  4. Für immer reich
  5. 1999 Pt. 4 (AloAlo)
  6. RADW
  7. Ice (feat. Gucci Mane)
  8. Conan x Xenia (feat. Shirin David)
  9. 1999 Pt. 5 (Mainpark baby)
  10. Hotelzimmer
  11. Trapking (feat. Ufo361)
  12. Depression & Schmerz (feat. Capo)
  13. Papa war ein Rolling Stone (feat. Marteria)
  14. 1999 Pt. 6 (Gabriel vs. Luzifer)

Gesamtspielzeit: 43:39 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Felix Klaus

Postings: 516

Registriert seit 30.12.2019

2020-06-12 02:20:29 Uhr
Ich komm nur auf die melancholischen Sachen klar. Die Radausachen gehn an mir vorbei, mit 50 haust du keinem mehr auf die Fresse, überspitzt gesagt:) Und "KMDF" find ich auch ein bisschen ordinär, hab ich weder die Frauen noch die Kohle für parat.

Corristo

Postings: 419

Registriert seit 22.09.2016

2020-06-12 02:06:47 Uhr
Doch, ich habe mir gestern tatsächlich mal einige Tracks von ihm angehört. Aber es ist insgesamt nun mal nicht so meins. Und damit will ich nicht behaupten, dass da kein Herzblut drinstecken würde, grade in den melancholischeren Tracks. So Oldschool Hip Hop oder sowas wie Tricky oder Deltron 3030 kann ich mir geben. Aber insgesamt ist es halt nicht so mein Genre, darum werde ich da auch nichts weiter dazu schreiben jetzt.

Dafür habe ich immerhin erkannt, dass "Honda" und "Sagat" Figuren aus "Street Fighter" sind. :)

Felix Klaus

Postings: 516

Registriert seit 30.12.2019

2020-06-11 18:36:24 Uhr
Jede Wette, dass du keine Sekunde ins Album reingehört hast, oder. Egal, it's part of the gane :)

Corristo

Postings: 419

Registriert seit 22.09.2016

2020-06-11 17:24:50 Uhr
Dieses lauchige Opfer muss sich zwar sicherlich nicht wundern, wenn seine Leiche am Mainufer angespült wird. Schon alt, trotzdem sauberes Cover im Bürger Lars Dietrich-Style. :D

https://www.youtube.com/watch?v=eMPLhfMWmAQ

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 17873

Registriert seit 08.01.2012

2020-06-10 20:24:27 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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