Neil Young - Homegrown

Neil Young- Homegrown

Reprise / Warner
VÖ: 19.06.2020

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Schattengewächse

Die mittleren Siebziger stellen in der imposanten Diskographie Neil Youngs eine widersprüchliche Phase dar. Einerseits zeichnen sie sich durch eine kreative Blüte aus, die selbst mit Youngs Maßstäben gemessen noch herausragt, andererseits sind sie durch ein allgegenwärtiges Gefühl von Zerfall und Abschied geprägt. Der Idealismus der Gegenkultur passé, die Folk-Rock-Szene in Auflösung, Freunde an den Exzess verloren, die Beziehung zu Carrie Snodgress gescheitert – all das findet seinen Weg auf unendlich intensive Alben, die dem Schmerz so lange in die Augen sehen, bis sie ihn gerade so zu fassen lernen. In der monolithischen Schwermut von "On the beach" schleppt Young den Blues bis zum Meer, der scheppernde Rock'n'Roll von "Tonight's the night" hält seine Lieder noch eben so zusammen, bevor sie in ihrer fragilen Rauheit implodieren müssen. Brüchige Meisterwerke, der Krise abgerungen.

Lange war bekannt, dass Young zwischen 1974 und 1975 ein vollständiges Album aufgenommen hatte, mit fertigem Artwork gar, so kurz stand es vor der Veröffentlichung. In letzter Sekunde entschied er, "Tonight's the night" den Vorzug zu geben. Zu gedrückt und niedergeschlagen habe sich die Alternative in seinen Ohren angehört, die Entzweiung mit Snodgrass war noch frisch. Während "Homegrown" im Archiv Staub ansetzte, wuchs auch sein Mythos als "the one that escaped", die eingerissene Brücke zwischen "Harvest" und "Harvest moon". 45 Jahre später lauschen wir nun endlich diesen Stücken, die wie die "Hitchhiker"-Session 2017 vom retrospektiven Blick des Altmeisters aus dem Dornröschenschlaf geweckt wurden.

Mitten im Takt beginnt das düster stolpernde "Separate ways", das unverhohlen die Trennung von Snodgress thematisiert, als wolle es die Vergangenheit so unvermittelt wie möglich einfangen. "The light shone from in your eyes / It isn't gone / It will soon come back again", beschwichtigt Young stoisch, während Ben Keiths Slidegitarre eine kaum zu bändigende Wehmut entgegensetzt. Die Entzweiung bildet zunächst den roten Faden von "Homegrown", das sehr viel ruhiger und privater daherkommt als "Tonight's the night", sich seiner sanften Resignation auf "Try" und "Love is a rose" im taumelnden Country-Gewand hingibt. Der kuriose Spoken-Word-Horrortrip "Florida" – dessen Text seinerzeit im Artwork von "Tonight's the night" auftauchte – reißt, von quietschenden Störgeräuschen begleitet, die Trennung zwischen Traum und Realität ein. Anschließend flüchtet sich der nur halbwegs erwachende Young nach "Kansas", das hier eher eine halluzinierte Idee als einen konkreten Ort zu benennen scheint, und in weitere berückend schöne Folk-Fantasien. "White line" wagt den bittersüßen Ausblick, während Robbie Robertson mit dezenter Poesie an der Akustikgitarre begleitet: "I'm rollin' down the open road / And the daylight will soon be breaking." Es ist einer dieser Momente, die Young beherrscht wie kein Zweiter: schlichte Profundität. Und auch seine ganz eigene Version jammigen Blues-Rocks findet mit "Vacancy" ihren würdigen Vertreter auf "Homegrown".

Auch wenn manche der Lieder in ähnlicher oder identischer Version später auf Alben wie "American stars 'n bars" oder "Hawks & doves" auftauchen sollten, ist es vor allem die geballte und unverkennbare Mischung aus Intimität und Rauheit, die Youngs Aufnahmen aus dieser Schaffensphase charakterisiert. Als wäre diese Ästhetik in Bernstein konserviert worden, gesellt sich "Homegrown" nach Jahrzehnten zu den Meilensteinen, hinter deren Strahlkraft und Wucht es so lange zurückgetreten ist. "You might wonder who can I turn to / On this cold and chilly night of gloom", singt Young im Duett mit der famosen Emmylou Harris auf "Star of Bethlehem" – bekannt von "American stars 'n bars", hier als Closer platziert. Wie wäre es mit ein paar ganz bestimmten Songs, die ebenfalls lange im Schatten wuchern mussten?

(Viktor Fritzenkötter)

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Highlights

  • Separate ways
  • Kansas
  • White line
  • Vacancy

Tracklist

  1. Seperate ways
  2. Try
  3. Mexico
  4. Love is a rose
  5. Homegrown
  6. Florida
  7. Kansas
  8. We don't smoke it
  9. White line
  10. Vacancy
  11. Little wing
  12. Star of Bethlehem

Gesamtspielzeit: 35:08 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Peacetrail

Postings: 1003

Registriert seit 21.07.2019

2020-06-19 18:24:47 Uhr
Ist heute auch rausgekommen, wahrscheinlich im Dylan-Hype untergegangen. Kann qualitativ locker mit allem in seiner besten Phase mithalten. Anspieltipps: Try, Homegrown, White Line. Florida ist merkwürdig, 8/10 passt.

Peacetrail

Postings: 1003

Registriert seit 21.07.2019

2020-06-10 20:59:12 Uhr
Der Vorabtrack Try war Wahnsinn und ist nicht mal bei den Highlights. Ich freu mich und denke, 8/10 dürften gerade so passen, mit klarer Tendenz nach 9.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 17873

Registriert seit 08.01.2012

2020-06-10 20:28:36 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

Xavier

Postings: 366

Registriert seit 25.04.2020

2020-05-16 18:36:28 Uhr
Neil Youngs Versuch, gegen das weltliche und private Chaos etwas Einfaches, Ursprüngliches und Bodenständiges (Heimatliches) zu stellen. Mit Steelguitar natürlich.

Peacetrail

Postings: 1003

Registriert seit 21.07.2019

2020-05-16 18:34:37 Uhr
Und der Background-Gesang. Könnte der Track mit Emmylou Harris sein, wahrscheinlicher ist aber Linda Ronstadt.
Bei White Line, Star of Bethlehem und Little Wing tippe ich auf akustische Solo-Nummern, bei Homegrown denke ich, dass sich die Version kaum von der auf Stars and Bars unterscheidet. Kann natürlich auch völlig danebenliegen.
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