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Blanco White - On the other side

Blanco White- On the other side

Yucatan / Cargo
VÖ: 05.06.2020

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Lange nicht gefühlt

Blanco White, der Künstlername von Josh Edwards, gibt schon den ersten Hinweis: Da kommt das Beste zweier Welten zusammen. Der in London und Südwales aufgewachsene Singer-Songwriter trägt spanische Musik im Herzen. Als Edwards zehn Jahre alt war, kündigte sein Vater den Job, und seine Mutter legte ein Sabbatical ein. Die Eltern schnappten sich ihre drei Kinder und zogen durch Südamerika. "Wir verpassten die Schule und reisten nach Mexiko, Costa Rica und Peru. Dieser Trip hat mein Leben verändert und als ich nach Hause kam, wollte ich unbedingt Spanisch lernen, und Lateinamerika blieb in meiner Erinnerung dieser romantische, großartige Ort", erklärt der Sänger dazu. Später studierte er an der Uni die spanische Sprache, reiste durch Andalusien und lernte dort den Flamenco-Gitarristen Nono Garcia kennen, der schließlich sein Lehrer wurde. In Bolivien vertiefte er sein Wissen über die Musik der Anden und lernte Charango spielen.

Wer nun ein mit Kastagnetten klackerndes, latinophiles Feuerwerk erwartet, der wird gleichwohl enttäuscht werden. Man könnte es so ausdrücken: Du kriegst den Jungen von der Insel, aber die Insel nicht aus dem Jungen. So ist das Album geprägt von einer – man möchte sagen: typisch britischen – Melancholie. Da können die Saiten noch so sonnig klimpern, das Mindset der Platte bleibt wolkenverhangen. Das genau ist es, was "On the other side" so spannend macht. Und zwar unabhängig davon, ob Edwards auf Englisch oder doch auf Spanisch intoniert, wie er es zumindest im Closer "Mano a mano" tut, in welchem die allgegenwärtigen Gitarren noch von tragischen Streichern unterfüttert werden. Im Opener, dem großartigen "On the other side", braucht es keine Geigen, um die Stimmung abzubilden: Eine ätherische E-Gitarre bimmelt aus der Ferne, irgendwo klatschen ein paar Hände außerhalb des Takts. Edwards' kraftvoller Gesang erledigt den Rest. In "All that matters" spielt dann – wie auch im frühlingshaften "Papillon" – das erwähnte Charango eine Hauptrolle. Wieder aber sind es vor allem die Leidenschaft des Sängers und ein paar Streicher, die den Song komplett und gleichermaßen toll machen. Trotz seiner emotionalen Wucht bringt "Kauai O'o" den poppigsten Refrain der Platte mit – und auch das Gitarrensolo am Ende ist überaus gefällig. "Kauai O'o" ist die hawaiianische Bezeichnung des vermutlich leider augestorbenen Schuppenkehlmoho, und so dreht sich der Song passenderweise ums Verstummen. Eine Spur flotter und vor allem fröhlicher geht es ausnahmsweise in "Samara" und "Olalla" zu. Ersteres könnte problemlos ein Radiohit sein, auch weil Edwards hier wieder so ein wahnsinnig eingängiges Gitarrensolo einbringt, Letzteres marschiert auf hellen Charango-Tönen freudig voran.

Sehnsucht ist ja so eine Sache, die man heute gar nicht mehr so oft empfindet. Zumindest in der westlichen Welt, wo unfreiwilliger Verzicht heute selten geworden ist. Blanco White aber kann davon ein Liedchen singen – oder eben elf. Sein Vortrag scheint aus seinem tiefsten Inneren zu kommen und noch immer um dasselbe sehnsüchtige Feuer zu tanzen, das einst in seinem zehnjährigen Herzen entflammt wurde. Dieser Wunsch, Fremdes kennenzulernen, aufzusaugen und zu durchdringen, ist maßgeblich für "On the other side". Das Album ist getrieben, aber dennoch in sich stimmig, weil Edwards seine Wurzeln nie verkennt. Es macht dem Hörer etwas zugänglich, was er vielleicht schon lange nicht mehr gefühlt hat. Wenn Musik einen Zweck haben müsste, dann wäre er damit mehr als erfüllt.

(Pascal Bremmer)

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Highlights

  • On the other side
  • All that matters
  • Kauai O'o
  • Olalla

Tracklist

  1. On the other side
  2. I belong to you
  3. All that matters
  4. Samara
  5. Desert days
  6. So certain
  7. Kauai O'o
  8. Papillon
  9. Olalla
  10. Chasing dials
  11. Mano a mano

Gesamtspielzeit: 48:28 min.

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User Beitrag

Mr Oh so

Postings: 1505

Registriert seit 13.06.2013

2020-06-01 01:06:13 Uhr
Live in Hamburg gesehen. Grandioser Auftritt.

Samstag Nacht

Postings: 3

Registriert seit 14.10.2018

2020-06-01 01:03:07 Uhr
Live in Haldern gesehen. Hat mich sehr berührt. Freu mich auf das Album.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 18655

Registriert seit 08.01.2012

2020-05-27 19:53:04 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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