Muzz - Muzz

Muzz- Muzz

Matador / Beggars / Indigo
VÖ: 05.06.2020

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Wer braucht schon D'Artagnan?

Geschätzter Plattentests.de-Leser, ich weiß ja nicht, wie es bei Dir so ist, aber lass mich Dir eines sagen: Ich habe ein paar wirklich tolle Freunde. Lustige, vertrauenswürdige, liebe Menschen, die mit mir Pferde stehlen und die anschließende Zeit im Knast erträglich machen würden. Richtig talentierte Leute sind auch dabei! Und trotzdem nervte mich kurz mein eigener Neid, als ich las, dass Interpols very own Paul Banks und Josh Kaufman – der etwa mit The National noch ein paar ganz andere Kumpels hat und zuletzt mit Bonny Light Horseman zu überzeugen wusste – bereits seit Teenie-Tagen befreundet sind. Und diese Freundschaft dazu führte, dass sie sich mit The-Walkmen-Drummer Matt Barrick zu ihrem gemeinsamen Projekt namens Muzz entschieden haben. Wie wäre mein Leben verlaufen, wenn auch ich jemanden seit meiner Kindheit gekannt hätte, der ebenso leidenschaftlich Luftgitarre spielt? Oh, all die geplatzten Träume.

Aber Spaß beiseite: Was das Trio als Muzz da fabriziert und zu welchen albernen Wortspielen es nicht nur mich anspornt – das ist ganz große Klasse. Das selbstbetitelte Debütalbum lässt ebenso sicher nicht nur mich grübeln, in welche Genre-Schublade ich das alles packen soll, sondern fesselt von der ersten Sekunde an. Üppige Instrumentierung? Check. Sich im Ohr einnistende Melodien? Doppel-Check. Ein regelrecht auf Hochtouren singender Banks, der hier seine beste Leistung seit langem abliefert? Damit wäre der Hattrick wohl geschafft. Fans von dessen Hauptband werden das Nebenprojekt gut zu ignorieren wissen, alle anderen schenken sich den übergroßen D'Artagnan besser gleich und verlassen sich auf die drei Muzzketiere. Haben wir eigentlich schon über die albernen Wortspiele geredet? Wie dem auch sei: Zweiflern sei die Single "Broken tambourine" besonders ans Herz gelegt, ein fast fünfeinhalb Minuten starkes Epos, angeführt von einer sanften Piano-Melodie, zu der sich alsbald eine Klarinette und Barricks Schlagzeug gesellen, dazu der tiefe, samtweiche Gesang von Banks. Und Zeilen, die bei Interpol deutlich voyeuristischer dahergekommen wären: "I watch you sleep / And it's heavenly Heaven."

Vielleicht ist Neid auch das grundfalsche Gefühl bei der Kombination Banks/Kaufman/Barrick, deren Beziehung zueinander und das tiefe Vertrauen auch ein Grund dafür sein dürften, dass "Muzz" tatsächlich runtergeht wie Öl. Dass sie stellenweise durchaus an The National erinnern, schadet freilich nicht: "Red western sky" wirkt glatt ein bisschen so, als würde man hier Matt Berningers Grandeur zu stibitzen versuchen wie meine Freunde und ich die eingangs erwähnten Pferde, allerdings erfolgreicher. Aber selbst hinter Gittern wäre es hier mit musikalischer Untermalung in Form des verspielten Openers "Bad feeling" gut auszuhalten, wenngleich das düstere "Chubby Checker" uns mitten in der Nacht ein bisschen das Gruseln lehren würde. Derweil hilft "How many days" nicht nur, die verbleibende Zeit hinter schwedischen Gardinen abzuzählen, sondern die eben angesammelten Ängste direkt wieder abzuschütteln. Wie genau sind wir jetzt eigentlich wirklich im Gefängnis gelandet? Schnell zurück an die schönen Tage denken, an früher, an "Everything like it used to be". Alles wieder gut. Sogar besser als vorher.

Nicht wirklich Indie-Rock oder Folk ist "Muzz", eher ein kurioses Zwischending, das eben noch ein gemütliches Ausbreiten am Lagerfeuer andeutet und urplötzlich doch wieder aufspringt. Ruhige Momente gibt es dennoch, und auch wenn das bisherige Jahr 2020 anders ist, als man anfangs noch erwartet hätte, weckt das zuckersüße "Summer love" doch die Lust auf die kommenden lauen Sommerabende. Und sollte man sich noch nicht melancholisch genug fühlen bei dem Gedanken, dass man mit den eigenen Freunden schon lange nicht mehr so richtig ausgelassen zusammen sein konnte, hilft das abschließende "Trinidad" mitsamt Blasorchester doch immerhin bei einer ordentlichen und reinigenden Heulorgie. Lass mich Dir noch etwas sagen, lieber Plattentests.de-Leser: "Muzz" wird Dir Deine Sorgen und Deinen Kummer leider nicht nehmen können. Aber es wird alles etwas leichter machen und Dich wenigstens für knapp eine Dreiviertelstunde ablenken. Auf diese drei Freunde ist ganz gewiss Verlass.

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • Bad feeling
  • Everything like it used to be
  • Broken tambourine
  • Trinidad

Tracklist

  1. Bad feeling
  2. Evergreen
  3. Red western sky
  4. Patchouli
  5. Everything like it used to be
  6. Broken tambourine
  7. Knuckleduster
  8. Chubby Checker
  9. How many days
  10. Summer love
  11. All is dead to me
  12. Trinidad

Gesamtspielzeit: 43:27 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

musie

Postings: 2773

Registriert seit 14.06.2013

2020-06-21 16:20:39 Uhr
wem das gefällt der macht keinen Fehler wenn sie/er in Sam Himself reinhört. ZB die neue EP Slow Drugs. ich liebs

Voyage 34

Postings: 920

Registriert seit 11.09.2018

2020-06-20 18:32:39 Uhr
Starkes Album, bin seeehr angetan. So gut fand ich schon keine Platte mit Banks mehr

vincent92

Postings: 70

Registriert seit 22.11.2016

2020-06-20 17:42:16 Uhr
Ganz groß, was sich da Muzz nennt :-)
So nah war Paul Banks noch nie an Kashmir dran. Steht ihm ausgezeichnet :-)

Jennifer

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 2720

Registriert seit 14.05.2013

2020-06-11 17:25:55 Uhr
Spricht auch nix dagegen, dass Du dazu einen Thread erstellst. Vielleicht finden sich dadurch noch mehr Fans. :)

dreckskerl

Postings: 2764

Registriert seit 09.12.2014

2020-06-11 17:22:27 Uhr
Hab nun nochmal das wunderbare Muzz - Album gehört, okay die Ähnlichkeiten sind, wenn dann eher bei den ruhigeren, spärlicher instrumentierten Tracks zu hören.

Beide Alben haben aber eine ähnliche Wirkung auf mich, und vielleicht brauchte ich nur einen Anlass, um auf das von mir so sehr gemochte neue Clem Snide Album hinzuweisen.

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