Kehlani - It was good until it wasn't

Kehlani- It was good until it wasn't

Atlantic / Warner
VÖ: 08.05.2020

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 4/10

Schlafzimmer-Chirurgie

Die Geschichte von Kehlani Parrish liest sich wie ein Künstlerinnenleben im Zeitraffer. Auf eine kurze Castingshow-Popularität als Teenie folgte eine Zeit ohne festen Wohnsitz und Karriere-Aussichten, bis es mit diversen Mixtapes, Kollabos und dem Debüt "SweetSexySavage" doch zum Platz im großen R'n'B-Zirkus langte. Danach unternahm sie im Zuge von Untreue-Vorwürfen einen Suizidversuch, betrieb ein öffentliches Beziehungs-Gemetzel mit dem Rapper YG und wurde Mutter – all das noch vor Abschluss ihres 25. Lebensjahres. Die ganzen Privatdetails mögen an dieser Stelle deplatziert erscheinen – zumal die fleißige Social-Media-Nutzerin schon selbst ihre größte Chronistin ist – helfen aber dabei, einen Zugang zu ihrer Musik zu legen. Diese besticht durch eine besondere emotionale Offenheit, die den im Zeitgeist verankerten Genre-Standards eine eigene Note verleiht. Auch auf ihrem zweiten Album mit dem logisch einwandfreien Titel "It was good until it wasn't" macht Kehlani keine Gefangenen. Sie ergeht sich nicht in Selbstmitleid und lässt schwermütige Momente wie das Piano von "Water" eine Ausnahme bleiben. Mit sterilen Beats und messerscharfen Lyrics seziert die Kalifornierin nicht nur ihr eigenes Innenleben, sondern legt auch allgemeine Wechselwirkungen von Liebe und Begehren offen.

"You know that dick always been problematic / Somehow I'm always caught in your dramatics." Von einem klinisch klingelnden Glockenspiel-Ton begleitet kommt der Opener "Toxic" zur Erkenntnis, dass das Gift destruktiver Beziehungen oft auch ein Suchtmittel ist. "This shit's so good, should be illegal / Need round two, I need a sequel", heißt es vielsagend in "Can I" während Gitarren-Anschläge und Quietschgeräusche einen faszinierenden Hintergrund aufspannen. Nach zwei Songs weiß man zwei Dinge über "It was good until it wasn't". Erstens macht Kehlanis Deutlichkeit auch nicht vor dem Schlafzimmer halt, womit sie trotz ihres unterkühlt-modernen Sounds in der Tradition von Marvin Gaye und Co. steht. Zweitens ist die Musik detailliert und verspielt genug, um das Album auch trotz durchgehend dösigem Tempo nie in Langeweile kippen zu lassen. "Serial lover" vermengt Flöten mit Akustikgitarren und lässt seinen Beat bis zur fantastischen Hook ein wenig neben der Spur laufen. Im Lounge-Pop von "Hate the club" wartet die gelangweilte Protagonistin auf ihren Lover, bekommt aber nur ein einsames Saxofon als Gesprächspartner. Interessant gestalten sich auch die synthetischen Chöre von "Bad news" oder das leicht versetzte Selbst-Duett in "F&MU".

"Everybody business" greift wieder zur Akustischen, um die öffentlichen Scharfrichter von Kehlanis Privatleben anzuklagen. "Don't make me feel bad for lovin'", fordert sie hier und fragt später: "Can you blame me for needing?" Um die von der zersplitterten Beziehung hinterlassenen Wunden weiß sie besser als alle anderen, aber kann man ihr den Wunsch nach Zuneigung wirklich übelnehmen? In "Grieving" darf Indie-Darling James Blake mitklagen, ohne seiner Duettpartnerin die Bühne zu stehlen. Gemeinsam formen sie mit einem kargen wie cineastischen Beat samt himmlischer Streicher-Coda den besten, bewegendsten Song der Platte. Doch Liebe kann auch etwas erfüllendes, bereicherndes sein, wie das Jhené-Aiko-Feature "Change your life" weiß: "I'm not sayin' that you incomplete, but / Just imagine what we'd be if we became one / You deserve someone that'll take you to another level." Auch "Open (Passionate)" durchströmt ein Licht der Heilung, doch am Ende wartet ein Nackenschlag. Die letzten Worte von "It was good until it wasn't" gehören der mit nur 21 Jahren verstorbenen Rapperin Lexii Alijai, die Kehlani wie eine kleine Schwester liebte: "This is life, you just gotta wake up and grasp the shit." Ein Pep Talk aus dem Geisterreich, den die verbliebene Freundin trotz aller Abhärtung durch ihre turbulenten 25 Lebensjahre sicher gebrauchen kann.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Toxic
  • Hate the club (feat. Masego)
  • Serial lover
  • Grieving (feat. James Blake)

Tracklist

  1. Toxic
  2. Can I (feat. Tory Lanez)
  3. Bad news
  4. Real hot girl skit (feat. Megan Thee Stallion)
  5. Water
  6. Change your life (feat. Jhené Aiko)
  7. Belong to the streets skit
  8. Everybody business
  9. Hate the club (feat. Masego)
  10. Serial lover
  11. F&MU
  12. Can you blame me (feat. Lucky Daye)
  13. Grieving (feat. James Blake)
  14. Open (Passionate)
  15. Lexii's outro

Gesamtspielzeit: 39:37 min.

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Armin

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2020-05-27 19:51:03 Uhr - Newsbeitrag
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