Choir Boy - Gathering swans

Choir Boy- Gathering swans

Dais / Cargo
VÖ: 08.05.2020

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Schwelgerische Seufzer

Als wären private VHS-Aufnahmen aus den Achtzigern aufgetaucht, die eine Clique bleich geschminkter, romantischer Waver dabei zeigen, wie sie durch Vorstädte und Industriebrachen radeln oder versonnen auf Schaukeln sitzen. So wirkt das Musikvideo zu "Toxic eye", dessen Entstehung natürlich längst nicht so weit zurückliegt, das aber in mancherlei Hinsicht sehr aufschlussreich für die Ästhetik von Choir Boy ist. Während seine Bandkollegen in schwarzen Lederjacken stoisch in die Ferne starren, trägt Frontmann Adam Klopp knallrote Kleidung und Make-up, das ein wenig aussieht, als hätte die Bowie-Persona Aladdin Sane eine schlimme Augeninfektion erlitten. Ein Außenseiter unter Außenseitern also, so inszeniert sich Klopp, dessen Punk-Kollegen ihm ob seiner religiösen Gesangsausbildung einst den Spitznamen Chorknabe verpassten. Seine Band hört inzwischen auf den gleichen Namen und irgendwo tief im schwelgerischen Sound des Quartetts aus Salt Lake City verbergen sich wohl auch die Einflüsse leiser Choräle und punkigen Trotzes. "Annie, I'm either prophetic or pathetic / I just can't decide."

In erster Linie klingt ihr zweites Album "Gathering swans" aber in beeindruckender Manier nach jenem stilisierten Weltschmerz, der in den 80er-Jahren manchmal auch The Cure oder New Order, am liebsten aber The Smiths durch die Boxen klagen ließ – jedoch etwas weicher und üppiger. Synthie-Bläser und -Streicher, sanft getupfte Klavierakkorde, melodiöse Bassläufe und der berüchtigte Hall auf dem Schlagzeug entrücken die Lieder an einen nostalgischen Ort voll träumerischer Melancholie. Das genannte "Toxic eye" kontrastiert vermeintlich heitere Ba-Da-Da-Chöre mit einer herzzerreißenden Bläsermelodie im vollendeten Spagat. Die ebenso großartige Single "Complainer" eröffnet mit einem treibenden Riff, das an Johnny Marr erinnert, während Klopp die Widersprüche seines inneren Morrissey hervorholt: "Oh, my life / What a pitiful thing to hear / It's a phrase so funny / When it's spoken so sincere." Im Refrain folgt die sarkastische Absage an das Selbstmitleid, dessen Verführung sich doch gerade eben vollendet zu haben schien: "But it's not that bad / I'm just a complainer."

In diesen Liedern spielen Choir Boy ihre ganzen Stärken aus: Die zahlreichen Schichten ihres atmosphärisch-dichten Sounds, die sich selbst reflektierende Nostalgie und nicht zuletzt die wunderbaren Gesangsmelodien Klopps, dessen Stimme immer wieder in ein kraftvolles und doch fragiles Falsett kippt und sich schnell ins Gedächtnis einprägt. Dass "Gathering swans" in der zweiten Hälfte solch brillante Höhen nicht mehr ganz erreicht und sein Repertoire nur noch sporadisch variiert, ist nicht weiter dramatisch. Denn hinter den schillernden Pop-Songs versteckt sich insgeheim eben auch ein Ambient-Album; ungemein dicht malen Choir Boy ihre Stimmungsbilder – nicht nur im an Twin Peaks erinnernden Instrumental "St. Angela Merici". Vielleicht beschreibt es Klopp im getragenen "Nites like this", dessen Titel auf den Hit von The Cure referiert, selbst mit einer Prise Pathos am besten: "And deeply sighs our woven melody." Ein Seufzer, so tief, dass er Jahrzehnte zurückreicht.

(Viktor Fritzenkötter)

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Highlights

  • Toxic eye
  • Complainer
  • Nites like this

Tracklist

  1. It's over
  2. Toxic eye
  3. Complainer
  4. Nites like this
  5. St. Angela Merici
  6. Sweet candy
  7. Shatter
  8. Eat the frog
  9. Happy to be bad
  10. Gathering swans

Gesamtspielzeit: 41:22 min.

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Armin

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2020-05-27 19:50:15 Uhr - Newsbeitrag
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