The 1975 - Notes on a conditional form

The 1975- Notes on a conditional form

Polydor / Universal
VÖ: 22.05.2020

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

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Man könnte ja so wie meistens. Macht ja schließlich jeder so. Aber nein, einen am noch so kurzen Nasenhärchen herbeigezogenen Aufhänger braucht es für diesen Text zu "Notes on a conditional form", dem vierten Longplayer der mittlerweile sehr großen britischen Band The 1975 um Frontmann, Frauenschwarm und Zuckerstimmchen Matt Healy, nicht. The 1975 nehmen einem die Arbeit ab, hängen frei Schnauze alles Mögliche an das Klang-Firmament: Synthie-Wölkchen, Beat-Hagel, Glockenspiel-Strahlen, Streicher-Effekte, Gitarren-Girlanden, Spoken-Word-Predigten, Gesangs-Harmonien und Vocoder-Konfetti. Die Fragestellung "Ist das Kunst oder kann das weg?" mündet in eine Sachanalyse: 80 Minuten, 22 Songs: Das ist kreativer Größenwahn im Kleinteile-Paradies.

Zeit zum Entdecken braucht man, aber Wachwerden ist kein Problem. Vorausgesetzt, man ist kein Wutbürger, der lieber betrügerischen Diesel-Herstellern die Kofferraumstange hält denn einer mutigen Teenagerin Respekt zollt. Greta Thunberg bekommt die gesamten fünf Minuten des Openers "The 1975" überlassen, um eines der gewichtigsten, immer noch zu wenig gehörten Probleme der Menschheit klar zu umreißen. Mit "People" legen Healy und Co. ihren wohl lautesten Track überhaupt nach. Worum es da geht, ist obsolet: "Wake up, wake up, wake up / We are appalling and we need to stop just watching shit in bed." Nicht nur hier wird der gesellschaftsorientierte Ansatz klar: The 1975 wissen um ihr breit aufgestelltes Publikum und um ihre Reichweite. Die kann man sicherlich schlechter nutzen.

Ihre XXL-Palette von Stadion-Pop über charmanten Brit und Two Step, tanzbarste Electronica, schmalzigen R'n'B, von Rap bis hin zum Emorock müsste im Grunde dafür sorgen, dass diese Band niemand mag. Doch trotz üppiger Hater-Front ist das unterm Strich doch umgekehrt. Man muss auch kein Herz verteilen, um coole Sounds und Beats, originelle Samples, Hooks, Klangfetzen oder gar ganze Hits für sich zu entdecken. Die neuen Floorfiller im Achtziger-Dress heißen etwa "If you're too shy (let me know)", eine perlende Kollabo mit FKA Twigs, und der Indie-Popper "Me & you together song". Dabei sind die Briten unter der Diskokugel durchaus mit mehr Punch unterwegs als etwa Metronomy oder Tame Impala. Cheesy und poliert kommt die Pop-Hymne "The birthday party" daher, trägt wie das schmierige "Guys" und das schmissige "Roadkill" aber immer deutlich mehr Britpop-Blüte der Vergangenheit im Haar, als es zunächst scheint. "Jesus Christ 2005 God bless America", das schöne Duett mit Phoebe Bridgers, ist ebenfalls sehr hörenswert.

The 1975 sind mehr denn je Könige der Experimente. Egal welcher Sound, egal welches Jahrzehnt: Das, was nicht zusammenpasst, nur halbfertig erscheint, macht für den Vierer mit den größten Reiz aus, und so verschmilzt "Nothing revealed / Everything denied" Nineties-Boyband-Pop mit Rap und modernem R'n'B. "What should I say" und "Bagsy not in net" sind beinahe nur aus Stimmeffekt(en), Samples, Glockenspiel und Synth-Beats geschnitzt, bewegen den Allerwertesten dennoch passabel. Bei der Fülle an Tracks ist sicherlich auch viel Halbgares oder Überflüssiges dabei, doch kleine Perlen lauern in den Nischen. Für den Rezensenten darf's gerne mehr der Marke "Then because she goes" sein. Bloß fein-melancholischen Britpop spielen? Nicht mit der gelebten Extravaganz eines Matt Healy. Macht ja schließlich jeder so.

(Eric Meyer)

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Highlights

  • People
  • The birthday party
  • Then because she goes
  • Roadkill
  • Me & you together song

Tracklist

  1. The 1975
  2. People
  3. The end (Music for cars)
  4. Frail state of mind
  5. Streaming
  6. The birthday party
  7. Yeah I know
  8. Then because she goes
  9. Jesus Christ 2005 God bless America
  10. Roadkill
  11. Me & you together song
  12. I think there is something you should know
  13. Nothing revealed / Everything denied
  14. Tonight (I wish I was your boy)
  15. Shiny collarbone
  16. If you're too shy (let me know)
  17. Playing on my mind
  18. Having no head
  19. What should I say
  20. Bagsy not in net
  21. Don't worry
  22. Guys

Gesamtspielzeit: 80:11 min.

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User Beitrag

Francois

Postings: 17

Registriert seit 26.11.2019

2020-06-10 20:50:59 Uhr
Die Band hat was. Sicher keine 0815 Pop / Boyband.

Aber das Album ist ein Stück zu viel des guten.

Das Greta Intro? Unnötig. People dafür sehr geil.
Ihr Supermassive Black Hole.
Birthday Party, you & me together, etc sind sehr nett bis sehr gut. Die unnötigen Instrumentals dazwischen,... es wirkt wie eine Kopie des besseren Vorgängers. Das ist hier aber dafür deutlich unterbewertet worden.

Ich bin generell kein Fan von diesen langgezogenen Alben und hier war definitiv mehr drin.

mIsland

Postings: 105

Registriert seit 16.04.2020

2020-06-02 12:28:50 Uhr
Volle Zustimmung für MM13. Ich gehe noch weiter und sage: Ein schreckliches Album von einer schrecklichen Band. Ich empfinde es irgendwie als abstoßend, wie glatt und seelenlos die verschiedenen Genres hier aneinander gereiht werden. Boyband trifft es sehr gut.

Auch richtig, was tumbleweed sagt.

tumbleweed

Postings: 259

Registriert seit 02.09.2019

2020-06-02 10:30:15 Uhr
geht nicht so an mich, wirkt irgendwie etwas zu verzettelt.
Und die guten Absichten der Band in allen Ehren. Ich muss die Anliegen von Frl. Greta nicht auch noch auf einem Musikalbum haben. Jeder weiss für was Sie steht. Entweder man hats kapiert oder wird auch jetzt nicht mehr verstehen.

Felix H

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 5237

Registriert seit 26.02.2016

2020-05-29 21:28:09 Uhr
ausserdem sind wir auf dem neuen album ein bisschen (zu)viele unterschiedliche genresounds so als wüssten sie nicht genau wohin es gehen soll.

Verstehe ich als Kritik, das ist aber einfach das, was sie ausmacht.

MM13

Postings: 1884

Registriert seit 13.06.2013

2020-05-29 18:54:13 Uhr
eine band die völlig unberührt an mir vorbei geht,finde ich einfach keinen draht dazu,mir kommt die band irgendwie als boyband im indie-sektor vor.ausserdem sind wir auf dem neuen album ein bisschen (zu)viele unterschiedliche genresounds so als wüssten sie nicht genau wohin es gehen soll.
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